Wenn „negativ“ positiv ist - eine Zwischenbilanz zu 10 Monaten Teststrategie

Seit Anfang August 2020 arbeitet die Bayerische Staatsoper mit einem umfangreichen Hygiene- und Sicherheitskonzept zum Schutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Künstlerinnen und Künstlern sowie unserem Publikum. Zeit, um nach 10 Monaten eine Zwischenbilanz zu ziehen: Lesen Sie hier über den Rückbau des Orchestergrabens auf Originalzustand, die Erhöhung der Testkapazitäten vor Lear und die Anzahl an positiven Corona-Fällen in der Saison 20-21 an unserem Haus.

Probenbeginn Lear mit Hindernissen
Ein Corona-Fall innerhalb der Lear-Besetzung hat schmerzlich vor Augen geführt, wie schnell eine einzige Infektion weitreichende Konsequenzen haben kann: Probenstopp, eine Standleitung zwischen Betriebsbüro und Hygiene Task Force, hunderte Telefonminuten mit den beteiligten Personen der Produktion zur Kontaktnachverfolgung und Dokumentation, nicht zu vergessen natürlich die Beratungen mit den Gesundheitsbehörden und medizinischen Expertinnen und Experten. Und dennoch ist der Fall in mehrfacher Hinsicht glücklich verlaufen. Die beste Nachricht ist ohne Zweifel, dass die infizierte Person einen leichten Krankheitsverlauf hatte und nach Ablauf der regulären Quarantänezeit wieder in die Proben einsteigen konnte. Genauso erfreulich ist auch, dass der Fall durch frühzeitige Erkennung, schnelle Nachverfolgung und strikte Hygieneregeln im Probenbetrieb weitere Infektionen verhindert werden konnten. Der Fall blieb dadurch glücklicherweise ein Einzelfall. Nicht zuletzt hat der Verlauf erneut die Teststrategie der Bayerischen Staatsoper bestätigt. Es ist also ein guter Zeitpunkt, nach knapp 10 Monaten ein Zwischenfazit zur Wirksamkeit der Teststrategie der Bayerischen Staatsoper zu ziehen.

Sukzessive Anpassung der Teststrategie und Erhöhung der Testfrequenz
Am Vorbild der Salzburger Festspiele orientiert, war die Bayerische Staatsoper eines der ersten Opernhäuser Deutschlands, das mit umfangreichen PCR-Testungen den Spiel- und Probenbetrieb begleitet hat. Seit August 2020 steht uns dazu ein Ärzteteam des Klinikums rechts der Isar und der Technischen Universität München zur Seite und führt nicht nur die Testungen und Laborauswertungen durch, sondern berät die Bayerische Staatsoper seither auch in medizinischen Fragen rund um Covid-19. Zu Beginn der Überlegungen standen vor allem Künstlerinnen und Künstler sowie Mitglieder der roten Schutzgruppe im Fokus – also diejenigen im künstlerischen Betrieb und insbesondere auf der Bühne, denn hier können die gängigen AHA-L Regeln nur bedingt umgesetzt werden. Ein konsequenter Schutz ist aber nur dann gewährleistet, wenn auch Kolleginnen und Kollegen der gelben Schutzgruppe, die regelmäßig in Kontakt mit der roten Gruppe stehen, regelmäßig getestet werden – wenn auch in größeren Abständen.

Neben der Teststrategie werden aber selbstverständlich noch eine Reihe von weiteren Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsrisikos und zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umgesetzt. Näheres ist im Blogpost vom 28.08.2020 nachzulesen.

Seit September 2020 werden an vier bis fünf Tagen in der Woche in Zusammenarbeit mit dem Klinikum rechts der Isar PCR-Tests durchgeführt – in den Monaten davor in Zusammenarbeit mit dem Sonnen-Gesundheitszentrum. Hinzu kommt eine Vielzahl an Tests, die die Kulturschaffenden extern durchführen ließen. Während im September 2020 noch rund 30 PCR-Tests täglich durchgeführt worden sind, wurde die Testkapazität sukzessive erhöht. Mit Beginn dieser Woche wurde die Frequenz erneut erhöht und liegt jetzt bei rund 80 PCR-Tests pro Tag, teilweise sogar höher. Damit wird den Anforderungen der Produktion von Lear Rechnung getragen, wodurch auch für eine verhältnismäßig große Sänger- und Orchesterbesetzung das Infektionsrisiko möglichst klein gehalten werden kann. Zusätzlich wurde Ende April der Orchestergraben, welcher in den letzten Monaten auf das Niveau des Parketts gehoben und um den Bereich der ersten Sitzreihen vergrößert wurde (alle Infos dazu lesen Sie in unserem Blogpost vom 19.06.2020), wieder in den Originalzustand zurückgebaut. 

© Wilfried Hösl
© Wilfried Hösl
© Wilfried Hösl
© Wilfried Hösl
© Wilfried Hösl
© Wilfried Hösl

 

Einen weiteren Schritt gehen wir nun, indem wir allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – also auch denjenigen der grünen Schutzgruppe, die wenig Kontakt zur Bühne haben und eher in Bereichen beschäftigt sind, in denen Abstand eingehalten werden kann – zweimal wöchentlich und auf freiwilliger Basis Selbsttests zur Verfügung stellen.

