„Wir haben den Anschluss verpasst.“

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Susanne Gaensheimer begründet Deine Nominierung, für das kommende Jahr den Deutschen Pavillon in Venedig zu gestalten, damit, dass Du ein Künstler seist, der „keinerlei Angst vor sich selber habe“.

Christoph Schlingensief Mich interessierte mein Leben lang, wie man die Menschen zu etwas bewegen kann, ohne ihnen altklug oder besserwisserisch zu begegnen. Wie man sie dazu bringt, etwas zu wagen. Dazu gehört auch der Versuch, etwas auszuprobieren, mal ein Politiker zu sein oder ein Bäcker oder ein Rennfahrer, ein Beuys oder Nitsch, vielleicht auch ein verknöcherter Gerhard Richter.
Die Kunst könnte eine große ethische Position in unserer Gesellschaft haben, wenn die Künstler nicht so oft an der reinen Selbstverklärung arbeiten würden. Die Kunst kann mehr. Sie kann Maßstäbe setzen und sie kann Diktaturen sprengen. Aber sie wird auch in der Politik viel zu selten eingesetzt – obwohl sie Menschen besser erreichen kann als die Politik.
Von unserem Operndorf verspreche ich mir den Blick auf eine Landschaft, deren Menschen geholfen ist… denn der Blick in das Gesicht eines Menschen, dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend! So hat Brecht es einmal ausgedrückt. Ich glaube, das Operndorf ist – trotz aller Hitze und der unwirtlichen, ausgetrockneten Natur – genau der Ort, an dem die innersten Träume realisierbar werden. Keine Ablenkungsmaschine oder ein afrikanischer Menschenzoo für gescheiterte Europäer, sondern ein Ort, an dem man sich selbst an der Backe hat. Ein Ort, an dem uns keine Lebens- oder Kranken-Renten-Kinder-Hunde-Auto-Versicherung mehr retten kann.
Das Operndorf stellt natürlich ein großes Risiko dar. Zum einen, weil die Menschen dort ganz sicher anders aufwachsen werden als an anderen Stellen der Erde. Aber ist das nicht das Grundprinzip? Wenn etwas interessant ist, fängt man an, es zu begehren oder es selbst mal zu versuchen. Und genau dahin bewegt sich das Operndorfprojekt von Tag zu Tag mehr.

In Deiner aktuellen Inszenierung Via Intolleranza II erzählst Du von dem Scheitern des Europäers in Afrika und schließt Dich selbst durchaus ein. Ein flammendes Plädoyer gegen Intoleranz und Paternalismus.

Francis Kéré Viele glauben, sie kommen auf den afrikanischen Kontinent und schaffen ein neues Weltbild. Und das ist leider die große Gefahr. Sie meinen es nicht böse. Meist trifft man hier Leute aus Europa, die schon eine Karriere hinter sich haben, bessere Menschen werden wollen und etwas geben wollen. Sie versuchen, etwas zu verändern, was eigentlich vorhanden ist, etwas, das eigentlich Afrika bedeutet. Diese Menschen laufen Gefahr, zu Besserwissern zu werden, ohne es zu merken.

Schlingensief Wir wollen dem afrikanischen Kontinent helfen und können uns selbst nicht helfen. Was soll dieser Quatsch? Wir leben doch in einer Gesellschaft von Selbstbeschädigten. Wir können mit uns alleine nichts mehr anfangen. Wir klagen ja schon, wenn ein Zug vier Minuten Verspätung hat. Bei 30mm Niederschlag im Sauerland haben wir gleich vier Sondersendungen im Fernsehen und die Politiker rasen noch Wochen später mit Gummistiefeln herum.

Laongo heißt der Ort, an dem das Operndorf entsteht. Was sieht der Besucher, der dort im Sommer 2010 hinfährt, Francis?

Kéré Laongo liegt fast fünfzig Minuten Autofahrt von Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, entfernt. In der Nähe von Laongo, ungefähr fünf Kilometer entfernt, liegt die Stadt Zinaré. Im Moment wird zwischen dieser kleinen Stadt und der Hauptverkehrsachse nach Ouagadougou eine Verbindungsstraße gebaut. Wenn der Besucher über diese Baustelle kommt, wird er einen Ort im Umbruch sehen. Er sieht Bauarbeiter, die dabei sind, Häuser zu bauen, es herrscht viel Lärm, Rufe von Arbeitern vermischen sich mit den Geräuschen ihrer Maschinen. Es ist staubig und wirkt wie ein Jahrmarkt, aber die Schönheit der Natur und des Ortes, die gefällt jedem Besucher, Afrikanern wie Europäern. Es ist ein von Spiritualität erfüllter Ort. Das ist es, was man sehen und spüren wird…

Warum glauben beim Thema Afrika eigentlich immer so viele Menschen zu wissen, was geht und was nicht?

