Versuch geglückt! Positives Fazit beim Pilotprojekt #BSO500

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Sechs Wochen läuft bereits das Pilotprojekt mit 500 Besuchern im Nationaltheater und das Expertenteam sowie das Publikum sind sich einig: bei Vorliegen eines schlüssigen Hygienekonzeptes gehen von Kulturveranstaltungen keine erhöhten Ansteckungsrisiken aus, im Gegenteil. Ein Ergebnisbericht.

Wir ziehen eine positive Zwischenbilanz des Pilotprojekts.

Seit Mitte August – also schon zwei Monate – ist das Hygienekonzept der Bayerischen Staatsoper zum Saisonstart in Kraft, seit Anfang September spielen wir wieder im großen Haus. Durch die Genehmigung der Bayerischen Staatsregierung dürfen wir bei Vorstellungen im Nationaltheater seit 1. September eine Belegung von 500 Besuchern erproben (aktuell bis 1. November). Damit ist zwar immer noch weniger als ein Viertel der Plätze belegt, aber immerhin mehr als die 200 Plätze, die momentan als feste Obergrenze durch die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung vorgeschrieben sind. Ziel des Pilotprojektes ist es, Methoden und Maßnahmen zu entwickeln, die eine größere Belegung im Nationaltheater, aber auch in vielen weiteren vergleichbaren kulturellen Spielstätten ermöglichen. Gerne möchten wir Ihnen heute einen Einblick in die Ergebnisse des Pilotprojektes geben – diese Ergebnisse sind eindeutig und vielversprechend:

Die Pilotphase im Nationaltheater wird von einem Ärzteteam des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München sowie von Vertretern des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit begleitet und fachlich bewertet. Deren Expertise ist in die Konzepte sowohl für den Proben- und Aufführungsbetrieb als auch für die Abläufe im Zuschauerbereich eingeflossen. Die gute Nachricht gleich vorweg: Die vorliegenden Ergebnisse des Pilotprojekts zeigen, dass sich die Erhöhung der Zuschauerzahl weder negativ auf die Abläufe im Publikumsbereich und die objektive Infektionsgefahr ausgewirkt hat, noch auf die Zufriedenheit und das Sicherheitsempfinden der Besucher.

Das Hygienekonzept

Die Eckpunkte des Hygienekonzeptes können Sie unter anderem unseren Hinweisen zum Besuch entnehmen. Umfassende Schulungsmaßnahmen und zusätzliches Personal stellen die Einhaltung der neuen Regelungen sicher. Im Publikumsbereich muss generell eine Mund-Nasen-Bedeckung (MNB) getragen werden. Eine Ausnahme gilt nur für das Publikum während der Vorstellung („Licht aus/Vorhang auf“ bis Schlussapplaus). Bei den Vorstellungen im Zeitraum 19. September bis 1. Oktober sowie ab 14. Oktober musste aufgrund der Überschreitung des Grenzwertes der 7-Tage-Inzidenz (50 je 100.000 Einwohner) in München eine MNB auch während der Vorstellung getragen werden. Im September und Oktober wurden unterschiedliche Saalplanvarianten umgesetzt, in denen verschiedene Ausprägungsformen der „Examensbestuhlung“ (eine Reihe und zwei Plätze frei) und eine lockere Form des „Salzburger Modells“ (Schachbrettmuster) erarbeitet wurden. Paarsitze werden im Rahmen des Pilotprojektes grundsätzlich nur an zusammengehörende Personen verkauft. Der Einlass zum Nationaltheater erfolgt über das Hauptportal (rechte Saalseite) und das Freunde-Foyer (linke Saalseite); es gibt einen eigenen Zugang zur Abendkasse (rechte Portaltür). Zum Spielzeitstart wurden Vorstellungen zunächst ohne Pausen und ohne Theatergastronomie durchgeführt, seit Ende September spielen wir wieder mit Pausen und Gastronomie. Der Verzehr von Speisen und Getränken ist aktuell nur an einem Tisch erlaubt.

Die Bewertungsmethodik

Als methodischer Ansatz zur Bewertung des Publikumsbetriebes wurde eine Drei-Komponenten-Evaluation gewählt. Die Sicht der Experten, die interne Analyse und die Publikumssicht ergeben eine 360°-Bewertung des Testbetriebes. Durch den Live-Ansatz können Verbesserungsmaßnahmen direkt im Testbetrieb erkannt und umgesetzt werden. Die Besucherbefragung wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Marktorientierte Unternehmensführung (IMM) der Ludwig-Maximilians-Universität unter der Leitung von Prof. Manfred Schwaiger entwickelt.

