Und was lernen wir jetzt von Falstaff, Herr Dramaturg?

Kulturinstitutionen sind wichtig. Sie sollen jedoch – so der neue Präsident des Bühnenvereins – nicht einfach nur von sich behaupten, dass sie wichtig sind, sondern der Mehrwert müsse konkret erfahrbar werden. Doch was ist das für ein Mehrwert? Was kann man konkret aus einer Produktion wie Falstaff ziehen? Eine Annäherung eines Betriebswirts, der den Produktionsdramaturgen auf konkrete Lernziele festzunageln versucht.

 

Über die Rolle von Kultur wird seit einiger Zeit mit Herzblut gestritten – spätestens seit dem Teillockdown ab Anfang November, der in manchen kulturnahen Kreisen emotional als „Kulturlockdown“ bezeichnet wird. In einem Zeitungskommentar der vergangenen Woche wurde nun gegengehalten, die Intendanten sollen wegen der Schließung nicht so larmoyant sein, „systemrelevant“ seien Theater auf keinen Fall. In eine ähnliche Kerbe schlug ein Radiokommentar: Das Theater habe 2.500 Jahre überlebt, was machten da ein paar Monate Schließung aus?

Kein Theater möchte die Gesundheit seines Publikums gefährden. Das ist eine Selbstverständlichkeit, es ist jedoch anscheinend notwendig, dies explizit zu formulieren. Seit April arbeite ich in der Hygiene Task Force der Bayerischen Staatsoper mit vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen an Konzepten zum Schutz der Beschäftigten und des Publikums. Die gute Nachricht für das Publikum sind die Ergebnisse des Pilotversuchs im Nationaltheater: Theater sind – auch bei einer Inzidenz zwischen 35 und 100 – keine Orte erhöhten Infektionsrisikos. Darauf lässt sich aufbauen, wenn die Kulturstätten im neuen Jahr wieder geöffnet werden können.

Was mich persönlich während der Zeit ohne Publikum besonders bewegt, ist die Auseinandersetzung damit, warum es wichtig ist, was wir als Kulturinstitution tun. Es ist platt, aber dennoch wahr: Wie sehr man etwas mag, merkt man erst, wenn es nicht mehr da ist – das können wir anhand der vielen herzzerreißenden Zuschriften unseres Publikums erfühlen. Wir sind zwar nicht ganz „weg“, wir senden mit unserem Streaming-Programm wöchentliche Lebenszeichen aus unserem Haus und wollen dadurch weiter unseren Kulturauftrag erfüllen. Dennoch: Warum sind wir überhaupt da? Was ist unsere Aufgabe als Kulturschaffende? Was kann man von uns lernen?

Natürlich nimmt man Kulturleistungen größtenteils in seiner freien Zeit in Anspruch

Viele Kulturschaffende waren gekränkt, dass Kunst und Kultur in der ersten Beschlussvorlage des Bundes für den November-Lockdown als Freizeitbeschäftigung bezeichnet wurden. Auch in der Begründung zur frisch erlassenen 9. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung werden kulturelle Veranstaltungen eingereiht zwischen „Dienstleistungsbetrieben für körpernahe Dienstleistungen“ und „Freizeiteinrichtungen“. Mir ist das fast ein wenig unangenehm: Meinen Studierenden für Kulturmanagement an der Musikhochschule München bringe ich seit Jahren einen ähnlich „Freizeit“-bezogenen Ansatz bei: Wer neues Publikum gewinnen möchte, muss erreichen, dass Menschen etwas von ihrem Freizeitbudget aufgeben. „Freizeitbudget“ ist hier sowohl monetär gemeint, als auch im Sinne des Zeitbudgets, das ich für den „Konsum“ von Kultur verwende und nicht dafür, um auf der Couch die Bachelorette auf RTL anzusehen oder um mit Freunden essen zu gehen.

