„Zeig mir deine Wunde“ vs „zeige deine Wunde“

13.12.2017

Unser Spielzeitthema „Zeig mir deine Wunde“ hat viele Facetten. Bei der „Unmöglichen Enzyklopädie Nr. 39: Zeig mir deine“ ging es darum, welche Motivationen hinter dieser Aufforderung stecken und welche Formen zwischenmenschlicher Begegnungen ermöglichen, ihr zu folgen. Auch Joseph Beuys Installation „zeige deine Wunde“ ruft zur Offenlegung des Verborgenen auf. Wir haben die Kuratorin Eva Huttenlauch vom Lenbachhaus gebeten, uns das Werk im Rahmen der "Unmöglichen Enzyklopädie" am 4. Dezember etwas näher zu bringen. Hier auf unserem Blog berichtet sie von der Veranstaltung:

Für Die unmögliche Enzyklopädie Nr. 39: Zeig mir deine lud die Dramaturgie der Bayerischen Staatsoper mich ein, einen Beitrag zu gestalten. Die Besucher der Veranstaltung sollten im Rahmen eines Parcours mit verschiedenen Stationen im grün-weißen Erfrischungsraum im 3. Rang des Vorderhauses - staatsopernintern Aquarium genannt - etwas über Joseph Beuys’ Environment zeige deine Wunde erfahren. Dieses Werk entstand 1976 und wurde damals von Beuys zunächst im Münchner Maximiliansforum in der Fußgängerunterführung Maximilianstraße ausgestellt. 1979 erwarb der damalige Direktor des Lenbachhauses, Armin Zweite, das Environment, und 1980 richtete Beuys persönlich es im Museum ein. Der Ankauf löste großen Protest aus in der Bevölkerung und im Münchner Stadtrat, gegen den sich Zweite erfolgreich durchgesetzte. Es entstand ein regelrechter Kulturkampf um Beuys und sein Werk, in dem das Lenbachhaus bereits damals beweisen konnte, dass es von streitbaren Persönlichkeiten geführt wird, und dass es revolutionäre Entscheidungen im Sinne der Kunst zu treffen weiß. So setzten vorausschauende Urteile immer wieder Wendepunkte in der Sammlungsgeschichte des Hauses, die es zu einem heute international renommierten Museum machten.

Joseph Beuys, zeige deine Wunde, Installationsansicht 2013, Städtische Galerie im Lenbachhaus München © Joseph Beuys Estate/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Joseph Beuys, zeige deine Wunde, Installationsansicht 2013, Städtische Galerie im Lenbachhaus München © Joseph Beuys Estate/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Im Vortrag zu zeige deine Wunde ging es darum, den Enzyklopädie-Besuchern zunächst einzelne Teile der Installation zu beschreiben, die sich nach und nach mittels einer Projektion wie ein Puzzle zum gesamten Werk zusammensetzen. Dabei wurde spürbar, dass viele Münchner die Installation gut kennen und gleich zu Beginn der Beschreibung wussten, worum es gehen würde. zeige deine Wunde ist eine Ikone der Münchner Museumslandschaft, und nicht wenige der älteren Enzyklopädiebesucher erinnerten sich noch an die damaligen Diskussionen um das Werk vor 40 Jahren.

Obwohl es zwischen dem aktuellen Spielzeitmotto der Bayerischen Staatsoper Zeig mir deine Wunde und Beuys’ zeige deine Wunde sprachlich nur einen kleinen Unterschied gibt, ist die inhaltliche Differenz doch groß. Zeig mir deine Wunde eröffnet einen Dialog und eine zeitlich begrenzte Interaktion zwischen zwei Menschen: Ich fordere dich auf, mir deine Wunde, deine Verletzung, dein Inneres zu zeigen. Beuys dagegen richtet einen generellen und überzeitlichen Appell an einen zunächst unbekannten Adressaten („zeige“), und auch ein Publikum, dem die Wunde gezeigt werden soll, ist ungenannt.

