Rhiannon Fairless über Verwandlungen und ihre 1. Maß Bier

Rhiannon Fairless tanzt seit der Spielzeit 2020-21 im Corps de Ballett des Bayerischen Staatsballetts. Hier erzählt sie von ihrem Weg nach München und ihren ersten Schritten auf der Bühne des Nationaltheaters.

Erst gestern, also am 9. September 2020, hatten wir mit Schwanensee die erste Vorstellung auf der Bühne des Nationaltheaters. Für mich war das ein ganz besonderer Abend, da er für eine markante Veränderung in meinem Leben steht. Ich bin ja erst vor ein paar Wochen von Neuseeland nach München gezogen und habe noch nie auf dieser Bühne getanzt. Und dann gleich Schwanensee! Wir hatten nur drei Wochen nach der Sommerpause, um die Choreographie einzustudieren, aber wir wollten zeigen, dass wir die Aufgabe bewältigen können. Nach der Vorstellung war ich überwältigt, da ich in den Tagen zuvor, und selbst noch während der Vorstellung, eine Last verspürt hatte. Ich war nervös, ob ich die sauberen Linien, die vorgegebenen Abstände und die Koordination mit meinen Kolleginnen hinbekommen würde. Als ich mich dann aber vom Schwan auf der Bühne wieder zurück in mein eigenes Ich verwandelt hatte, konnte ich diesen Augenblick wirklich sehr genießen!

Ich bin in Neuseeland aufgewachsen und meine Eltern haben sich immer sehr für Musik und Tanz begeistert. Mein Vater spielte zuhause viel Klavier, mein Bruder liebte es, zu tanzen, wir hörten Pop-Musik oder Musicals und ich begann mich für alle Arten von Tanz zu interessieren. Meine damalige Lehrerin meinte, ich solle mich für eine Richtung entscheiden, und so wählte ich das Ballett. Eine Karriere als Tänzerin war mein Traum, aber ich hatte keine Schritte unternommen, ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Das änderte sich, als ich nach einem Wettbewerb das Angebot erhielt, an der Australian Ballet School zu studieren. Meine Mutter war gar nicht begeistert, aber das Angebot war da und ich wollte es nicht ablehnen. Und so zog ich mit 15 nach Australien. Das war der Moment, als ich mich entschieden habe, Tänzerin zu werden. Wie jede Verwandlung in eine neue Person war das nicht nur einfach. Das Training an der Ballettschule war sehr hart, aber ich hatte eine gute Zeit dort. Neben dem Ballett hatte ich Unterricht in verschiedenen Fächern. Die Klassen waren mit hochbegabten Studenten aus den Bereichen Kunst und Sport zusammengesetzt. Ich erinnere mich beispielsweise an Physiklektionen, die ich zusammen mit einem Schwimmathleten, einer Violinistin und einem Opernsänger besuchte, das war großartig!

Nach einigen Jahren beim National Ballet of Canada und beim Royal New Zealand Ballet erschien München am Horizont. Ich hatte die Produktionen des Staatsballetts seit längerem verfolgt. Letztes Jahr schaute ich mir am World Ballet Day auch ein Training an. An diesem Tag geben viele Kompanien auf der ganzen Welt Einblick in ihre Arbeit. Per Live-Stream kann man bei den Proben im Ballettsaal zuschauen. Ich war von diesem Ensemble begeistert und dachte, dass ich gerne Teil davon wäre. Insbesondere die Tänzerinnen und Tänzer haben mir Eindruck gemacht! Die Klasse, die ich per Stream sah, arbeitete sehr hart, alle waren sehr konzentriert und mit großem Einsatz dabei. Das hat mir gefallen, weil mir Ernsthaftigkeit und die Leidenschaft für die Sache bei der Arbeit wichtig sind. Außerhalb der Arbeit habe ich ein eher neuseeländisches Temperament, ich bin also etwas weniger organisiert und nicht so zurückhaltend wie es mir in Deutschland eher üblich zu sein scheint. Da muss ich mich noch etwas eingewöhnen. Auch weiß ich nicht, ob die Leute hier meine etwas sprudelnde Art erfrischend finden, oder ob ich sie vor den Kopf stoße.

Auf alle Fälle hat mich das Schicksal mit München nach dem World Ballet Day ein zweites Mal zusammengebracht. Wegen einer Freundin von mir, unternahm ich während der Sommerferien, die in Neuseeland ja im Dezember stattfinden, eine längere Reise nach Europa. In München wollte ich an einem Training und einem Vortanzen für die Kompanie teilnehmen. Ich bewarb mich und wurde eingeladen. Es war kurz vor Weihnachten, der Ballettdirektor Igor Zelensky war auch da und schaute zu. Dann ging alles sehr schnell! Er sprach mich nach dem Training an und fragte mich, ob ich am Nachmittag ein Solo zeigen könne. Ich war natürlich sehr aufgeregt! Ich brachte meine Musik mit und tanzte das Solo im Ballettstudio. Es gab dann noch ein kurzes Gespräch und anschließend zog ich mich in der Garderobe um. Meistens muss man Monate auf einen Bescheid warten. Ich wollte bereits das Gebäude verlassen, als man mir Bescheid gab, dass ich engagiert sei. Alles passierte innerhalb eines einzigen Tages! Am Abend ging ich mit meiner Freundin ins Hofbräuhaus, wo wir zur Feier des Tages versuchten, ein Maß Bier zu trinken. Meine Freundin hat es geschafft, ich nicht ganz …

Nun bin ich hier in München und wir haben die erste Vorstellung hinter uns. Ich selber war lange Zeit nicht sicher, ob ich überhaupt nach Deutschland würde reisen können. Umso emotionaler bin ich jetzt, weil alles geklappt hat. Auch bin wahnsinnig erleichtert, dass wir uns auf Anhieb in der Gruppe der Schwäne so gut verstanden haben. Die Chorographie in den weißen Akten funktioniert in Schwanensee nämlich nur, wenn man die Energie jeder einzelnen Tänzerin spürt. Jetzt merke ich, dass ich ein Teil dieses Teams bin und mich auf die anderen verlassen kann. Deshalb freue ich mich auf alles, was noch kommen wird. Diese jüngste Verwandlung in meinem Leben fand am gestrigen Abend mit der ersten Vorstellung von Schwanensee statt.

Rhiannon bei Bühnenproben zu SCHWANENSEE

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