Die Learnings aus mehr als einem Jahr „Oper in Pandemiezeiten“
Die regelmäßige und stichprobenartige PCR-Testung ist ein guter und wichtiger Bestandteil zur frühzeitigen Erkennung von Infektionen, um weitere Ansteckungen zu unterbinden. Auch die deutlich höhere Sensitivität von PCR-Tests im Vergleich zu Antigen-Schnelltests spricht für die verhältnismäßig zeit- und kostenintensivere Testung und Auswertung im Labor. Dennoch lassen sich trotz Teststrategie und betrieblicher Vorkehrungen Infektionen leider nicht gänzlich ausschließen und haben auch vor unserem Haus nicht Halt gemacht.

Insgesamt gab es an der Bayerischen Staatsoper seit Beginn der Pandemie im März 2020 55 bestätigte Corona Fälle. Bei fast 1000 Beschäftigten und einer großen Zahl an Gästen können wir von einer vergleichsweise niedrigen Quote sprechen.

So kam es im Herbst 2020 Corona-bedingt zu Vorstellungsausfällen von Schwanensee, nachdem im Rahmen der Testung zunächst eine Person des Bayerischen Staatsballetts positiv auf das Corona-Virus getestet wurde. In der unmittelbar anschließend erfolgten Testung von Kontaktpersonen konnten weitere Fälle identifiziert und isoliert werden. In der Folge musste der gesamte Betrieb im Ballettprobengebäude eingestellt werden, um eine weitere Ausbreitung des Virus bestmöglich zu stoppen. Neben dem Verständnis für die strikte Einhaltung der Hygieneregeln ist auch die Achtsamkeit mittlerweile gestiegen, auf leiseste Symptome sofort zu reagieren und sich bei der Hygiene Task Force zu melden. Insbesondere im Ballett, wo die Tätigkeit von einer starken Körperlichkeit geprägt ist und jeder Arbeitstag für alle Tänzerinnen und Tänzer mit einem Training im Ballettsaal beginnt, ist es wichtig, feste Gruppen zu bilden und zeitlich wie systematisch kluge Probenpläne aufzustellen, um Kontakte auf das Allernotwendigste zu reduzieren. Eine engmaschige Stichproben-Testung sichert den Betrieb zusätzlich ab. Auch Dokumentationsprozesse im Theater wurden sukzessive optimiert und Probenplanungen noch genauer gesteuert, um Infektionsrisiken in allen Bereichen zu minimieren. Durch die individuelle und jede Woche aufs Neue durchdachte Einteilung zu Testungen kann zudem auf Brennpunkte reagiert werden. Auch die nun stattfindende Erhöhung der Testfrequenz ist eine Reaktion auf die betriebsbedingten Umstände und Anforderungen.

Alles in allem kann aber festgestellt werden, dass unser Theater glücklicherweise kein Infektionsherd ist! Von den 55 bestätigten Infektionen aus den unterschiedlichsten Abteilungen gab es lediglich drei Infektionsgeschehen mit einer weiteren Verbreitung. Alle übrigen Erkrankungen waren nur Einzelfälle, die sich im Betrieb nicht weiter ausgebreitet haben. Nach der schon erwähnten Infektion im Ballett im Oktober 2020 kam es im Januar 2021 innerhalb des Balletts zu einer weiteren Infektion, allerdings mit weitaus weniger Folgeinfektionen. Zuletzt trat im März 2021 eine Infektion in einer anderen Abteilung auf, die leider nicht früh genug erkannt wurde, um Übertragungen auszuschließen, die mit der britischen Virusmutante rasend schnell gehen. Da sich die Personen zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in Quarantäne befunden haben, konnte die Verbreitung auch hier rasch eingedämmt werden.

Alles in allem können wir trotz einiger Erkrankungen bisher auf eine positive Bilanz zurückblicken. Nur so waren wunderbare digitale Premieren von 7 Death of Maria Callas, Falstaff, Der Freischütz, Rosenkavalier oder Der Schneesturm sowie zahlreiche Montagsstücke überhaupt möglich. Und dennoch haben die Fälle immer wieder gezeigt, wie schnell das Virus zuschlagen kann und wie rasch gehandelt werden muss. Gleichzeitig ist dadurch auch die Awareness der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestiegen, die letztendlich mit der verantwortungsvollen Einhaltung der Maßnahmen des Hygienekonzepts den entscheidenden Beitrag zur Sicherheit innerhalb des Betriebs und zum Schutz ihrer Kolleginnen und Kollegen leisten.

Die Daumen sind gedrückt, dass es auch in Zukunft jeden Abend in der internen Nachrichtengruppe der Hygiene Task Force heißt: Alle negativ!

 

Autorin: Vera HefeleReferentin Kommunikation & Hygiene Task Force

Kommentare

  • Am 07.05.2021 um 16:32 Uhr schrieb

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