Zeig mir dein Tattoo – Ein Gespräch mit einer Tätowiererin über Narben

07.02.2018

Unsere Dramaturgie-Reihe Die Unmögliche Enzyklopädie feierte in unserem Jubiläumsjahr am vergangenen Montag die 40. Folge: GELIEBT, GEHASST UND PFLASTER DRAUF. Der Begriff, der anhand von Musik, Installationen und Gesprächen untersucht wurde, war – passend zum Spielzeitthema Zeig mir deine Wunde – Narbe. In diesem Rahmen hat unser Dramaturg Benedikt Stampfli die Tätowiererin Mika eingeladen, die im Münchener Tattoo-Studio Tattoo Sohne arbeitet. In einem Gespräch gab die junge Münchnerin den Gästen Einblicke in die Welt der kunstvoll gestochenen Narben.

Mika ist Tätowiererin, hat selbst aber (noch) kein einziges Tattoo auf der Haut
Mika ist Tätowiererin, hat selbst aber (noch) kein einziges Tattoo auf der Haut

Benedikt Stampfli: Wie definiert man ein Tattoo?

Mika: Streng genommen ist ein Tattoo eine Narbe, man verletzt die Haut und fügt Farbe ein. Wenn es verheilt, bleibt die Farbe eingeschlossen in der Haut und man bekommt sie nicht so leicht wieder weg.

Welche verschiedene Varianten oder Methoden gibt es, ein Tattoo zu stechen?

Das Tattoo ist wahnsinnig alt, die Menschen haben das schon immer gemacht. Früher haben Sie sich mit Fischgräten oder Bambus die Haut verletzt, mittlerweile macht man das mit Maschinen. Aber in manchen Ländern der Welt werden Tattoos immer noch mit der Hand und Bambus oder dergleichen gestochen.

Beim Vorgespräch hast du mir eine sehr interessante Geschichte erzählt. Es gibt sehr viele Gefängnisinsassen, die ein Tattoo haben. Sich ein Tattoo im Gefängnis stechen zu lassen, ist aber nicht so einfach.

Richtig. Es kam einmal ein Kunde zu mir ins Studio und hat mir ein Tattoo gezeigt, das er sich im Gefängnis hat stechen lassen. Das sah überraschenderweise gar nicht so schlecht aus, war aber noch nicht fertig. Denn es ist nicht erlaubt, sich im Gefängnis ein Tattoo zu stechen.

Er und ein weiterer Insasse haben sich gegenseitig ein Tattoo gestochen, wurden dabei erwischt und deswegen getrennt. Sie haben dazu einen elektrischen Rasierer hergenommen und umgebaut mit einem Draht. Die Tinte haben sie mit etwas Ruß und Shampoo hergestellt. Das hatte sich auch ganz schön entzündet. Der eine kam raus und besuchte uns im Studio. Der andere wird wohl aber noch sehr lange im Gefängnis sein. Die beiden werden sich deshalb wohl die Tattoos nie gegenseitig fertigstellen können.

Jetzt kann man sich auch vorstellen, warum das verboten ist. Das ist nicht nur gefährlich für die Insassen, sondern entzündete Wunden können unter diesen Umständen auch schlecht verheilen.
Du hast ja wahrscheinlich auch Kunden, die eine Narbe haben. Kann man überhaupt auf Narben tätowieren?

Ja, das geht schon. Bei großen wulstigen Narben weiß man nicht genau, was passiert, wenn man darüber tätowiert. Also entweder bleibt es eine Linie wie auf der normalen Haut oder es geht ein bisschen auf, wird breiter. Das kann beides passieren. Die Kunden gehen damit sehr unterschiedlich um: Manche wollen die Narbe verstecken, manche wollen sie sogar noch mehr in Szene setzen. Das kommt auch immer auf ihre Geschichte an.

GELIEBT, GEHASST UND PFLASTER DRAUF ...
GELIEBT, GEHASST UND PFLASTER DRAUF ...
... für die Enzyklopädie wurde der Königssaal in eine Baustelle verwandelt.
... für die Enzyklopädie wurde der Königssaal in eine Baustelle verwandelt.