Natürlich nimmt man Kulturleistungen größtenteils in seiner „freien Zeit“ in Anspruch. Aber das, was man von Kunst und Kultur zurückbekommt, kann signifikant mehr sein als das, was einem alternative Freizeitangebote zurückgeben. Es ist ein unschätzbarer immaterieller Wert, der sich allerdings nur schwer in Zahlen ausdrücken lässt, was es mir als Betriebswirt erst einmal schwermacht, diesen Mehrwert zu fassen. Carsten Brosda, frisch gewählter Präsident des Deutschen Bühnenvereins, hielt in einem seiner Antrittsinterviews fest: „Kulturorte […] sind nicht nur Zerstreuungs- und Erbauungsorte, es sind Orte der Sinnsuche und des Erkenntnisgewinns in unserer Gesellschaft. Die Theater haben die Chance, das nicht nur über sich selbst zu behaupten, sondern auch erfahrbar zu machen durch ihre Angebote.“

Versuchen wir das mal, denke ich mir, ein konkreter Auftrag also: Lasst uns nicht mehr nur von uns behaupten, dass Kultur wichtig sei, sondern lasst uns benennen, was das Publikum konkret bei uns lernen kann, was also der Mehrwert eines Besuchs für die einzelne Person beziehungsweise die Gesellschaft ist. Doch da fängt es schon an, schwierig zu werden. Carsten Brosda verwendet bezüglich des Erkenntnisgewinns bewusst das Adjektiv „erfahrbar, nicht „erlernbar“, er spricht somit von implizitem, nicht explizitem Wissen. Dennoch möchte ich aus aktuellem Anlass – der Premiere von Falstaff – die Frage stellen: Was kann man aus „unserem“ Falstaff lernen? Können wir diese „Lernziele“ oder Perspektiven auf die Gesellschaft explizit machen, sprich konkret benennen?

Was kann man aus „unserem“ Falstaff lernen?

Der Dramaturg der Produktion Nikolaus Stenitzer hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Philosophie studiert. Er ist, als ich ihm die Frage stelle, sehr gnädig mit mir, dem Betriebswirt, der ich neben der Hygiene Task Force eigentlich für Strategie und Marketing, also für neues Publikum und Auslastung, am Haus zuständig bin. Natürlich gäbe es bei einer solchen Produktion keinen Lehrplan mit definierten Lernzielen. Eventuell könnte man sich jedoch bei der Auseinandersetzung mit dem Werk Lernwissen aneignen, mit dem sich im Pausengespräch prahlen lässt: die vielen Zitate und Querverweise zu anderen Werken, die Entwicklung Verdis bis zu seinem letzten Musiktheaterwerk, der bemerkenswerte Schluss, in dem diejenigen, die zuletzt lachen, am besten zu lachen scheinen. Dieses explizite Wissen über ein Werk vermitteln wir seit Jahren in unseren Vor- und Nachbereitungsprogrammen wie der Premierenmatinee (hier diesmal sogar online abrufbar), Vorbereitungsnewslettern, Montagsrunden und Operndialogen. Bei Karl V. haben wir die Handlung sogar mit Playmobilfiguren nacherzählt, Zwölftonmusik in einem Erklärvideo anschaulich gemacht und einen Wikipedia-Artikel zum Werk initiiert. Vielleicht wird eines Tages bei Wer wird Millionär? eine Millionenfrage zu einer dieser Lerneinheiten gestellt? Unser Publikum wäre vorbereitet (und kann bis dahin via unserer Quizzapp Intermezzo üben).