Kéré Weil sie viele Menschen sehen, die scheinbar unorganisiert sind. Sie sehen, dass alles improvisiert ist. Vor ihrem durch und durch organisierten kulturellen Hintergrund glauben sie, alles besser ordnen zu können als wir. Ohne dass es ihnen bewusst ist, sind diese Menschen davon überzeugt, etwas Besseres zu sein und diesem Kontinent etwas geben zu können, anstatt die Dinge so zu nehmen wie sie sind.

“Gott ist schon weitergezogen, der forscht woanders“, hast Du vor Kurzem bei der Verleihung des Helmut-Käutner-Preises gesagt. Nicht nur im Hinblick auf den eigenen Körper, sondern auch im Hinblick auf die eigene Kultur sind wir permanent mit Ungewissheit konfrontiert.

Schlingensief Ich sehe nicht ein, dass sie mich nur zart und weich empfinden, bloß weil ich gerade am seidenen Krebsfaden hänge. Die Sache ist chronisch. Das habe ich jetzt kapiert, aber deshalb denke ich ganz und gar nicht an Vermarktung, sondern eher an einen ewigen Makel, der meine Kraft reduziert, aber den Blick schärft.
Mir gefällt das Operndorfprojekt jetzt noch besser als vor einem halben Jahr. Und Via Intolleranza II stellt vieles klar, was eben nicht passieren darf. Vielleicht hämmert es nicht nur in meinem Kopf. Egal, was wir als schwarz-weiße Gesellschaft am Abend anzetteln, egal was noch kommt. Für die Weißen stellt sich in jeder Sekunde die Frage: Wie komme ich möglichst schnell wieder nachhause, dahin, wo ich mich auskenne und wo ich versichert bin? Die Schwarzen denken vermutlich: Ich war gerade beim Ethnologen…
Meine ganze Gutmenschentour ist eigentlich komplett gescheitert. Ich kann mit diesem ganzen „Wir machen was zusammen“ nichts mehr anfangen… Ich mag auch nicht mehr in die Gesichter der Europäer gucken, die so stolz sind, weil sie ein bisschen Straßentheater mit ein paar Leuten aus afrikanischen Ländern gemacht haben.
All diese festivalbesessenen Kulturleute, die als angeblich superwichtige Juroren durch die Länder reisen, um zu sehen, wer denn nun endlich mal aus dem afrikanischen Kontinent raus darf, um bei den Rotweinnasen mit dem allerschlechtesten Kunstgeschmack in Avignon auftreten zu dürfen…oder diese Tanzfestivals, bei denen durchtrainierte Tänzer Dritte Welt-Probleme vortanzen: Hunger, Armut, Cholera… ohjeeee… mir geht’s bei so etwas ganz schlecht und ich möchte am liebsten aufstehen und diese Veranstaltungen stören. Da stimmt doch gar nichts mehr… Das sind doch nur an die paar Fördereuros gekoppelte Dressurakte, die aber bitte auch nicht so rüberkommen dürfen, damit der europäische Kulturkodex auch erfüllt wird.

Via Intolleranza II sei das erste Stück „materialisierte afrikanische Operndorf-Utopie“ heißt es auf Deiner Webseite. Darin fließen auch die Erfahrungen Deiner Reisen nach Kamerun und Mosambik ein.