Die wichtigsten Ergebnisse: Nachbesuchsbefragung

Stand 9.10.2020 liegen insgesamt 4.686 Bewertungen vor, was einem Rücklauf von ca. 28% der Besucher entspricht. Aus der Befragung des Publikums kann eine sehr hohe wahrgenommene Sicherheit des Publikums abgeleitet werden: 94% der Befragten sind mit den Maßnahmen zufrieden, die die Bayerische Staatsoper ergriffen hat, um die Infektionsgefahr mit dem COVID-19-Virus beim Besuch zu reduzieren. Nur 3% sind mit den Maßnahmen unzufrieden. 96% der Befragten haben sich beim Besuch sicher gefühlt, nur 2% unsicher (2% teils/teils). Beim Vorderhauspersonal war ein sehr geringes Beschwerdeaufkommen zu verzeichnen, nur zwei Besucherpaare haben innerhalb des 6-Wochen-Zeitraums den Besuch aufgrund der Bedingungen vor Ort noch vor Vorstellungsbeginn abgebrochen. 98% der Befragten geben an, dass die Pflicht zum Tragen einer MNB in den Räumlichkeiten (jenseits der Vorstellungszeit) befolgt wurde. Durch aufmerksame Beobachtung des Vorderhauspersonals und direkte, freundliche Erinnerungen bei fehlender oder nicht korrekt getragener MNB wurde die Durchsetzung der „Maskenpflicht“ noch einmal bestärkt. 54% der Befragten geben an, auch während der Vorstellung eine MNB zu tragen. Im September haben – als dies noch nicht Pflicht war – knapp 29% der Befragten auch während der Vorstellung durchgängig eine MNB getragen. Im Pflichtzeitraum ab 19. September waren dies über 98%, nach dem Pflichtzeitraum ab 2. Oktober bis 9. Oktober gut 51%.

97% der Befragten gibt an, die Besuchshinweise ganz oder teilweise gelesen zu haben. 99% davon halten die Hinweise für verständlich. Auf Basis der internen Analyse (Auswertung von Abendberichten, Beobachtungen und Kontrollen im Vorstellungsbetrieb vor Ort), aber insbesondere auch auf Basis der Beobachtungen der beteiligten Experten vor Ort ist festzustellen, dass die Hinweise von den Besuchern sehr gewissenhaft umgesetzt werden. Mithilfe von offenen Kommentaren in der Befragung, aber auch von Rückmeldungen des Vorderhausteams sowie im Rahmen des Abendberichtswesens wurden Verbesserungsmöglichkeiten für die Kommunikation identifiziert und direkt in die Hinweise für Besucher eingearbeitet.

Die Bewertung der verschiedenen Situationen durch das Publikum zeigt die folgende Tabelle. Hierbei wurde erfasst, inwiefern die jeweilige Situation auf einer siebenstufigen Likert-Skala (1= sehr eng und gedrängt, keine Abstände bis 7= sehr locker, Abstände sehr gut möglich) als gedrängt bzw. weitläufig wahrgenommen wurde.

Publikumssituationen in Nachbesuchsbefragung

Es fällt auf, dass die Situation in allen Publikumsbereichen von einer überwältigenden Mehrheit (mindestens > 89%) als eher locker mit Abstand bzw. sehr locker wahrgenommen wird. Selbst bei der Platzierung im vorderen Teil des Parketts, in dem im September das „Salzburger Modell“ in Form des für das Münchner Publikum noch ungewohnten lockeren Schachbrettmusters erprobt wurde, empfinden nur 5,7% der Befragten die Situation als eher gedrängt. Ferner zeigt sich, dass dem Angebot von Speisen und Getränken sowie der Durchführung von Pausen bei Vorliegen eines geeigneten Hygienekonzepts keine Gründe entgegenstehen.

Auf Basis der offenen Kommentare im Rahmen der Befragung, aber auch der abendlichen Beobachtungsanalyse durch Vertreter des Hauses sowie die genannten Experten konnten Schritt für Schritt weitere Maßnahmen zur Vermeidung von Traubenbildung und potenziellen Intensivkontakten ergriffen werden. An üblichen Verweilstellen wird zusätzliches Personal eingesetzt, das das Publikum zum Weitergehen auffordert (z. B. Eingangshalle hinter dem Portikus/Programmverkauf) und die Schlangenbildung koordiniert (bspw. Zugang Abendkasse, Toilettenbereich Balkon).

