Training on Stage – meine Impressionen

Ohne jede Anstrengung schweben sie über die Bühne, als existiere kein Gravitationsgesetz. Um dies zu erreichen, müssen Balletttänzer jeden Tag eine anspruchsvolle Routine durchlaufen. Ein kleines, jedoch treues Publikum darf heute mehr darüber erfahren und ich schätze mich glücklich Teil, dieses Publikums zu sein.

Mit Training on Stage bietet das Bayerische Staatsballett ein ganz besonderes Highlight aus der Reihe Ballett Extra an: denn heute ist das Publikum dazu eingeladen sich mit den Tänzern auf der Bühne des Nationaltheaters einzufinden, um ein Ballett Training ganz nah zu erleben. Ein wahres „Schmankerl“, seinen Sitzplatz direkt auf der Bühne zu haben! Vor einem sind schon die Ballettstangen aufgebaut und im Hintergrund ist der beleuchtete Zuschauerraum – ein echter Schatz, mit Verzierungen aus vergoldetem Stuck.

Plötzlich auf der Bühne, das heißt auf der anderen Seite des Vorhangs zu sein, verleitet dazu, über die Unterschiede zwischen Training und Vorstellung nachzudenken. Ich sehe die Ballerinen vor meinem geistigen Auge, wie sie über die Bühne tanzen, geradezu schweben, als würden sie nicht mal den Boden dabei berühren. Oder mit ihren hohen und weiten Sprüngen sich der Schwerkraft zu widersetzen scheinen. Aber wie erreicht man solch ein Niveau an Perfektion? Training on Stage bietet die Möglichkeit, den Zuschauern mehr vom Leben hinter die Kulissen zu vermitteln. Ballettdirektor Igor Zelensky, selbst ehemaliger Tänzer, leitet das Training heute und fordert nach einer kurzen Begrüßung das Ensemble auf, die Plätze an der Stange einzunehmen.

Pianist Simon Murray begleitet die Übungen am Flügel und ist dabei in ständigem Kontakt und in Absprache mit Igor Zelensky, denn es gilt das Tempo der Musik auf die jeweiligen Übungen anzupassen. An der Stange werden zum Beispiel pliés, tendus, ronds de jambes und developpés gezeigt. Bereits diese erste Stunde an der Stange erweist sich als schweißtreibend für die Tänzer und die „Verbiegungen“, zu denen sie fähig sind, lassen manchen Rückenschmerzgeplagten im Publikum nur so staunen.

Für den zweiten Teil des Trainings werden nun die Stangen bei Seite geräumt, um Platz für Sprünge und Schrittkombinationen zu schaffen. An dieser Stelle ist das Publikum von der Kraft, der Ausdauer, der Flexibilität und der Koordination, die die Tänzer bewiesen haben, absolut gefesselt. Zelenskys Aufforderung „Let’s dance!” schafft es dennoch, die Spannung und Neugier im Publikum noch weiter zu steigern. 

Üblicherweise findet das tägliche Training in einem der Probensäle statt, wo die Tänzer, von Spiegeln umgeben, die ganze Zeit ihre Bewegungen verfolgen können. Auf der Bühne fehlt diese Möglichkeit nun, was aber den Tänzern aber gleichzeitig die Freiheit gibt, sich voll auf das Gefühl für ihren Körper und die Bewegungsabläufe zu konzentrieren.

Die Einzigartigkeit dieser Situation in Worte zu fassen ist schwierig: mit dem imposanten Zuschauerraum im Hintergrund verfolgt das Publikum die Übungen der Tänzer und bewundert deren Ausdauer und Koordination. Jede Übung und jede kleine Choreographie werden von den Tänzern in kleinen Gruppe wiederholt, wobei jede Gruppe abwartet, bis sie an der Reihe ist. Während man die Schnelligkeit und gleichzeitige Präzision beobachtet, die jeden einzelnen Ablauf charakterisieren, könnte man auf die Idee kommen, Tänzer mit Athleten zu vergleichen. Obwohl Tanzen eine sehr physische Tätigkeit ist, darf man nicht vergessen, dass es hier nicht um das Erreichen einer Ziellinie oder den Gewinn einer Trophäe geht. Tänzer sind Künstler – sie erzählen Geschichten, sie inspirieren ihr Publikum und reißen uns damit aus unserem Alltagstrott.

Hin und wieder fesselt mich neben den Leistungen der Tänzer bei diesem Training aber auch etwas Anderes: nämlich die Faszination und Bewunderung, die sich auf den Gesichtern der Zuschauer abzeichnet. Training on Stage hat ihnen und mir die Gelegenheit geboten, mehr über das Leben und den Beruf der Tänzer zu erfahren – jenseits der abendlichen Vorstellungen.

Autorin: Diana Dimitrova
Diana Dimitrova studierte Skandinavistik, Germanistik und Kunstgeschichte und absolvierte beim Bayerischen Staatsballett ein dreimonatiges Praktikum in den Bereichen Presse und Marketing.

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