Wir werden zurückkehren, zu dem was wir lieben - Maggie Whyte

Im dritten Teil unserer Blogreihe über den Umgang unseres Ensembles mit Corona, erzählt Maggie Whyte wie es ihr erging, als die Saison abgesagt wurde, was sie vermisst und wie sie ihr Leben an die neue Situation angepasst hat. Seit Mitte März finden am Bayerischen Staatsballett keine Vorstellungen mehr statt, auch der Probenbetrieb wurde eingestellt, das Training findet derzeit über Zoom statt.

Maggie Whyte © Beau Pearson

Nichts ist für eine Ballerina so magisch wie das in gebannter Stille wartende Publikum vor einer Aufführung, die Wärme der Bühnenscheinwerfer auf der Haut und den Adrenalinstoß des Auftritts zu spüren. Was würdest Du tun, wenn plötzlich jemand den Stecker zieht, quasi den Scheinwerfer ausschaltet, in dem Job, von dem Du geträumt hast, seit Du zwei Jahre alt warst? Tausende Tänzer sehen sich seit Anfang März genau damit konfrontiert. Ich war todunglücklich als Aufführungen, Proben und letztendlich auch das Training eingestellt wurden. Erst seit September 2019 bin ich Mitglied des Bayerischen Staatsballetts und hätte nie gedacht, dass meine erste Saison bei einer europäischen Compagnie bereits nach sechs Monaten vorbei wäre. Nun müssen wir uns aber alle dieser Herausforderung stellen und mit den unvorhergesehenen Ereignissen des Lebens umgehen, über die wir keine Kontrolle haben. Was wir jedoch kontrollieren können, ist was wir mit dieser ganzen neuen Zeit anstellen, die wir jetzt haben. Ob wir Ballettfans sind, systemrelevante Jobs haben, zuhause zu Köchen werden, Leseratten, Eltern oder Schüler sind und alles dazwischen, wir sitzen alle im gleichen Boot und werden zu gegebener Zeit wieder zusammen sein. Und wir werden zurückkehren, zu dem was wir lieben.

Ich persönlich bin ein großer Fan des Balletttrainings. Ich liebe diese tägliche Routine einfach: ins Theater zu kommen, mich umzuziehen, meine Haare zu machen, mich aufzuwärmen und zu trainieren. Das morgendliche Training gibt mir die Möglichkeit bei meinem Körper einzuchecken, meine Technik zu perfektionieren und mich für die Proben im Laufe des Tages vorzubereiten. Ich konnte mich schon immer für die Routine und Wiederholung des Trainings begeistern. Oftmals fühle ich mich genau während dieser Studiozeit am wohlsten. Das Training im Studio ist wahrscheinlich einer meiner Lieblingsaspekte des Balletts. Ich habe mich an der Ballettstange im Studio immer zuhause gefühlt… Derzeit gewöhne ich mich nun an mein eigentliches Zuhause und das Fensterbrett als Stange.

Anstatt uns „Guten Morgen“ in der Garderobe zu wünschen, sich gegenseitig quer durchs Studio zuzuwinken, und uns die Ballettstangen im Theater zu teilen, haben wir jetzt virtuelles Onlinetraining. Das Staatsballett organisiert Training mit Klavierbegleitung. So können wir Tänzer uns so gut es möglich ist fit halten und den Kontakt innerhalb der Compagnie aufrechterhalten. Trotzdem ist es natürlich nicht dasselbe via Laptop am Training teilzunehmen. Mir fehlen die Kollegen und die Größe und Weite des Studios. Ich bin so dankbar, dass ich ein Stück Tanzteppich vom Staatsballett für zuhause bekommen habe und nun wieder die Möglichkeit habe mit allen zusammen zu trainieren! Neben dem Training unserer Ballettmeister, konnte ich ehemalige Ensemblekollegen bei Onlinetrainings überraschen, das ist großartig! Dass man mit der weltweiten Tanzcommunity verbunden ist, ist ein Vorteil der jetzigen Situation.

Normalerweise nutze ich das wunderschöne Inhouse Pilates Studio von Ruben Wiethüchter, unserem Pilatestrainer. Bei ihm können alle Tänzer normalerweise Einzelstunden und Zirkeltraining in Gruppen besuchen – nun bietet er Onlinestunden an. Neben dem Inhouse Pilates, hat das BSB eine Kooperation mit einer ehemaligen Tänzerin, Anna Villadolid-Mayr. Glücklicherweise bietet sie nun wieder Einzelstunden an, seit es die Lockerungen in München neuerdings erlauben, natürlich unter Beachtung der geltenden Hygienemaßnahmen. Wieder mit Anna zu trainieren, bringt mir ein Stückchen Normalität in diese unbegreifliche Zeit.

Mein Fensterbrett nutze ich jetzt als Ballettstange.
Pilates mit Anna...
...hilft mir zurück zur Normalität zu kommen.