Die wichtigsten Ergebnisse: Expertenanalyse

Das „Empfinden“ des Publikums deckt sich mit den wissenschaftlichen Bewertungen und Beobachtungen der medizinischen Experten. Die allgemeine Vorgabe, wo immer möglich Abstand zueinander zu halten, wird eingehalten. Es konnten wertvolle Erkenntnisse zur Platzierung in Form eines Schachbrettmusters in den jeweils drei ausgewählten Parkettreihen gewonnen werden – dies erscheint wie bereits im „Salzburger Modell“ als unproblematisch. Denn dort blicken alle Besucher in dieselbe Richtung und sprechen in aller Regel nicht während der Vorstellung, wenn sie die Maske abnehmen, auch das Fächern wird vermieden, damit die restlichen Aerosole nicht verbreitet werden. Der Abstand zwischen den Plätzen (Achsmaß von Stuhlmitte zu Stuhlmitte) beträgt auch hier immer noch über einen Meter.

Auch die Analyse der Lüftung stimmt optimistisch: Im Nationaltheater der Bayerischen Staatsoper liegt ein Luftwechsel von 75.500m³ je Stunde vor, das heißt bei einer Höchstbesucherzahl von 2.101 Besuchern ein Luftwechsel von 36m³/h je Person.  Das ist bereits fast doppel so viel, wie die Versammlungsstätten-Verordnung fordert. Wäre die „pandemiebedingte Höchstbesucherzahl“ mit 1.000 Besuchern festgelegt, betrüge der Luftwechsel 75,5m³/h je Person. Das Raumvolumen im Zuschauerraum beträgt ca. 12.000m³, das heißt die gesamte Raumluft wird ca. alle 9,5 Minuten komplett ausgetauscht – ein Argument wohl auch für vergleichbare Kulturstätten, dass bei Vorliegen der entsprechenden Bedingungen vor Ort die 200-Besucherbegrenzung zu starr erscheint.

Vier Infektionsfälle

Dass die Konzepte auch den „Stresstest“ überstehen, zeigt die Handhabung von vier Infektionsfällen: Zum einen wurde uns von einer Person aus dem Publikum bekannt gegeben, dass diese in den Tagen nach Besuch einer Vorstellung positiv getestet wurde. Auch wenn zwischen Besuch und Auftreten von ersten Symptomen hinreichend viel Zeit lag und somit nach Angaben des Gesundheitsamtes keine Kontaktverfolgung im Nationaltheater notwendig war, haben wir den Fall gründlich geprüft. Es zeigte sich in der Fallanalyse, dass beim Besuch die Hygieneregeln eingehalten wurden und es zu keinerlei Intensivkontakten mit anderen Besuchern gekommen ist.

Drei weitere Infektionsfälle sind in der roten Schutzgruppe, also dem erweiterten künstlerischen Bereich, aufgetreten: Die ersten beiden Fälle traten bereits vor Anreise nach München im Rahmen der Vorabtestung auf. Die infizierten Personen konnten so bereits im Vorfeld isoliert werden und hatten somit keinen Kontakt mit Beteiligten des Hauses. Der vierte Fall wurde aufgrund einer Infektion im näheren Bekanntenkreis zunächst als Kontaktperson ersten Grades klassifiziert. Gemäß dem vorab entwickelten Protokoll wurde eine Verdachtstestung im Rahmen der Teststrategie des Klinikums rechts der Isar durchgeführt. Bereits nach wenigen Stunden stand das positive Testergebnis fest. Dank des medizinischen Rats der Experten und der für diesen Fall entwickelten Maßnahmenpläne konnten schnell weitere Verdachtspersonen identifiziert werden, deren Tests sich bisher als negativ herausgestellt haben. Wir sind sehr froh, dass aufgrund des schnellen Handelns frühzeitig eine mögliche Verbreitung unterbrochen werden konnte. 

Unser Fazit

Wir sind sehr glücklich und zufrieden, dass sich die entwickelten Konzepte sowohl im Publikumsbereich, als auch im künstlerischen Betrieb als erfolgreich erwiesen haben. So zeigt sich: Es ist möglich, zum einen die Sicherheit aller Beteiligten angemessen zu wahren und zum anderen unserem Kulturauftrag gerecht zu werden. Daher senden wir dieses positive Signal an alle Kulturgestalter und Entscheider, die Kultur in ganz Bayern auch in diesen schwierigen Zeiten weiter zu fördern und den Handelnden vor Ort mehr Vertrauen und Verantwortung zuzugestehen.

Kommentare

  • Am 14.10.2020 um 22:43 Uhr schrieb Dietrich Loos

  • Am 15.10.2020 um 16:15 Uhr schrieb Dr. Reinhard Stocker

    Sehr gut. Gratulation...

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