„Die Zuschauer sollen selbst denken“

Aber: Der Erkenntnisgewinn, der sich nicht aus explizitem Wissen, sondern aus der Erfahrung beim Theaterabend ableiten lässt, stellt sich aus Sicht des Dramaturgen etwas anders dar. Es sind beim Zusehen und Mitfühlen die vielen Momente im Gesamtzusammenhang, die etwas beim Betrachtenden auslösen und die diesen auf eine neue Ebene des Nachdenkens katapultieren. Nikolaus Stenitzer nennt dies einen „Motor“, der zum Denken anregt – oder zur inhaltlichen Interpretation beziehungsweise zur moralischen Reflexion: Beispielsweise der Schluss von Falstaff gehe in der Einrichtung von Mateja Koležnik ins Mark. Da ist nichts mehr burla, nichts mehr flockiger Spaß. Wenn Kunst und Kultur verstummen, fehle etwas: „Eine Zivilisation, die Kunst nicht pflegt, wird barbarisch“, so Nikolaus Stenitzer, der Mateja Koležnik zitiert. Ein Live-Stream kann im Normalfall nur ein Bruchteil zu diesem Wahrnehmungsmotor beitragen, im Falle von Falstaff wurde der Schluss jedoch speziell für den Live-Stream gestaltet. Die Schlussszene der Inszenierung wirkt auf jeden Erfahrenden sicher ganz unterschiedlich. Manche mögen kritisieren, dass dadurch übereilte Öffnungsforderungen durch krisenignorante Kulturschaffende dargestellt werden (was nicht der Fall ist). Für andere wiederum könnte klarwerden: In der Nach-Corona-Zeit würde eine elementare Stütze der Gesellschaft fehlen, wenn Kunst und Kultur nicht wieder mindestens denselben Stellenwert erreichen wie vor der Krise. Vielleicht sind nach der Pandemie die Sinne sogar noch deutlich besser dafür geschärft, welche Rolle Kunst und Kultur in der Gesellschaft einnehmen sollen und können?

Nutzengewinn auf vielfacher Ebene

„Die Zuschauer sollen selbst denken“, so der Dramaturg. Ein Theatererlebnis vermittle nicht einfach positives Wissen wie etwa ein Opernkurs oder ein Seminar. Kultur rezipieren bedeute Erfahrungen machen. Die Erfahrung einer Theateraufführung könne neue Inhalte und Ideen vermitteln – vor allem aber öffne die Konfrontation mit eben nicht unmittelbar nützlichen Dingen wie Musik und Regiesprachen dem Zuschauer Räume für sein eigenes Nachdenken.  Was man aus diesen Denkräumen mache, bleibe jedem Betrachter selbst überlassen. Das ist zum einen frustrierend für mich, der ich ja nach konkretem Erkenntnisgewinn gefragt habe, zum anderen ist es extrem beglückend, dass Kunst nicht wie am Fließband für alle gleich wirkt, sondern eine höchst individuelle Angelegenheit ist und für den einzelnen im Wortsinn unfassbare Erlebnisse möglich macht. Überforderung ist dabei sogar explizit erlaubt, wobei wir als Haus in diesem Fall versuchen, mit unseren Vermittlungsprogrammen eine gewisse Starthilfe bereitzustellen. Ergebnis ist also ein Nutzengewinn auf vielfacher Ebene. Das Konzept des Kundennutzens aus der Betriebswirtschaftslehre lässt sich nahezu 1:1 auf die Kulturwirtschaft übertragen: Für manche erfüllt Kultur sogar einen Grundnutzen, wie das tägliche Brot, ohne welches man nicht existieren kann. Für andere erzeugt Kultur sozialen Nutzen durch das gemeinschaftliche Erleben, das Dabeisein und das Darüberreden. Für andere schließlich wird ein sogenannter Erbauungsnutzen erzeugt im Sinne einer ästhetischen, persönlichen Befriedigung von Bedürfnissen. Kultur nützt also, sowohl persönlich, als auch im Zusammenleben.

Ich versuche den Dramaturgen am Ende des Gesprächs noch ein wenig zu provozieren: ob denn diejenigen politischen Entscheider bessere Entscheidungen treffen, die regelmäßig ins Theater gehen, als diejenigen, die mit Kunst und Kultur nichts am Hut haben? Er geht mir nicht in die Falle, erlaube sich darüber kein Urteil. Schließlich antwortet er ganz ruhig: „Kultur und Kunst erzielen keinen Effekt, sondern bieten jedem Menschen ein Potenzial an.“ Was man mit diesem Potenzial nun anfängt, bleibt jedem selbst überlassen.

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