Schlingensief Kamerun war für mich ein Einsatz auf Leben und Tod. Als ich zum ersten Mal dorthin fuhr, hatte ich gerade erst die Chemotherapie beendet, konnte kaum atmen und wog nur noch 62 kg. Doch die Reise durchs Land, ein wirklicher Gewaltakt, war wie ein Rausch…ein Todesrausch…Am dritten Tag hatte ich das Gefühl, dass nun alles vorbei ist und ich wohl in den nächsten Tagen sterben würde. Da lag ich in einem Hotelzimmer im 6. Stock. Das Zimmer roch nach Sperma, Kot, Gegorenem, es war das Allerletzte. Das Fenster stand offen, ab und zu flog eine Fledermaus, von denen es hunderte im Gebäude gab, ins Zimmer und wieder heraus. Da habe ich gedacht: Nun ist es soweit. Und plötzlich höre ich unten den Chef vom Hotel eine Rede halten. Ich schleppe mich zum Fenster, schaue runter und sehe, dass alle Angestellten ihr Jahresfest feiern. Es gibt Wassersuppe, ein Stück Brot und eine zähe, weiße Dessertcreme. Mehr war nicht drin. Und der Direktor redete auf Englisch: „Danke, Jesus für dieses Hotel, danke für dieses Hotel. Ich weiß, dass es in keiner guten Verfassung ist. Unsere Hauswand bröckelt und einige Gäste sind bereits zu Schaden gekommen. Auch im Pool will keiner mehr schwimmen, weil das Wasser braun und dickflüssig ist, und die zahlreichen Zimmer haben keine Fenster und zerstörte Wasserbecken. Aber trotzdem sage ich danke! Danke, Jesus für dieses Hotel, und danke, dass ich hier Direktor sein kann.“
In diesem Moment dachte ich, ich sterbe wohl schon. Und ich glaubte, zu verstehen, dass ich meine Religion komplett falsch angewendet hatte. Im Himmel hatte man sich nur für die Scheiße zu bedanken und nicht für das Gelungene oder das Glück. Nein, auch auf Erden hätte ich mich nur für die Scheiße bedanken müssen…das war die Methode… Dann kam der Koch an die Reihe und sagte: „Danke, Jesus, dass ich hier Koch sein kann, danke, auch wenn ich jeden Tag nur zwei Hände voll mit Hirse habe und danke für die verklebten Pfannen.“ Und alle schrien halleluja! Diese Geschichte gibt es auch in Via Intolleranza II. In diesem Moment habe ich beschlossen, nicht zu sterben. Ich habe Jesus und Gott für den Krebs gedankt! Für alles, was damit verbunden war und noch immer ist, aber die Krankheit hat mir die Augen geöffnet. Ich sehe nun manches wesentlich klarer… Noch vor ein paar Jahren wäre ich mit dem Operndorf sofort nach Mosambik gegangen. Das ist ein Ort der Schlagzeilen, des Entsetzens, der Landminenopfer usw… Aber ich habe etwas anderes gesucht. Und das habe ich dann durch Francis Kéré gefunden. Als ich Francis’ Schule in Gando sah, war ich sofort begeistert. Und nun haben wir unsere Freude, aber auch unsere Probleme. Anfangs wollte ich alles Hals über Kopf… aber jetzt habe ich gelernt, dass es in Burkina Faso manchmal genauso wie auf deutschen Baustellen läuft. Der einzige Unterschied ist der, dass in Burkina mal ein oder zwei Zahnputzgläser Zement wegkommen, während in Köln oder auf anderen Baustellen teilweise tonnenweise Stahlträger verschwinden.

<txp:image id="197" class="image" /> Das Gespräch wurde für dieses Blog gekürzt und erscheint in der vollständigen Version im Magazin „Goethe-Institut 2.10: Reportagen – Bilder – Gespräche“ , das ab 5. Juli 2010 hier abgerufen werden kann.

Kommentare

  • Am 25.06.2010 um 00:55 Uhr schrieb lorenzodaponte

    "Leben ist, was nicht gelingt"

    Gestern Abend ein wahrlich spezieller Festspielauftakt. Christoph Schlingensief in seinem 7×7=49. Jubeljahr in München, der Kontrast zwischen hochartifiziellem Pavillon 21 und der sorgsam pseudoimprovisierten Schlingensief-Welt mit Myriaden von sarkastischen Details.
    "Leben ist, was nicht gelingt"...

    Schade, dass die Eintrittspreise so hoch sein müssen, da hat anderes, junges Publikum halt keine Chance.
    Wunderbar, dass so etwas an der Bayerischen Staatsoper so möglich ist!!!
    Ein Lob den Initiatoren, dem Intendanten, natürlich auch dem Minister und dem "Hauptsponsor", dem bayerischen Steuerzahler. Und vor allem an Christoph Schlingensief, der dieses Afrikanisches Universum in den HighTechKristall hineingebraut hat.
    LdP

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