Wirklich, Blanche? - Man hätte sie gern gesprochen, die Hauptfigur der „Dialogues des Carmélites“.

Dialogues Des CarmélitesFrancis PoulencAngst

Die Eckdaten der Handlung sind schnell erzählt, und sie haben es in sich: Die angstverstörte Blanche flieht vor der Welt in ein Leben im Kloster, wo sie Heilung und Bestimmung zu finden sucht. Als während der französischen Revolution die Ordensschwestern ein Gelübde ablegen, für ihren Glauben in den Tod zu gehen, flieht Blanche erneut, zurück in ihr mittlerweile zerstörtes, adliges Elternhaus. Als die Karmeliterinnen singend zur Hinrichtung schreiten, stößt Blanche als letzte zu ihnen und geht mit ihnen in den Tod.

Blanche, im Ernst? Märtyrertod? Beim verwüsteten Beobachter bleibt das Gefühl, dass sie da nicht richtig dabei war. Dass sie nicht unbedingt für ihren Glauben sterben wollte – welcher Glaube überhaupt? Dass sie es vielleicht allen einfach mal zeigen wollte. Und auch so eine tolle Heldin, so eine 100%ige sein wollte wie die Ordensschwestern, um auch den Ruhm für den Märtyrertod einzusacken. Nennt man das nicht Trittbrettfahren, heutzutage? Wie auch immer, diese Blanche ist keine siegende Märtyrerin, die für ihre Ideale in den Tod geht, sondern sie ist aus Angst nicht zum Leben gekommen, und insofern ist das Ende katastrophal.

Kathartisch gebeutelt könnte man normalerweise nach Haus gehen. Aber das Ende von Blanche, es ist unaufgelöst, und die Frage, was da genau wach hält, bleibt.
Dass sie so passiv ist, so schwach. Warum ist sie so ängstlich, so immer auf der Flucht? So empfänglich für ein Heldentum, das vielleicht das der Karmeliterinnen ist, aber nicht das von Blanche. Der moderne Frager, er will sie schütteln und rütteln; er will Blanche anschreien: Such Dir doch jemanden, der Dich versteht! Oder Dich zumindest sieht, so wie die Priorin, die Dich vor diesem Weg so deutlich gewarnt hat. „Wir bewahren unsere Regel, mein Kind. Die Regel bewahrt nicht uns!“ Du musst hier von selber stehen können, Darling, wo auch immer, und das lass Dir von der Kloster-Oberin gesagt sein.

Was einen auch noch aufregt: Die Ahnung, natürlich, dass es nicht so einfach ist. Die Beschreibung ihres Bruders, dass der Frost wohl einen jungen Baum ins Mark traf, zündelt mit den offensichtlichen Rezepten für ihr Suchen. Es verstört, dass Blanche selbst ihre Schwäche so klar sieht, aber auf ihrer Flucht nur Symptome ihrer Angst betäubt. Der Todesentschluss, für das Außen der Durchbruch von Mut und Entschlossenheit, das ist Oberflächenkosmetik, die sie das Leben kostet. Dass sie es versucht hat und gescheitert ist, das lässt uns erschaudern, und es lauert die Frage, wo genau eigentlich ihre Chance war.

Von Gertrud von le Fort, der Schöpferin von Blanche als Autorin der 1931 erschienenen Novelle „Die Letzte am Schafott“, auf die das Libretto zurückgeht, gibt es ein Zitat, das die ganze Sache noch unheimlicher macht, sie sagt über die Figur: „Im historischen Sinn hat sie nie gelebt, aber den Lebensatem erhielt sie von meinem inneren Geist, und sie kann von diesem Ursprung, der ihrer ist, nicht getrennt werden. Geboren im durchdringenden Schrecken einer Zeit, die sich durch die Zeichen des Schicksals verdunkelte, hat sich diese Figur vor mir erhoben in gewisser Weise als Verkörperung des tödlichen Leidens einer Ära, die ihrer kompletten Zerstörung entgegen ging.“

Es ist also komplex. Was für eine starke, vielschichtige Figur. Blanche jedoch, das ist klar, wird nicht antworten.

Kommentare

  • Am 16.05.2010 um 18:57 Uhr schrieb Karin Renner

    Frage an den Intendanen: Weshalb darf ein Regisseur eine Oper so verfälschen? Gilt hier kein Urheberrecht? Nach dem Textbuch sterben die Nonnen auf dem Schafott, in der Münchner Aufführung in der Gaskammer (die deutsche Vergangenheit lässt grüßen). Es ist nichts gegen eine "Entstaubung" einer Oper zusagen, aber dieser Schluss geht mir doch sehr gegen den Strich. Offenbar stört es aber niemanden, wenn Librettos so verbogen werden. Im Übrigen gibt es würdevollere Anlässe, des Holocosts zu gedenken. Da ist die Opernbühne doch der falsche Platz.
    Karin

  • Am 17.05.2010 um 12:36 Uhr schrieb Andrea Schönhofer

    Sehr geehrte Frau Renner,

    Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.
    Die Interpretation ist eine subjektive Sicht des Künstlers auf ein Werk. Darin besteht das Wesen des Theaters im Unterschied zur Theater- und Musikwissenschaft oder zum Museum.
    Von der Französischen Revolution bis heute haben wir eine lange Wegstrecke unterschiedlichen Märtyrertums zurückgelegt. Das versucht der Regisseur Dmitri Tcherniakov zu erzählen und so holt er die Geschichte nahe in unsere Zeit. Das wird seit der Antike mit den gleichen Stoffen immer und immer wieder neu gemacht. Im Übrigen: Libretto und Musik werden in Tcherniakovs Inszenierung nicht angetastet, nicht verändert.
    Zu glauben, dass es sich bei den "Dialogues des Carmélites" um eine historische Oper über die Schrecknisse der Französischen Revolution handelt, wäre ein Missverständnis. So wie Gertrud von le Fort schon keine historische Novelle ("Die letzte am Schafott", erschienen 1931) geschrieben hat, genauso wenig hat Francis Poulenc eine historische Oper geschaffen. Auch die musikalische Sprache der Dialogues ist auf eine universale Ebene gehoben. Die Musik spricht nicht mehr in einer bestimmten Zeit. Die Französische Revolution bildet den Rahmen der Geschichte. Denn eigentlich ist Poulencs Oper ein unglaublich tiefgehendes Werk über menschliche Gefühle, über Angst – Themen, die jeden angehen.
    Tcherniakov geht es darum zu zeigen, wie wir leben, wovor wir Angst haben, welche Fragen wir uns stellen oder vielleicht auch wieder auf Fragen aufmerksam zu machen, die für ein menschenwürdiges Miteinander von Bedeutung sind. Es ist ihm wichtig, dass der Zuschauer, der im Saal sitzt, nicht auf „die da auf der Bühne“ schaut, sondern sich mit ihnen identifiziert. Dann verlieren alle historischen Details ihre Bedeutung, und im Zentrum steht der Mensch mit seinen Gefühlen und seinem Schicksal.
    Die Assoziation zum Holocaust ist Ihre eigene und vordergründig von der Regie nicht intendiert. Doch abgesehen davon bin ich der Meinung, dass jede Institution mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dem Holocaust gedenken darf und auch soll.

    Andrea Schönhofer, Dramaturgin an der Bayerischen Staatsoper

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