On the road mit Andrés Agudelo

Andrés Agudelo ist einer der Opernstudiotenöre, der die Rolle des Wilhelm Meister in der jüngsten Produktion von Mignon singt. In diesem Artikel schreibt er über die Vor- und Nachteile als Opernsänger die Welt zu bereisen und was Reisen für ihn bedeutet.

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Der sich auf der Durchreise befindende Wilhelm Meister (Andrés Agudelo) schließt sich einer Theatergruppen und trifft auf Mignon (Sarah Gilford).

Das Reisen spielt im Leben des jungen Wilhelm Meister eine sehr wichtige Rolle - es ist eigentlich der Antrieb hinter seiner eigenen Geschichte. Der Entschluss, ein Leben fernab der familiären Grenzen und der Komfortzone zu führen, und der nie endende Wunsch, das Glück zu suchen und seine Berufung zu erfüllen, trotz aller Wendungen, die sich auf dem Weg dahin ergeben können. Ich muss sagen, dass ich mich mit dieser Geschichte gut identifizieren kann, weil ich selbst einen ähnlichen Weg erlebt habe (mit dem winzigen Unterschied, dass ich nicht aus einer wohlhabenden Familie stamme, ;-) ). In den letzten dreizehn Jahren habe ich in sieben verschiedenen Städten und vier verschiedenen Ländern gelebt und nach Erfahrungen und Weiterbildungsmöglichkeiten gesucht, um mir meinen Traum zu erfüllen, ein professioneller Opernsänger zu werden. Ich habe so viele unglaubliche Dinge erlebt, erstaunliche Orte entdeckt und tolle neue  Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen kennengelernt und viel über ihre Gewohnheiten und Sprachen gelernt. Und das Wichtigste für mich ist, dass ich wie im Leben von Wilhelm Meister meiner Berufung nachgegangen bin, der Berufung eines mutigen Mannes voller Hoffnung und Träume!

Cabo de la Vela in Kolumbien

Ich bin eher der Typ für Alleinreisen. Ich brauche nur einen Rucksack und nicht viel Luxus. Ich reise auch gerne spontan, plane nicht zu viel und suche immer das Abenteuer. Jeder neue Ort, an dem ich gewesen bin, hat mir so viele glückliche und einige nicht allzu glückliche Momente beschert, aus denen das Leben eben besteht - "Momente", vielleicht bin ich zu romantisch, aber genau die sind es doch, die meiner Meinung nach das Reisen ausmachen. Ich habe einige Orte, an die ich mich besonders gut erinnere, wie Paris, Verbier, Madrid, Cambridge und einige wunderschöne Orte in meinem geliebten Kolumbien, wie den Tayrona-Nationalpark, der einfach ein traumhaftes Erlebnis ist!

Natürlich macht das Reisen nicht immer Spaß. Ich hatte schon auch ein paar kleine Reisekatastrophen. Ich erinnere mich nur zu gut daran, dass ich nach einem Abendessen an meinem letzten Tag in China vor dem zwölfstündigen Flug von Shanghai nach Paris eine Lebensmittelvergiftung bekam und dann sechs Stunden lang am Pariser Flughafen auf einen weiteren Anschlussflug nach Madrid warten musste. Das war eine ziemliche Herausforderung!

Montfort, Schweiz
Shanghai, China

Während der Pandemie nicht reisen zu können, war für die Opernindustrie, wie wir sie kennen, ziemlich schwierig, aber ich bin davon überzeugt, dass Theater und Oper eine unglaubliche Kraft sind, um Kulturen und Länder zu vereinen, da die Beteiligten in der Regel verschiedene Nationalitäten und Hintergründe haben und gemeinsam versuchen, eine Idee zu vermitteln. Und das ist das Erstaunlichste an unserem Metier. Dieses Zusammentreffen der Kulturen steht nun aufgrund der Reisebeschränkungen vor einem großen Problem, und Reisen ist für mich natürlich eine Möglichkeit, soziokulturelle Grenzen zu überwinden.

Ich sage immer, dass meine Heimat jetzt die Welt ist, und dorthin soll mich meine Reise auch führen - überall hin, solange ich meine Kunst ausüben kann und glücklich bin. Glück. Das Leben soll mich also überraschen! Mein nächstes Traumreiseziel wäre sicherlich die Nordlichter irgendwo in Skandinavien, aber ich würde auch gerne mehr von Lateinamerika erkunden.


Andrés Agudelo

Andrés Agudelo, geboren in Kolumbien, studierte an der Escuela Superior de Música Reina Sofia in Madrid bei Ryland Davies und Rosa Dominguez sowie am Conservatoire Superieur de Paris bei Marcel Boone. Zudem besuchte er Meisterkurse u. a. bei Javier Camarena, Barbara Frittoli und Margreet Honig. Zahlreiche Auftritte führten ihn beispielsweise an die Ópera de Colombia, die Shanghai Symphony Hall oder die Philharmonie in Paris. Unter der Leitung von Gustavo Dudamel sang er als Solist in Beethovens Chorfantasie im Binational Symphonic Concert in Bogotà. 2017 wurde er in das Opernstudio Opera Fuoco in Paris aufgenommen. Im Folgejahr gewann er den Thierry Mermod Preis beim Verbier Festival. Im Juni 2019 sang er Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe beim Leipziger Bachfest. Seit der Spielzeit 2019/20 ist er Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper.

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