Beschäftigt man sich mit Beuys' Ideologie allgemein und mit diesem Environment speziell, so wird bald klar, dass seine Aufforderung der gesamten Öffentlichkeit galt. 1976 befand man sich einerseits in der Nachkriegszeit, in der die Gesellschaft noch kriegstraumatisiert war - nicht in der Lage, über das Vergangene zu sprechen, weder über die politisch ausgelösten Verbrechen, noch waren heimgekehrte Soldaten fähig, individuelle Kriegserlebnisse zu berichten.

Zum anderen aber, und das ist hier der springende Punkt, ging es Beuys immer um eine allgemeine Art der Verwundung oder Erkrankung der Gesellschaft: er erkannte, dass diese durch das kapitalistische System, das dadurch ausgelöste Konsumverhalten, eine ungerechte Wirtschaftsordnung und rücksichtslose Technisierung vernunftgesteuert und krank geworden sei. Diese „kranke“ Gesellschaft müsse, so Beuys, symbolisch durch Kunst geheilt werden. Er wollte eine Wiedervereinigung des Menschen mit der Natur in einem ursprünglichen Zustand, in dem der Mensch eins ist mit seiner lebendigen Mitwelt.

Eines der Lebensthemen von Joseph Beuys war die körperliche und seelische Verwundbarkeit des einzelnen Menschen, aber eben auch der Gesellschaft als sozialer Organismus. Nur wer seine Verletzungen, seine Wunden zeigt – wer darüber nachdenkt und spricht – könne Heilung erfahren.

Um diese Heilung zu verstehen, muss man sich kurz Beuys' Naturauffassung und sein Menschenbild vor Augen führen: Sein Leitstern war die Anthroposophie von Rudolf Steiner, die auf dem Weltbild der deutschen Romantik um 1800 fußte. Wie deren Vertreter – z.B. Goethe, Novalis, Hölderlin – dachte sich Beuys eine Universalie, einen Urgrund aus dem alles Seiende abgeleitet ist. Dieser einheitliche Urgrund spannt sich aus zwischen seinen Polen Materie und Geist. Materie und Geist werden nach Goethe von einer Weltseele in Bewegung gehalten und stehen in gespannter Verbindung. Beuys setzte für diese Weltseele seinen Begriff von WÄRME ein. Deren Bildsymbol wiederum findet er in den Materialien Fett als Energiespeicher und Filz als Wärmeisolator. Nach Beuys ist mit dem Verlust der seelischen Wärme zwischen den Menschen die Einheit von Materie und Geist verloren gegangen. Seither dominiert Materielles das geistige Prinzip. Um die Ganzheit wiederherzustellen und produktiv zu machen, arbeitete er mit den beiden Materialien Fett und Filz, die für ihn seelische und soziale Wärme symbolisieren, die wiederum Geist und Materie zusammenhalten kann.

Im Wärmeprinzip suchte Beuys die Heilung der Gesellschaft. Allein aus ihm erwächst der schöpferische Beitrag jedes Menschen zum demokratischen Großen und Ganzen einer besseren menschlichen Gemeinschaft. Hier setzen wir am umfassenden politischen Engagement von Beuys an, das für sich Thema für eine eigenen Publikation wäre.

Am 5. März 2018 wird es eine weitere Kooperation zwischen der Bayerischen Staatsoper und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus zum Spielzeitthema geben: ein Themenkonzert mit dem Vortrag der Ethnologin Jacqueline Knörr; dabei ist Gelegenheit, sowohl Beuys’ dauerhaft im Lenbachhaus installiertes Environment zeige deine Wunde im Original zu sehen, als auch die aktuelle Sonderausstellung Einwandfreie Bilder. Joseph Beuys – Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Lothar Schirmer (bis 18. März 2018).

Wer bei der Enzyklopädie am 4. Dezember dabei war, erhält mit seiner Eintrittskarte noch bis 17. Dezember ermäßigten Eintritt ins Lenbachhaus.

Eva Huttenlauch

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