„Zornigen Menschen hört niemand zu. Zornigen schwarzen Frauen erst recht nicht“

Weil Schweigen keine Alternative ist: Der Freischütz erzählt unter anderem vom Kampf um Aufnahme in die Gesellschaft. Die  südafrikanische Sopranistin Golda Schultz kann davon ein Lied singen. Eine Begegnung.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen Max-Joseph-Magazin, das am 29. Januar 2021 erscheint.

Golda Schultz ©Constantin Mirbach

An ihrem Lachen kommt man nicht vorbei. Es bricht Pausen ins Gespräch, glättet Unsicherheiten und verweigert sich der Schicksalsschwere. Die Frau, die gebeten wird, ihr Leben auszubreiten in der kleinen Sondergarderobe der Bayerischen Staatsoper an einem Morgen im November, diese Frau hüllt sich in Fröhlichkeit wie in die Daunen eines Mantels. Durchs offene Fenster zieht es frisch herein.
Golda Schultz, Ausnahmetalent und eine der wenigen südafrikanischen Sängerinnen auf europäischen Bühnen, ist eben in ihre Wahlheimat München zurückgekehrt, um die Proben für den Freischütz in der Regie von Dmitri Tcherniakov aufzunehmen. Die Partie der Agathe soll sie singen, unheilahnende Braut des Jägerburschen Max. Froh ist sie, dass sie trotz der Pandemiebeschränkungen arbeiten kann. Im April stand sie auf der Bühne der Metropolitan Opera in New York, im Juli sang sie vor Turiner Pflegekräften in einer bewegenden Darbietung die Sopranpartie aus Mozarts Requiem. Jüngst trat sie in der Royal Albert Hall in London auf als Solistin bei der „Last Night of the Proms“, sang You’ll Never Walk Alone, den zur Fußballhymne gewordenen Musicalhit, nun Hymne all derer, die zuversichtlich bleiben. Golda Schultz soll bei den Osterfestspielen 2021 in Salzburg singen, auf der Schubertiade, auf dem Internationalen Musikfest in Hamburg und im Sommer die Partie der Gräfin Almaviva in Le nozze di Figaro an der Bayerischen Staatsoper. Sie glaubt, dass sich bald eine neue Konzertnormalität entwickeln wird. Appelliert auf Instagram an ihre Fans, Künstler zu unterstützen, weil wir doch die Musik bräuchten, um Harmonie in das Chaos dieser Tage zu bringen. Sie hat gelernt, widrige Umstände hinzunehmen. Nicht zu lamentieren, sondern zu prüfen, was möglich ist. Sie zieht jetzt die Maske ab und lacht, weil sich das entblößte Gesicht so intim anfühlt wie eine Umarmung, wie ein Freundschaftsangebot.
Entschlossen ist ihr Auftreten, ein Erbe ihres Vaters. Unbedingt wollte er als Mathematikstudent an einer der besten Universitäten seine Doktorarbeit schreiben, erzählt Golda Schultz, und so reiste er von Südafrika aus mit einem Stipendium in der Tasche nach Freiburg im Breisgau. Er nahm die Vorlesungen auf Tonband auf, schrieb sie zu Hause ab und übersetzte sie ins Englische, Wort für Wort. Golda Schultz weiß, was es bedeutet, Deutsch zu lernen, mit der Grammatik zu ringen. Sie wurde dabei unterstützt, ihr Vater nicht. Sie bewundert ihn für seine Zielstrebigkeit. Beschreibt ihn als Stein in der Mitte eines Flusses, ihre Mutter als das Wasser, das ihn umfließt. Emphatisch sei sie, ausgleichend, auch diese Wesenszüge haben Golda Schultz geprägt, sie sucht die Balance zwischen beiden. Gelingt mir nicht immer, sagt sie und erinnert sich, dass sie hier und dort mit ihrer Sturköpfigkeit übers Ziel hinausschießt. Sie lacht verlegen.
In Bloemfontein ist sie geboren, mitten im südafrikanischen Winter. Morgens ist es unter null Grad, mittags sommerlich warm, die Stadt liegt 1.400 Meter über dem Meeresspiegel. Zu Hause wird Afrikaans und Englisch gesprochen, es sind ihre Muttersprachen. Als sie sechs Jahre alt ist, zieht die Familie nach Bophuthatswana, ein Homeland an der Grenze zu Botswana, selbstverwaltetes Gebiet. Hier bekommt Schultz wenig mit von der Apartheid, ihre Umgebung ist multikulturell. Als Einzelkind lernt sie, Freundschaften zu schließen. Sie singt im Chor. Singt, weil es ihr Spaß macht. Singt vor allem, um Zeit mit ihren Freundinnen und Freunden zu erbringen. Ihr Vater ist inzwischen Professor, ihre Mutter hat Psychologie studiert und arbeitet als Krankenschwester. Es ist ein behütetes Aufwachsen. Morgens auf dem Weg zum Kindergarten, ihr Vater fährt sie, hören sie Kassetten mit Songs von Cat Stevens und Paul Simon. Ihre Mutter spielt ihr R&B vor, The Supremes, Tina Turner. Klassische Musik entdeckt Golda Schultz später, mit zehn vielleicht, Haydn und Beethoven, Platten des Vaters.
Sie ist ein Teenager, als die Apartheid offiziell für beendet erklärt wird. Nelson Mandela ist der erste schwarze Präsident des Landes, als Golda Schultz in Kapstadt beginnt, Journalistik zu studieren. Mit 19 Jahren nimmt sie zum ersten Mal Gesangsunterricht und spürt, wie richtig sich das Singen anfühlt. Ahnt, dass es ihrem Leben eine andere Richtung geben wird. Hör auf deine Stimme, drängen sie Freunde, und mit 25 traut sie sich, den Gesang in den Fokus zu rücken. Wenn es nicht klappt, lasse ich es eben, beruhigt sich Golda Schultz, als sie sich zwei Jahre später an der berühmten Juilliard School bewirbt, Konservatorium und Schauspielschule in New York. Sie wird angenommen.

