Zur Musik von „Raymonda“

Das Ballett Raymonda sei eines von Petipas Meisterwerken, dies ist häufig zu hören. Aber man vergisst oft, dass es ein Ballett nicht ohne die jeweilige Musik gäbe. Manch großes Ballett ist also genauso ein Meisterwerk des jeweiligen Komponisten. Und der muss beim Ballett nicht immer Peter I. Tschaikowsky heißen - bei Raymonda ist es Alexander Konstantinowitch Glasunow.

Alexander Glasunow (1865-1936) gehört zu den berühmtesten russischen Komponisten und ist heute in erster Linie für seine Symphonien bekannt. Er galt als musikalisches Wunderkind und als Student von Nikolai Rimsky-Korsakow, komponierte er mit 15 Jahren seine erste Symphonie. 1898, im Alter von 32 Jahren, wurde er bereits von der Direktion des Mariinsky-Theaters als Tschaikowskys Nachfolger für den Bereich der Ballett-Komposition, und damit für die Zusammenarbeit mit Marius Petipa, bestimmt. Raymonda sollte im gleichen Jahr ihr erstes großes gemeinsames Werk werden. Jedoch war der junge Alexander Glasunow zu diesem Zeitpunkt weder ein erfahrener Ballettkomponist noch ein erfahrener Opernkomponist. Ganz anders dagegen Petipa der bereits ein weltberühmter Künstler und in seiner letzten Schaffensphase war. Alexander Glasunow konnte sich zu diesem Zeitpunkt gerade einmal „Nachwuchstalent“ nennen.

Wie für seinen Vorgänger Tschaikowsky war das Komponieren für die Bühne keinesfalls seine Hauptbeschäftigung. Glasunow komponierte viel Klaviermusik, Konzertwalzer, Ballettsuiten und 1890 vervollständigte er Alexander Borodins Opernfragment Fürst Igor, das neben Mussorgskis Boris Godunow zum Repertoire der russischen Nationaloper gehört. Aber gerade für die Ballettwelt ist seine Raymonda-Musik von besonderer Bedeutung und steht gleichrangig neben den großen Tschaikowsky-Ballettmusiken wie Schwanensee und Dornröschen. Tatsächlich trat er in die Fußstapfen seines Vorgängers: die symphonische Qualität, die symphonische Kraft sind auch bei Glasunow zu finden.

Beim Ballett Raymonda geht es nicht nur um die Handlung. Vielmehr geht es um eine mystische und mittelalterlich-romantische Atmosphäre, die auch in der Musik von Glasunow ihren vollen Ausdruck findet. Mit dem Komponieren von Ballettmusik strukturiert sich Glasunows romantische Fantasie. Im zweiten Bild des ersten Akts, „der Traum“, zeigt er wie er das symphonische Zusammenspiel bereits perfekt beherrscht. Den Höhepunkt „des Traums“ bildet das Grand Adagio, in dem sich typische Melodiebögen und Stimmen miteinander verflechten. Die Musik wächst und wird bis zum Entreacte zum 3. Akt komplexer, immer polyphonischer und prachtvoller. Glasunow war auch ein Walzer-Fan. Dies zeigt sich mehrfach in Raymonda, aber am eindeutigsten wohl im glänzenden Grande Valse, wenn im ersten Akt Raymonda bei einer Festgesellschaft aufgeheitert werden soll; (ihr Verlobter Jean de Brienne zieht einen Kreuzzug der Hochzeitfeier vor…). Dieser sinfonische Kraft und die Verwendung orientalischer und ungarischer Folklore-Elemente brachten Glasunow den Spitznamen „russischer Brahms“ ein. In Raymonda finden wir diese Elemente im Danse Orientale des Sarazenen Abderakhman und im Grand Pas Hongrois. Glasunows Partitur ist also faszinierend vielschichtig und farbenreich.

Alexander Glasunow komponierte insgesamt drei Werke für Ballette von Marius Petipa: Raymonda, das 1898 im Kaiserlichen Marientheater zu St. Petersbug uraufgeführt wurde, Ruses d’amour (1899) und Die Jahreszeiten (1900). Mit den vier Jahren ihrer Zusammenarbeit schufen sie in der späten 1890ern den Höhepunkt der zaristischen Ballettära St. Petersburgs, der unseren Begriff von Ballettklassik bis heute prägt.

Im Jahr 2018 feiert die Ballettwelt den 200. Geburtstag von Marius Petipa. Das Bayerische Staatsballett begeht dieses Jubiläum mit der Wiederaufnahme von Raymonda ab 22. Mai 2018. Das Bayerische Staatsorchester wird Glasunows breite Palette von Emotionen unter der Leitung von Dirigent Michael Schmidtsdorff zum Ausdruck bringen. Nicht verpassen!

Hören Sie hier einige Ausschnitte aus Alexander Glasunows Raymonda-Ballettmusik:

  • Das Entracte zum dritten Akt:

  • Den Danse Orientale:

  • Einen Grande Valse:

  •  Und das Grand Adagio:

 

Copyright: Bayerisches Staatsballett

Autorin: Margaux Duteil 

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