Schön ist die Welt: Eine Anleitung zum Eskapismus

Die Welt mutet Ihnen mehr zu, als Sie gerade ertragen können? Damit sind Sie nicht alleine. Schon früh haben die Menschen, insbesondere die Künstler unter ihnen, ein probates Mittel gegen Realitätsüberforderung gefunden: Eskapismus. Wenn die Welt, wie sie ist, einem nicht mehr zusagt, träumt man sich in eine bessere. Zumindest kurzfristig. Das kommende Montagsstück bietet mit Franz Lehárs Operettenrarität Schön ist die Welt die beste Gelegenheit dazu. Wir geleiten Sie in zehn Schritten in eine entrückende Welt vom Opernsessel über die Tiroler Alpen bis nach Brasilien. Denn: Schön ist die Weltflucht.

1. Schalten Sie zunächst sämtliche Geräte aus, die Sie in die Realität zurückholen könnten: Ihr Handy, das Telefon, die piepsende Waschmaschine und nervige Benachrichtigungen am heimischen Computer. Sie brauchen für Ihre Flucht die volle Aufmerksamkeit. Wir meinen es ernst: Schalten Sie jetzt ab. - Moment! Natürlich nicht das Gerät, auf dem Sie diese Anleitung lesen und auch nicht das, auf dem Sie gleich den Stream anschauen!

2. Stil ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Die Weltflucht in die Oper verläuft umso wirkungsvoller, je mehr sie mit Noblesse vonstattengeht. Wechseln Sie Ihre Kleidung und erscheinen Sie im Smoking oder Abendkleid – es ist schließlich nach sechs, man ist doch kein Trampel. Lachskanapees mit etwas Ei und Meerrettich kann nicht nur Dallmayr zubereiten. Ein Gläschen Sekt schon vor Vorstellungsbeginn gilt als medizinisch indiziert. Nicht vergessen, die Flasche fürs Nachschenken im 2. Akt kühlzustellen (die geeignete Stelle zum Nippen geht aus der Handlung hervor). Der häusliche Partner möge sich als Kavalier oder Kavalierin erweisen und Ihnen bei alldem zur Hand gehen. Falls die Begleitung schwächelt, seufzen Sie: „Es ist heutzutage so schwer geworden, gutes Personal zu finden.“

3. Es ist 20.00 Uhr. Setzen Sie sich jetzt ganz nah an Ihren Bildschirm. Noch ein Stückchen näher. So, dass Sie das Gefühl haben quasi im Zuschauerraum zu sitzen. Für ein authentisches Opernerlebnis nutzen Sie unsere Soundmaschine und drücken Sie jetzt auf „Bonbon“. Na, haben Sie sie auch vermisst, diese Rücksichtslosigkeit der Banausen in der Reihe hinter Ihnen? Wobei dieses Knistern doch auch eine gewisse Vorfreude ausstrahlt. Schauen Sie jedenfalls ihren imaginären Nachbarn mit strengem Blick an. Wenn Ihnen danach ist, drücken Sie auch noch auf „Psst“ – und natürlich „Pausenklingeln“. Denn jetzt geht es gleich los.

Opern-Soundmaschine

4. Übrigens: Belasten Sie sich nicht mit Vorbereitungslektüre. Zu Lehárs Schön ist die Welt steht in gängigen Operettenführern eh nichts drin. Es handelt sich um eine echte Seltenheit, die selbst der Lehár-Papst Stefan Frey noch nie auf der Bühne gesehen hat.1 Und unter uns: Die Handlung verstehen Sie auch so.

5. Nippen Sie zwischendurch ruhig noch mal am Sekt. Ach, gleich noch mal. Mmmh … das perlt!

6. Nun fängt es an, der Vorhang hebt sich. Vergessen Sie bitte physikalische Gesetze, logische Handlungsverläufe und kausal aufeinander aufbauende Zusammenhänge. Natürlich kann Prinzessin Elisabeth in einer einsamen Hütte, die nur über einen Klettersteig zugänglich ist, innerhalb von wenigen Minuten eine Brotzeit herrichten („Jetzt gehe ich aber meine Hausfrauenpflichten erfüllen“, heißt es im Libretto, eine Passage, die unser Conférencier Max Hopp ein wenig gestrafft hat; zurück zum Thema:) – der königliche Kühlschrank ist stets gut gefüllt, Sie werden schon sehen, und Liebe geht schließlich durch den Magen. Jedenfalls finden Prinzessin und Kronprinz immer mehr Geschmack aneinander, und zwar gerade, weil sie nicht wissen, wer die andere Person eigentlich ist. Dort oben dudelt sogar ein Radio die Tafelmusik. Wozu? Es ist ein dramaturgisches Requisit und damit quasi von adligem Rang. Noblesse oblige.

7. Wir befinden uns jetzt in den Tiroler Alpen. Sehen Sie die majestätischen Berge. Riechen Sie die frische Luft? Sehr gut. Dann stimmen Sie ein und wiegen sich im Wiener Walzertakt:

Schön ist die Welt,
wenn das Glück dir ein Märchen erzählt,

Liebe erblüht
und singt zärtlich ihr ewiges Lied.

Schön ist die Welt,
wenn ein Schimmer von Glück sie erhellt,
schön ist die Welt,
wenn das Glück dir ein Märchen erzählt.

