Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne?

In unserem Montagsstück XV: Der gestirnte Himmel, das eine besondere Auswahl an Werken von Ludwig van Beethoven präsentiert, interpretiert die norwegische Sopranistin Lise Davidsen seine Gellert-Lieder. Zusammen mit der Sängerin nähern wir uns diesen sechs musikalischen Gebeten.

Lise Davidsen (Foto: Ray Burmiston)
Lise Davidsen (Foto: Ray Burmiston)

„Letztes Jahr war Beethoven-Jahr, ich habe zum ersten Mal die Leonore in seiner Oper Fidelio gesungen und auch seine Kantate Ah! perfido aufgenommen. So habe ich Beethoven über das letzte Jahr mehr und mehr kennengelernt“, erzählt Lise Davidsen. „Die Gellert-Lieder sind wieder etwas ganz Anderes als das, was ich bisher gemacht habe, und ich freue mich sehr darauf, sie zu singen. In gewisser Weise habe ich das Gefühl, dass sie wie Psalmen sind.“

Im Frühjahr 1802 – also ein halbes Jahr, bevor er im sogenannten Heiligenstädter Testament seine Verzweiflung über die fortschreitende Ertaubung ausdrückte – vollendet Ludwig van Beethoven seine Arbeit an den sechs Liedern, die später mit der irreführend hohen Opuszahl 42 veröffentlicht wurden. Es sind sechs Lieder des Dichters Christian Fürchtegott Gellert, die Beethoven aus dessen insgesamt 54 Geistlichen Oden und Liedern für seine Vertonung auswählt. Gellert gehört im 18. Jahrhundert zu den meistgelesenen Dichtern Deutschlands, und Beethoven war beileibe nicht der erste, der die Geistlichen Oden und Lieder als Textgrundlage wählte: Insgesamt wurden sie rund 560 Mal als Vorlage für Kompositionen genutzt. Carl Philipp Emanuel Bach vertonte gar den ganzen Zyklus von 54 Liedern, Joseph Haydn komponierte ein Chorwerk über das Gedicht Betrachtung des Todes.

Es ist nicht abschließend sicherzustellen, ob Beethoven seine Gellert-Lieder als Zyklus mit fest einzuhaltender Reihenfolge komponiert hat. Bleibt man aber bei der Nummerierung der ursprünglichen Veröffentlichung der Lieder, so entsteht eine fast natürliche Dramaturgie. „Ich habe kein Lieblingslied unter den sechs Gellert-Liedern“, sagt Davidsen, „aber ich mag, dass die ersten Lieder sehr kurz und kompakt sind, während am Schluss das lange mehrstrophige Bußlied folgt. Es fasst die vorangegangen gewissermaßen zusammen, musikalisch wie auch textlich.“

„Wut führt gerade zu nichts“

Die hochreflexiven Texte der Gellert-Lieder bieten laut Davidsen gerade jetzt gute Anknüpfungspunkte: „Ich empfinde die Gellert-Gedichte fast als Gebete. Das mag ich grundsätzlich sehr an Liedern: Sie geben uns allen eine Chance, darüber zu reflektieren, was wir brauchen oder worüber wir nachdenken sollten.“

Ruhige Reflexion liegt der Sopranistin offenbar auch näher als überschäumende Emotionen. 2019 war ihr Jahr. Sie debütierte an der Bayerischen Staatoper, bei den Bayreuther Festspielen und an der New Yorker Metropolitan Opera, sie nahm ihre erste CD auf, die ihren Bekanntheitsgrad noch einmal in andere Höhen katapultierte. Dann kam Corona und stoppte abrupt, was nach einem raketenhaften Karriereaufstieg aussah.

