ZEIG MIR DEINE WUNDER: Ungewöhnliche Fragen zu einem ungewöhnlichen Opernabend

Die Festspiel-Werkstatt präsentiert einen Opernabend der besonderen Art: Zeig mir deine Wunder des Musiktheaterkollektivs HAUEN•UND•STECHEN nach Nikolai Rimski-Korsakows fantastischer Oper Snegurotschka („Schneeflöckchen“). Aber seht selbst.

Auszüge aus der aktuellen Ausgabe von MAX JOSEPH. (Fragen und Kurztexte Miron Hakenbeck und Malte Krasting).

Während den Proben zu „Zeig mir deine Wunder“
Während den Proben zu „Zeig mir deine Wunder“

Die Handlung

Die Menschen verstehen die Natur nicht mehr. Seit Jahren macht sich die Sonne rar, und so leben sie in einem meteorologischen Ausnahmezustand. Auch in der Welt der Elementargeister ist längst nicht alles in Ordnung. Aus der Liaison zwischen Wintergeist (Väterchen Frost) und Frühlingsfee ist ein illegitimes Kind  hervorgegangen, das weder so recht zur Welt des Vaters noch zu der der Mutter gehört: Snegurotschka („Schneeflöckchen“). Könnte das Mädchen allein durch seine ungewöhnliche Existenz schuld an den Wirren des Wetters sein, am Grimm des großen Sonnengottes Jarilo? Als Snegurotschka zur jungen Frau  herangewachsen ist, will sie unter den Menschen leben, nahe beim Sänger Lel und seinen Liedern, im Reich des Zaren Berendej und seinem Volk, den Berendejern. Doch wird sie nie vollständig zu den Menschen gehören, solange sie – Lel berührt einen wunden Punkt, als er ihr das klarmacht –, solange sie nicht  leidenschaftliche Liebe fühlen kann. Was beide nicht wissen: Sollte Snegurotschka das tun, wird sie schmelzen. Wäre diese unbewusste Selbstauslöschung durch Hingabe das nötige Opfer, um Klima, Wetter und Gemeinschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen?

Anna El-Khashem (Snegurotschka)
Anna El-Khashem (Snegurotschka)
Aufnahme aus den Proben
Aufnahme aus den Proben

Nachgefragt: Das Team HAUEN•UND•STECHEN

Wen hast du zuletzt geopfert?
Ich opfere meine Unschuld jeden Tag ein Stück weit in der Hoffnung, sie irgendwann ganz und noch mit Dividenden zurückzubekommen.

Von den Berendejern lernen heißt siegen lernen. Oder?
Von den Berendejern lernen heißt vergessen lernen. Im Vergessen halten sie den Ekel vor dem Lauf der Welt aus und berauschen  sich zugleich an dieser Welt. Barmherzigkeit und Grausamkeit sind eins im Vergessen. Ein solches Vergessen will gelernt werden, meistens ist es sehr hässlich.

Fragen an: Maria Buzhor, Übersetzung


Was wirft die Welt aus dem Gleichgewicht?
Bomben. Meteore. Mein Herz. – Ich glaube, Verletzungen bringen die Welt aus dem Gleichgewicht. Ganz gleich, ob sie aus dem Zuviel kommen oder aus dem  langsamen Aufzehren oder aus einem Schlag oder einem Aufprall. Vielleicht ist Verletzung nicht das richtige Wort. Wenn etwas Schaden nimmt, dann beschädigt das immer auch das Gleichgewicht.  Man weiß nicht, ob und wie sich die Dinge regenerieren können. Ob die Welt wieder in Ordnung kommt.

Brauchen wir noch (oder wieder) einen Sonnengott?
Einen Liebesdiktator wie Jarilo brauchen wir sicher nicht. Und überhaupt ist der Sonnengott doch da, in der Welt, die unsere Liebes- oder Paarungsfähigkeit feiert und optimiert.