„Als braune Frau werde ich in meinem Alltag immer wieder an mein Anderssein erinnert. Niemand sagt, dass er keine schwarze Sängerin will. Hingegen behauptet man: Ich habe mir die Rolle anders vorgestellt.“

Golda Schultz ©Constantin Mirbach

Ihre Zeit in Amerika fühlt sich an wie eine lange, harte Prüfung. Golda Schultz sieht sich mit absurden Zielen konfrontiert. Bis sie 30 Jahre alt ist, soll sie bestimmte Rollen erarbeitet, an exzellenten Häusern gesungen haben. Da ist sie 27. Sie lernt, dem Druck standzuhalten und die eigenen Ansprüche zurückzunehmen, die der anderen sind laut genug. Sie will singen, wer ihr dabei zuhört, ist letztlich zweitrangig. Vielleicht schafft sie es gerade wegen dieser bedingungslosen Singfreude, zu einer Sopranistin zu werden, die auch auf internationalen Bühnen gefeiert wird, für ihre große Stimme, ihr vibrierendes Timbre. Sie fühlt diese Stimme mehr, als dass sie sie hört. In den Wangen, in der Brust, überall im Körper. Von 2011 bis 2013 ist sie Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper, singt anschließend am Stadttheater Klagenfurt und kehrt für vier Jahre als Ensemblemitglied nach München zurück. Sie singt Rollen wie die Sophie im Rosenkavalier, Pamina in der Zauberflöte, Freia im Rheingold, Donna Elvira im Don Giovanni.
Golda Schultz beobachtet sich dabei selbst und lässt spät den Gedanken zu, dass sie es geschafft hat, ihr Erfolg keine Pfandleihe ist. Am meisten erfüllt sie das Rollenstudium. Sich in die Psyche der Figuren hineinzudenken, sich ihre Erfahrungen überzustreifen und für die Dauer einer Aufführung ihre Leben fortzuführen, macht sie glücklich. Sie sagt: Ihre Geschichten nähren mich. Sie habe sich während der Vorbereitung auf den Freischütz gefragt, warum wir Menschen an der Idee von Gut und Böse hängen. Sie hat darüber nachgedacht, ob Agathes dunkle Ahnungen auf Religion oder Naturverbundenheit, auf eine Naturreligion zurückgingen. Sie sind Schultz in diesem Ausmaß fremd, Max' Bangen um Aufnahme in die Gesellschaft hingegen nicht. Als "braune Frau", als die sich Golda Schultz bezeichnet, wird sie in ihrem Alltag immer wieder an ihr Anderssein erinnert. Kein Aufnahmeritual dieser Welt kann sie davon befreien. Sie spricht jetzt von der coded language, der vermeintlich neutralen Sprache, welche die Ausgrenzung nur verschleiere. Niemand sagt, dass er keine schwarze Sängerin will, erklärt Schultz, hingegen behauptet man: Ich habe mir die Rolle anders vorgestellt.
Der Rassismus im Kleinen hänge mit dem im Großen zusammen, schreibt die Journalistin Alice Hasters in ihrem 2019 veröffentlichten Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten. Wie also reagieren in diesen Momenten? Golda Schultz hat sich das tausendfach gefragt, ihr Leben sei ein ewiges Abwägen: auf die Diskriminierung –  auch die ungewollte – hinweisen oder sie hinnehmen? Oft zum Beispiel werde ihre Stimme mit der von Kathleen Battle oder Leontyne Price verglichen, erzählt Schultz, es sind schwarze Sängerinnen. Sie fragt: Klingen die Stimmen der weißen so anders, dass sie nicht als Referenz taugen? Sie bleibt leicht, wird nicht müde oder zynisch – wie gelingt ihr das? Verletzlich wirkt sie jetzt. Ich habe gelernt zu lachen, antwortet sie nüchtern, nur so könne sie überleben und sich stärker fühlen als jene, die sie abwerten und ihre Freiheit einschränken. Das Lachen zeige, wie absurd der Rassismus sei: Würde es uns nicht gelingen zu lachen, wären wir ein Heer zorniger Menschen, sagt Schultz, und zornigen Menschen höre niemand zu. Zornigen schwarzen Frauen erst recht nicht.
The Angry Black Woman ist ein Topos in Filmen, Büchern, Comedyserien und Musikvideos, schreibt Alice Hasters, dauerwütende, lächerliche Figuren. Jedes Aufbegehren sei ein Risiko, selbst diesem Gespräch liege ein Abwägen zugrunde, sagt Golda Schultz: Vielleicht finde sie auf Deutsch nicht die richtigen Worte. Vielleicht missverstünde ich sie. Vielleicht fordere ihr heutiger Hinweis auf diskriminierendes Verhalten einen zu hohen Preis, wer wisse das schon. Nur welche Alternativen bleiben?
Lass uns bitte nicht über Politik sprechen, bat ihre Mutter vor Wochen beim Abendessen in Südafrika, erinnert sich Golda Schultz. Sie wolle nicht respektlos sein, habe sie geantwortet, doch warum nicht über etwas reden, das einen Einfluss habe auf ihre Leben? Das sogar bestimme, wie sie sich in ihrer Haut fühle? Politik sei persönlich, sei es immer gewesen. Und deshalb sei Schweigen keine Alternative, sagt sie jetzt, zieht sich ihre Maske übers lächelnde Gesicht, winkt und verschwindet.

Text: Lisa Frieda Cossham

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