„2019 war in der Tat ein tolles Jahr, und beruflich bin ich froh, dass Corona in diesem Jahr nicht zugeschlagen hat,“ gibt Davidsen zu. „Ich glaube aber, Wut führt gerade zu nichts. Ab und zu war ich natürlich wütend und traurig, aber die Pandemie ist größer ein einzelner, sie betrifft jeden und die ganze Welt. Ich bin sehr dankbar für das, was ich noch tun durfte, für die Menschen um mich herum und die Tatsache, dass ich gesund und sicher bin.“ Karriere-Pläne lassen sich zugegebenermaßen gerade auch nur schwer schmieden: „Es gibt eine Menge Plan A, B und C für das nächste Jahr, aber ich freue mich sehr darauf, wieder auf der Bühne vor einem vollen Haus zu singen! Ich glaube, ich vermisse meine Kollegen und mein Publikum am meisten!“ Und das ist etwas, das die Gellert-Lieder ebenfalls ausdrücken: Hoffnung.

Ein Artikel von
Saskia Dittrich

 


 

Ludwig van Beethoven (1770–1827)

Sechs Lieder nach Gedichten von C. F. Gellert op. 48

1. Bitten
2. Die Liebe des Nächsten
3. Vom Tode
4. Die Ehre Gottes aus der Natur
5. Gottes Macht und Vorsehung

6. Bußlied

Bitten

Gott, deine Güte reicht so weit,
so weit die Wolken gehen;

du krönst uns mit Barmherzigkeit,
und eilst, uns beizustehen.
Herr! meine Burg, mein Fels, mein Hort,
vernimm mein Flehn, merk auf mein Wort;
denn ich will vor dir beten!

Die Liebe des Nächsten

So jemand spricht: Ich liebe Gott!
Und hasst doch seine Brüder,

der treibt mit Gottes Wahrheit Spott
und reißt sie ganz darnieder.
Gott ist die Lieb, und will,
dass ich den Nächsten liebe
gleich als mich.

Vom Tode

Meine Lebenszeit verstreicht,
stündlich eil ich zu dem Grabe,

und was ists, das ich vielleicht,
das ich noch zu leben habe?
Denk, o Mensch, an deinen Tod!
Säume nicht, denn Eins ist Not.

Die Ehre Gottes aus der Natur

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,
ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.

Ihn rühmt der Erdkreis,
ihn preisen die Meere;
vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort!
Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne?
Wer führt die Sonn aus ihrem Zelt?
Sie kommt und leuchtet
und lacht uns von ferne,
und läuft den Weg, gleich als ein Held!

Gottes Macht und Vorsehung

Gott ist mein Lied!
Er ist der Gott der Stärke,

hehr ist sein Nam’
und groß sind seine Werke,
und alle Himmel sein Gebiet.

Bußlied

An dir allein, an dir hab ich gesündigt,
und übel oft vor dir getan.

Du siehst die Schuld,
die mir den Fluch verkündigt;
sieh, Gott, auch meinen Jammer an.

Dir ist mein Flehn,
mein Seufzen nicht verborgen,
und meine Tränen sind vor dir.
Ach Gott, mein Gott,
wie lange soll ich sorgen?

Wie lang entfernst du dich von mir?
Herr, handle nicht mit mir
nach meinen Sünden,
vergilt mir nicht, nach meiner Schuld.

Ich suche dich;
lass mich dein Antlitz finden,
du Gott der Langmut und Geduld.
Früh wolltst du mich mit deiner Gnade füllen,
Gott, Vater der Barmherzigkeit.

Erfreu mich um deines Namens willen;
du bist ein Gott, der gern erfreut.
Lass deinen Weg mich wieder freudig wallen,
und lehre mich dein heilig Recht,
mich täglich tun nach deinem Wohlgefallen;
du bist mein Gott, ich bin dein Knecht.

Herr, eile du, mein Schutz, mir beizustehen,
und leite mich auf ebner Bahn!
Er hört mein Schrein,
der Herr erhört mein Flehen
und nimmt sich meiner Seelen an.

Sechs Lieder nach Gedichten von Christian Fürchtegott Gellert

 

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