Aber wie kann man das schaffen, eine Form von Liebe zu finden, die sich dem Materialismus widersetzt, eine Form von Liebe, aus der niemand  Profit schlagen kann?
Das ist etwas, wovon auch der Zar in Snegurotschka spricht. Dummerweise sucht er das Heil darin, indem er Paarung und Fruchtbarkeit institutionalisiert und zur  Pflichterfüllung erniedrigt, als Teil seiner Darbringungen an den Sonnengott. Die Verehrung der Sonne entspringt der Nichtverfügbarkeit des Lichts. Da sollte es   doch in diesen Tagen lieber diesen Gott der Dunkelheit geben, der vorbeikommt und den elektrischen Strom abschaltet.

Fragen an: Franziska Kronfoth, Regie

Wen hast du zuletzt geopfert?
Unser Kollektiv. Von den Berendejern lernen heißt siegen lernen. Oder? In Rimski-Korsakows Snegurotschka sind die Berendejer ein perfides Völkchen, die ein  jungfräuliches Mädchen an den Sonnengott opfern, weil seit 15 Jahren ihre Konjunktur nicht mehr läuft. Als Sieg würde ich das nicht bezeichnen. Andererseits  existiert der Einzelne bei dem Volk der Berendejer nur durch die Gemeinschaft; das Individuelle wird zurückgestellt. Der Tod des Individuums, dieses kleinen  Mädchens, soll also im größeren, im universellen Zusammenhang verstanden werden. Ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein großer Schritt für die  Menschheit – eine Art Mondlandung oder eben bei uns eine goldene Sonnenlandung. Wir können uns heute einen so öffentlichen Mord überhaupt nicht  vorstellen. Und doch umgibt uns die tägliche blutige Opferung, vor der wir unsere Augen verschließen, stärker als eh und je.

Von den Berendejern lernen heißt siegen lernen?
Vielleicht ist es so: Von den Berendejern lernen heißt sehen lernen. Everything is amazing, but nobody is happy.

Fragen an: Julia Lwowski, Regie

Das Regieteam: Julia Lwowski und Franziska Kronfoth
Das Regieteam: Julia Lwowski und Franziska Kronfoth
Szene aus den Proben
Szene aus den Proben

Was ist dein Lieblingsritual?
Das ist die grüne Suppe: Die Kräuter mühevoll gesammelt von der alten Nachbarin kurz vor Ostern – die kleinen ersten Triebe von Brennnessel, Gundermann, Sauerampfer, Hahnenfuß, Spitzwegerich, Gänseblümchen. Gekocht zu einer intensiv grünen Suppe. Gegessen in seltsamer Konzentration, da sie weder schmeckt noch sättigt.

Wie schaffen wir das Wunder?
Wir gehen in den ersten Raum, der ist absolut dunkel. Die Tür geht zu. Kein einziges Körnchen Licht. Nicht einmal das Notausgangsschild. Wir stehen da zusammen, nebeneinander, dicht an dicht. Wir riechen und hören und fühlen die anderen um uns herum. Dann geht es los.

Fragen an: Yassu Yabara, Bühnenbild


Wie kommen Turbulenzen auf die Bühne?
Wenn wir Gott spielen. Wir haben doch alle mal davon geträumt, Frau Holles Betten zu schütteln und der Welt ein bisschen Veränderung zu schenken. Umgraben,  umwälzen, schlechtes Wetter machen – das alles scheint uns schwerzufallen und ist doch manchmal schwer nötig. Denn jede/r/s braucht Veränderung, und im  Theater brauchen wir dafür nicht ständig auf den Wettergott zu warten. Was wären wir schließlich ohne das bisschen Gewitterwinde und die Regenschauer, während wir uns im Zelt aneinander schmiegen?

Brauchen wir die russische Seele?
Das stille und auch das lauthalse Klagen der russischen Seele über ihr Leid, das dürfen wir nicht verlernen. Im Klagen finden wir eine Sehnsucht und eine  Hoffnung, die dem Selbstmitleid fehlen. Klagen, klagen, nicht verzagen!

Fragen an: Günter Lemke, Bühnenbild/Objekte

Zeig mir deine Wunder
Di, 26 Juni 2018, Premiere ausverkauft
Mi, 27. Juni 2018, » Karten
Fr, 29. Juni 2018, » Karten
S, 1. Juni 2018, » Karten

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