Wo ist der Orchestergraben hin?

Wo üblicherweise der Orchestergraben, durch eine Brüstung vom Zuschauerraum getrennt, in die Tiefe reicht, ist nun ein Boden eingezogen. Was drastisch klingt, dient letztendlich einer guten Sache: Um bestmöglich auf die neuen Anforderungen zu reagieren, und somit auf die Wiederaufnahme eines Spielbetriebs im Herbst hinzuarbeiten, ist es unter anderem nötig, unseren Orchestermusikerinnen und -musikern zu ermöglichen, auch während ihres Dienstes die geltenden Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen einzuhalten. Die Überbauung des Orchestergrabens, um die bespielbare Fläche zu vergrößern, war einer von vielen Schritten in diese Richtung. Welche technischen und Corona-bedingten Überlegungen hinter dem Umbau des Orchestergrabens stecken, hat uns Karsten Matterne, Technischer Direktor der Bayerischen Staatsoper, erklärt.

Der Orchestergraben der Bayerischen Staatsoper während einer Opernvorstellung...
... und während des Umbaus.

„Grundsätzlich ist eine Überbauung des Orchestergrabens nicht ungewöhnlich, sondern kommt durchaus häufiger vor,“ erklärt Karsten Matterne. Auch während des normalen Spielbetriebs an der Bayerischen Staatsoper werde der Orchestergraben für einzelne Produktionen, wie z.B. Ballett ohne Orchester oder für Konzerte überbaut. Dies sei technisch einfach zu realisieren, indem im leeren Orchestergraben wahlweise ein Unterbau auf Saal- oder Bühnenniveau errichtet wird, auf dem später Bodenplatten verlegt werden, um die Bühnenfläche oder den Zuschauerraum um weitere Bestuhlungsreihen zu erweitern. Während im normalen Theaterbetrieb ein solcher Umbau bühnenbildnerische Gründe haben kann, begründet sich dies in Zeiten von Corona durch die Notwendigkeit einer größeren Arbeitsfläche für das Bayerische Staatsorchester, um in Zukunft trotz geltender Abstandsregelungen musizieren zu können. „Ungewöhnlich ist, dass auch die Brüstung zum Orchestergraben entfernt wurde. Diese wurde zuletzt vor 50 Jahren ausgebaut,“ fährt Matterne fort. Dieser Schritt, sowie der Ausbau der ersten vier Parkettreihen, sei notwendig gewesen, um die Fläche des Orchestergrabens bis in den Zuschauerraum hinein zu erweitern. Während der Orchestergraben vor diesen Maßnahmen 100 Quadratmeter groß war, konnten somit weitere 70 Quadratmeter bespielbare Fläche  hinzugewonnen werden.

 

Die ersten vier Reihen der Parkettbestuhlung finden vorerst einen anderen Platz.
Auch während des Umbaus stehen die Vorbereitungen für neue Veranstaltungsformate nicht still.

Besucherinnen und Besucher, die unser Haus besonders gut kennen, mögen an dieser Stelle aufhorchen und insistieren, dass der Orchestergraben der Bayerischen Staatsoper doch ohnehin schon überdurchschnittlich groß ist und auch unter Normalbedingungen bis zu 111 Musikerinnen und Musikern Platz bietet. Einerseits sprengen tatsächlich nur wenige Produktionen der Bayerischen Staatsoper die Kapazitäten unseres Orchestergrabens, wie zum Beispiel Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten, deren Orchesterbesetzung nicht nur rund 120 Orchestermusikerinnen und -musiker und eine Jazzband vorsieht, sondern auch insgesamt 43 Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger, die sowohl im Orchestergraben, auf und hinter der Bühne tätig werden. Andererseits gibt Matterne zu bedenken, dass die Größe eines Orchestergrabens auch immer proportional abhängig von der Größe des jeweiligen Hauses ist. Da die Bühne des Nationaltheaters zu den größten Bühnen der Welt zählt und der Zuschauerraum mit fünf Rängen mehr als 2100 Plätze fasst, ist für die Klangentfaltung eine größere Besetzung im Orchestergraben notwendig.

Auch von oben ist die gewonnene Fläche deutlich sichtbar.
Ein ungewohnter Blick auf die Seitenbühne.