Besprichst du die Geschichte in einem Vorgespräch?

Es dauert je nach Größe des Tattoos mehrere Stunden, das Tattoo zu stechen. Da frag ich dann schon mal gerne nach, was es damit auf sich hat.

Es gibt ja auch nicht nur die offensichtlichen Narben auf der Haut, sondern vielleicht auch auf der Seele und ich könnte mir vorstellen, dass manche sich auch ein Tattoo stechen lassen, das diese Wunden betrifft. Wie geht man damit um?

Ich glaube schon, dass manche während der Sitzungen mit viel Zeit, Schmerz und Gesprächen Dinge verarbeiten können.

Also kann man sagen, dass erst der Schmerz kommt, die Wunde, dann die Narbe und am Ende die Freude?

Ja, hoffentlich.

Du hast mir im Vorgespräch noch eine außergewöhnliche Geschichte von einem Kunden erzählt, der beim Schwimmen einem Hai begegnet ist.

Dieser Kunde ist im Meer mit Hammerhaien getaucht und ein Hai hat ihn mit der Flosse am Arm erwischt. Dort hatte er dann eine relativ große Narbe, die er aber eigentlich nicht wirklich verstecken wollte, denn es war ja ein ziemlich aufregendes Abenteuer. Und deshalb hat er sich dann auf den Unterarm einen Hammerhai stechen lassen und die Narbe aber ausgespart, die liegt zwischen den Flossen.

Gibt es auch Situationen, in denen du sagst: Nein, Sie tätowiere ich nicht oder das mach ich nicht?

Ja oft, wenn ich die Idee zum Beispiel nicht gut finde, die Leute zu jung sind oder mir die ganze Aktion recht unüberlegt vorkommt. Wenn ich das Gefühl habe, dass diejenigen dann am Ende nicht glücklich mit Ihrem Tattoo wären.

Was sollte ich mir denn überlegen, bevor ich zur Dir ins Studio komme?

Man sollte sich auf jeden Fall überlegen, dass man ein Tattoo nicht mehr loswird später. (lacht) Wichtig ist auch die Stelle, an die man das Tattoo sticht. Möchte ich das Tattoo immer jedem zeigen? Am Hals oder an der Hand kann ich das Tattoo ja gar nicht mehr verstecken. Und natürlich ist das Motiv ganz wichtig.

Selene Zenetti und Dean Power sangen ein Duett aus Jenůfa
Selene Zenetti und Dean Power sangen ein Duett aus Jenůfa.
Es gab weitere Gespräche und Musik im umgebauten Königssaal
Es gab weitere Gespräche und Musik im umgebauten Königssaal.

Wie jung sind deine jüngsten Kunden?

Die, die kommen oder die, die wir auch stechen?

Erstmal die kommen.

So 14 oder 15 Jahre. Aber die bekommen von uns kein Tattoo. Erst ab 18 Jahren.

Wie ist denn das geregelt im Deutschen Staat?

Mit dem Einverständnis von beiden Eltern dürfen auch Minderjährige ein Tattoo bekommen. Aber die meisten Studios, und da gehören wir dazu, haben kein Interesse daran, uns mit Einverständniserklärungen auseinander zu setzen. 18 Jahre sind früh genug.

Letzte Frage: Hast du selbst eine Narbe und wie hast du die bekommen?

Ja, an der Hand. Als ich zehn Jahre alt war, hatte ich einen Dackel, mit dem ich spazieren gegangen bin. Dabei hat ein anderer Hund, ein Husky, meinen Dackel angegriffen und ich hatte Angst um ihn und hab mich deshalb auf den Husky geworfen und hab angefangen ihn zu würgen. (lacht) Und dann hat er zum Glück meinen Dackel wieder ausgespuckt, dafür hat er dann aber mich erwischt und hat mich in die Hand gebissen.

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