8. Denken Sie jetzt auch: „Früher war eben doch noch alles in Ordnung“? Keine komplizierten Genderdebatten haben die Konversation belastet, man(n) durfte noch alles sagen – echt, ist doch wahr! In ihrer alternativen Welt sind Sie ja für sich. Trauen Sie sich ruhig und machen Sie einen politisch unkorrekten Witz, ganz für sich allein. Wir erzählen es niemandem.  Hier ein paar Inspirationen aus dem Libretto:

Herzogin: Sagen Sie, lieber Direktor, haben Sie meine Nichte, die Prinzessin, nicht gesehen?
Direktor: O ja. Die gnädigste Prinzessin ist ausgeritten.

Herzogin: Ausgeritten? Allein?
Direktor: Nein, zu zwei’n!
Herzogin: Mit wem?
Direktor: Mit einem Pferd.

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Ja, die Liebe ist brutal,
und alle Menschen sind ihr ganz egal.

Ob sie arm sind oder reich,
die Liebe macht die Menschen alle gleich.
Ja, sie macht sie alle gleich.
Ob es Frau oder Mann, einmal kommt jeder dran.
Sie bringt für alle dasselbe Glück.
Die Liebe ist der größte Bolschewik.

9. Die Operette hatte von je einen Hang zu exotischen Lokalitäten. Wenn Sie sich also erst einmal aus Ihrem häuslichen Ambiente ins Nationaltheater geträumt haben, nimmt Sie das Stück gleich weiter mit auf der Reise. Auch wenn Sie sich bei Ihrer Reiseplanung vielleicht nicht auf die Protagonisten verlassen sollten:

Obersthofmeister: Eine Spanierin?
Direktor: Nein, noch interessanter – eine Brasilianerin! ... Sie ist heute mit dem Flugzeug angekommen. Das hat mich gleich auf eine geniale Idee gebracht. Wir veranstalten ihr zu Ehren heute Abend ein Fest unter dem Titel "Eine Nacht in Benares"!

Obersthofmeister: Benares? Das liegt doch in Indien.
Direktor: Natürlich. Ich wollte sagen "Eine Nacht in Buenos Aires".
Obersthofmeister: Stammt sie von dort?
Direktor: Nein, von Rio de Janeiro.*

* Damit Sie sich auf Ihrer Weltflucht nicht verirren, wurde diese Passage vorsichtshalber aus unserer Version der Operette gestrichen.
 

10. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Auch unsere kleine Reise entlässt uns nach knapp anderthalb Stunden in unsere Wirklichkeit zurück. Wenn noch etwas übrig ist (wir zweifeln), füllen Sie Ihr Glas ein letztes Mal auf. Prost!

1) Wie uns Stefan Frey in seinem untenstehenden Kommentar verrät, hat er die Oper sehr wohl schon gesehen, sogar dreimal – „nur nie so schön“. Wir sagen Merci und Pardon!

Kommentare

  • Am 16.01.2021 um 15:22 Uhr schrieb Stefan Frey

    PS

    Ich habe es schon dreimal gesehen, aber nie so schön!

  • Am 18.01.2021 um 19:32 Uhr schrieb Helmut Ploog

    Macht Stimmung

    Bravo

  • Am 18.01.2021 um 21:43 Uhr schrieb Hannelore

    Wunderbar, die Flucht aus der Welt ist gelungen!

    Herrliche Inszenierung, tolle Stimmen und brillanter Conferencier

  • Am 18.01.2021 um 21:47 Uhr schrieb Klaudia

    Herrlich

    Vielen Dank für diese kurze, wunderbare Auszeit. Habe mich sehr amüsiert.

  • Am 18.01.2021 um 21:49 Uhr schrieb Jung

    Großartig

    Abtauchen in eine andere Welt

  • Am 18.01.2021 um 21:54 Uhr schrieb Silvia Karl

    “Meine Montagsfreude”

    Wunderbar! Balsam für die Seele! Die Moderation brillant und wunderbar! Man konnte nicht genug kriegen! Traumhaft schöne Musik ! Herrlich interpretiert!

  • Am 18.01.2021 um 21:58 Uhr schrieb Karin

    Vielen Dank

    Die Welt ist einfach schön

  • Am 19.01.2021 um 08:04 Uhr schrieb

    Danke

    Sie haben mir und meiner Frau eine groß1 Freude mit dieser Stream gemacht!

  • Am 19.01.2021 um 20:06 Uhr schrieb Jürgen

    Oh, wie schön!

    Vielen Dank für die musikalisch so einschmeichelnde Aufführung. Und herzliche Grüße an das gesamte Ensemble. Weiter so!

  • Am 21.01.2021 um 13:13 Uhr schrieb Katja Raths

    Einfach nur schön!

    Ich habe in der Staatsoper schon viel geweint, aber noch nie so gelacht! Was für eine herrliche Aufführung mit so wunderbaren Sänger*innen und einem herausragenden Max Hopp als Conférencier. Vielen Dank, liebe Staatsoper, dass Sie diese Rarität auf die Bühne gebracht haben, und das mit so wenigen Mitteln, aber mit so viel Lust und Augenzwinkern. So gut gelaunt war ich schon lange nicht mehr! Einfach toll!

  • Am 25.01.2021 um 10:43 Uhr schrieb Annette

    Mega Abwechslung

    Ich habe noch nie eine Operette gestreamt und ich muss sagen ich werde Wiederholungstäter!!!

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