All diese Dimensionen werden angesichts der geltenden Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen jedoch obsolet: Für alle Musikerinnen und Musiker soll derzeit ein radialer Abstand von 1,5 Metern zueinander zur gewährleistet sein. „Jeder Musikerin und jedem Musiker stehen so etwa 7 Quadratmeter zur Verfügung,“ beginnt Karsten Matterne und fährt fort: „Wird dieser Abstand verringert, müssen konstruktive Hygienemaßnahmen getroffen werden.“ Er berichtet, dass an der Bayerischen Staatsoper derzeit verschiedene Maßnahmen erprobt werden, die von Schutzmasken über Paravents zu Plexiglaswänden reichen. Besonders letztere werden in den Medien immer wieder als zuverlässige Lösung diskutiert. Allerdings, so gibt Matterne zu bedenken, müsse bei dieser Schutzmaßnahme in die Überlegung miteinbezogen werden, dass durch schallharte Plexiglaswände der Schall direkt an die Musiker zurückreflektiert werde und zu einer schädlichen Verstärkung der Lautstärke führe, insbesondere für Blechbläserinnen und Blechbläser. Trotz der Erweiterung des Orchestergrabens werden also aufgrund der erforderlichen Hygienemaßnahmen zunächst nur wenige Musikerinnen und Musiker des Staatsorchester gleichzeitig musizieren können: „Welche Orchesterbesetzungen in Zukunft möglich sein werden, überprüfen wir anhand von Planzeichnungen.“

So können Planzeichnungen für künftige Orchesterbesetzungen aussehen.
Hier am Beispiel von zwei Orchesterbesetzungen für das kommende 13. Montagskonzert.

Beschäftigt man sich mit den Veränderungen des Orchestergrabens wird schnell klar, dass diese auch weitere Auswirkungen mit sich bringen, als bloß die räumliche Position des Orchesters. Während das Orchester normalerweise bei Opernvorstellungen wortwörtlich im Graben sitzt und damit optisch eine untergeordnete Rolle einnimmt, bringt die erhöhte Position der Musikerinnen und Musiker eine verstärkte optische Wahrnehmung mit sich. Darüber hinaus wird das Orchester im Zuschauerraum auch akustisch sehr viel präsenter sein, da der Klang sich anders ausbreiten wird. Dies wird eine zusätzliche Herausforderung für Dirigentinnen und Dirigenten sein, um auch weiterhin eine gute klangliche Balance zwischen Gesang auf der Bühne und Orchester zu schaffen. 

Der vorübergehende Überbau des Orchestergrabens ist in Zeiten von Corona notwendig...
... damit das Bayerische Staatsorchester unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen musizieren kann.

Trotz aller Herausforderungen, die sich aus den Schutzmaßnahmen für uns und unsere Mitmenschen ergeben, sind wir uns sicher, dass sich die Hartnäckigkeit und Kreativität von unseren Kolleginnen und Kollegen in der Kulturbranche, aber auch von uns, lohnt. „Ein Herantasten ist notwendig,“ so Matterne. „Aber grundsätzlich möchten wir alles ermöglichen, um wieder an die Öffentlichkeit zu kommen und mit unserem Publikum in Kontakt zu treten. Das ist das allerwichtigste.“

Voilá: Unser neuer Orchester"graben".

 


Das Gespräch führte

Kommentare

  • Am 22.06.2020 um 12:00 Uhr schrieb Eric B

    Grotesque

    All this is pretty grotesque... Will it finally be ready by the end of the epidemic ?

  • Am 24.06.2020 um 17:31 Uhr schrieb Roswitha Herpel

    Ideen sind gefragt

    Hauptsache wir können überhaupt wieder ins Theater! Danke, dass Sie sich so viele Gedanken gemacht haben

  • Am 24.06.2020 um 17:47 Uhr schrieb Karin

    Zirkus...

    Bei allem Verständnis einer gewissen Notwendigkeit für Schutzmaßnahmen: Ab Juli können in Bayern alle Kids wieder in den Kindergarten. Ab September sollen möglichst alle Schüler wieder ohne Mindestabstand (! Zitat Minister Piazolo) in die Schule. Was sollen dann diese Gängeleien und besonders drastischen Einschränkungen im Kulturbetrieb? Sorry, aber für diesen Zirkus habe ich kein Verständnis.

  • Am 25.06.2020 um 09:45 Uhr schrieb Bayerische Staatsoper

    Dear readers,

    thank you for your comments and your concern. The modification of the orchestra pit is a safety measurement that can easily be reversed within a day - and which is already completed. You can read the article in English here: https://blog.staatsoper.de/post/news/where-did-the-pit-go.html The health of our staff, musicians, and guests is our number one priority. So we are doing all we can to provide a safe opera experience for everyone.
    Kind regards,
    Your team of the Bayerische Staatsoper

  • Am 26.06.2020 um 22:08 Uhr schrieb

  • Am 29.06.2020 um 13:48 Uhr schrieb

  • Am 29.06.2020 um 13:50 Uhr schrieb

  • Am 29.06.2020 um 15:58 Uhr schrieb Stefan Langer

    Hauptsach' is',

    dass wieda Oper is'!
    Danke und viel Erfolg!

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