 

Ein Großteil meines Lebens besteht aus Lesen. Wirklich. Ein uuuunfassbar großer Teil. Zu sagen, ich sei ein eifriger Leser, ist eine echte Untertreibung. Ich bin die Art von Mensch, die ihren Tag um das Lesen herum plant und immer ein oder auch zwei Bücher in der Tasche hat. Seit ich als junges Mädchen mit dem Lesen begonnen habe, steckte meine Nase immer in Büchern. Mit der ganzen freien Zeit jetzt, sollte man meinen, ich hätte bereits eine ganze Bibliothek gelesen, aber anfangs war genau das Gegenteil der Fall. Zu Beginn der Quarantäne fiel es mir schwer mich auf das Lesen zu konzentrieren, denn die Sorge vor dem Unbekannten war ständig in meinem Kopf. Zunächst dachte ich, ich sei verrückt, aber nachdem ich mit einigen meiner Bücherfreunde gesprochen hatte, erfuhr ich, dass es ihnen genauso erging. So konnte ich nachvollziehen, dass wir alle dasselbe durchmachen. Ich bin froh sagen zu können, dass ich zum Lesen zurückgefunden habe und meine Tage damit verbringe. Ich gehe gerne an sonnigen Nachmittagen in München spazieren oder radle die Isar entlang, um den besten Platz zum Lesen zu finden.

Thai chicken meatball Khao Soi © private

Außerdem ist Kochen wichtig für mich. Essen müssen wir alle, warum also nicht etwas Leckeres und Nahrhaftes? Als ich klein war, verbrachte ich viel Zeit in der Küche mit meinem Vater, als sein Souschef, und lernte einiges von ihm. Ich probiere gerne neue Rezepte aus und teile sie mit ihm. Ich schicke meinen Eltern immer Fotos meiner neuesten Kreationen; meine Mutter ist dann ganz neidisch. Genauso gerne backe ich Süßes und teile es mit meinen Freunden. Während dieser Quarantäne habe ich ein paar Leckereien gebacken, hauptsächlich widme ich mich aber dem Brotbacken (ich fang besser gar nicht an davon zu schreiben, wie schwierig es ist zurzeit Hefe zu bekommen…). Ich finde es wunderbar nun so viel Zeit zu haben, mir meine geliebte Schürze umzubinden und zu Kochen und zu Backen.

Die Familie meines Vaters © privat

Mit meiner Familie zu telefonieren ist sicherlich der beste Teil des Tages. Wir haben eine unglaublich enge Beziehung und ihre Unterstützung ist derzeit sogar noch wichtiger. Mit meinen zwei Brüdern und Eltern verabrede ich mich mindestens dreimal die Woche um per Video zu telefonieren, dann spielen wir Spiele, sehen Filme und schwelgen in den Whyte’schen Familienmemoiren. Da wir in drei unterschiedlichen Zeitzonen leben, versuchen wir so gut es geht gemeinsame Zeit zu finden. Ich komme aus einer echten Großfamilie, die wirklich eng verbunden ist und alle paar Wochen haben wir einen großen Videochat mit so vielen Familienmitgliedern wie möglich, das ist wirklich rührend. Jeden weltweit anrufen zu können ist solch ein Segen, wenn man so weit weg von der Familie, Freunden und dem Zuhause wohnt.

In den acht Wochen der Isolation, bin ich durch verschiedene Phasen gegangen: ich hatte unglaublich viel Energie, faule Tage an denen ich nur Filme angeschaut habe, sehr starken bis kompletten Motivationsmangel und so vieles, das andere wahrscheinlich auch durchmachen. Für mich war es wichtig mir einen Plan zu machen – ein morgendliches Workout und Training, mein Uni-Studium, ein Spaziergang oder eine Fahrradfahrt am Nachmittag, Lesen, Kochen, mit Familie und Freunden telefonieren und bevor ich schlafen gehe zur Ruhe zu kommen, mittels Meditation, Schreiben, Fernsehen oder Lesen. Und ich gönne es mir mittlerweile, wenn ich auf etwas wirklich keine Lust habe, es einfach nicht zu tun. Jetzt ist der Moment darauf zu hören, was Körper und Geist brauchen.

Für niemanden ist die Situation derzeit einfach. Wir tragen eine beispiellose Last durch unser Quarantäne-Dasein. Das Beste, das wir tun können, ist zu versuchen es uns gutgehen zu lassen, dadurch, dass wir uns auf das Training vertiefen, die Arbeit, das Studium, neue Routinen und Projekte und auch das schöne Wetter genießen – natürlich immer unter Achtung der geltenden Hygienevorsichtsmaßnahmen, damit wir alle gesund bleiben. Wir werden das durchstehen. Und wenn der Applaus zurückkehrt und die gebannte Stille des Publikums bricht, dann feiern wir damit all die Hindernisse, die wir überwunden haben um wieder zusammen im Theater sein zu können!

Ich wünsche jedem das Beste und freue mich auf den Tag, an dem wir wieder auftreten können,
Maggie Whyte

Margaret Whyte stammt aus den USA und wuchs auf in Helena, Montana. In einem kleinen Ballettstudio in ihrer Heimatstadt, dem Queen City ballet studio, lernte sie Ballett. Danach ging sie für zwei Jahre zum Nachwuchsensemble des Ballet West in Utah, bevor sie im September 2019 Mitglied des corps de ballet am Bayerischen Staatsballett wurde. 

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