„Wir geben Ihrer Agentur Bescheid.“

Casting

Das Telefon klingelt: Es ist die Pforte, die Bescheid gibt, dass ein Sänger für das Casting eingetroffen ist. Jetzt heißt es schnell mit dem Aufzug hinunterzufahren und dort alle Englischkenntnisse noch einmal zu verinnerlichen, denn wenn in der Bayerischen Staatsoper ein Vorsingen stattfindet, kommen Sänger aus der ganzen Welt.

Ein Vorsingen gibt es ungefähr alle zwei Monate, je nachdem, ob eine konkrete Rolle zu besetzen ist, oder ob ein neues Mitglied für das Ensemble gesucht wird. Manchmal werden auch Sänger eingeladen, deren Stimme Pål Moe, der die Castings für die Bayerische Staatsoper konzipiert, besonders beeindruckt hat.

Die Sänger treffen bis zu zwei Stunden vor dem Vorsingen ein. Sie werden dann von den Marketing-Praktikanten in den dritten Stock zu den Übungsräumen gebracht. Hier können sie sich einsingen und anschließend mit dem Korrepetitor üben, der sie später auf der großen Bühne am Klavier begleitet.

Was sich einfach anhört ist eine große logistische Herausforderung, die oft mehrere Praktikanten beansprucht. Denn die Sänger kommen natürlich nicht alle gleichzeitig an; einige haben sogar die Gelassenheit erst 15 Minuten vor dem eigentlichen Auftritt zu erscheinen. Während einer mit dem Pianisten ein Stück einstudiert, möchte ein anderer auf die Toilette. Ein dritter möchte in die Kantine und einen Tee trinken, um seine Stimmbänder geschmeidig zu halten. Ein weiterer Sänger wird ungeduldig, da sein Flug zum nächsten Vorsingen in nur wenigen Stunden geht. Da kann es schon einmal schwierig werden, alle seine Schäfchen im Blick zu behalten und um Geduld zu bitten.

Dann ist es soweit: Alle Sänger sind bereit und aus dem Künstlerischen Betriebsbüro kommt die Jury in den Zuschauersaal. Die Jury besteht aus Pål Moe, Christian Carlstedt, dem Disponenten, und Kathrin Strobel, die Produktionen plant und im Casting mitarbeitet. Alle drei nehmen Platz und hinter der Bühne vereinbaren die Sänger, wer als erstes auf die Bühne darf. Die meisten sind erst einmal beeindruckt vom Blick in den fast leeren Zuschauersaal. Die Sänger nennen ihren Namen und tragen eine Arie vor. Gefällt der Jury der Gesang, dürfen sie eine zweite Arie singen. Gefällt ihnen auch die zweite Arie, wird Intendant Nikolaus Bachler gerufen. Auch er soll das Talent hören, denn letztendlich ist sein Urteil entscheidend, ob ein Sänger eingestellt wird oder nicht.

Während die Wartenden sich nervös an ihre Wasserflaschen klammern, sind die Sänger, die es hinter sich haben, sichtlich erleichtert. Doch ein wenig müssen sie sich noch gedulden. Die Jury verkündet ihr Urteil nicht sofort. „Wir geben Ihrer Agentur Bescheid,“ mit diesem Satz endet jedes Vorsingen.

Kommentare

  • Am 27.12.2010 um 14:31 Uhr schrieb Emma Peel

    Interessant, daß sich das Vokabular der Bayerischen Staatsoper Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar angepaßt hat! ;-)
    Heute heißt das also "Casting" und "Jury" - lustig...........!

  • Am 27.12.2010 um 14:56 Uhr schrieb Rosina Glose

    Nein! Diese Perspektive ist nicht einschüchternd, sondern ganz üblich. -
    Wir sollten das Singen als etwas absolut "Normales" ansehen, so wie das Sprechen. - Statt dessen empfinden wir beim Singen etwas Intimes, was viele Menschen hemmt und dem Zuhörer scheinbar nicht zuzumuten ist. -
    Das Singen sollte schon früh im Elternhaus begonnen und später in Kindergarten und Schule gepflegt werden. - Musik erweitert den Horizont! - Singen fördert die Sinne für das Künstlerische. - Singen ist etwas ganz besonders Schönes! -
    Bin Mitglied eines großen Konzertchores, der mindestens vier Konzerte im Jahr gibt, häufig sind es mehr, und pflege die Dreistimmigkeit in Alpenländischer Musik. - Im Alten Peter einen Gottesdienst musikalisch zu umrahmen ist mir eine Ehre!

    Mit freudig singenden Grüßen,

    Rosina Glose

  • Am 27.12.2010 um 17:31 Uhr schrieb Gunter Berndt

    Nice article,Ms Streubel. I can imagine how those young singers must feel, being scrutinized on the big stage. Clutching waterbottles.My favorite mezzo, today a star performer, was rejected ten times before she got the call. It does take guts and perseverance plus a boatload of talent to succeed in this business.

  • Am 31.08.2012 um 22:12 Uhr schrieb Petra

    Finde das klingt ganz ok..wahrscheinlich geht es so doch überall zu ..oder? die einen warten ruhig, die anderen sind halt nervös...und die armen Casting-Mitarbeiter müssen koordinieren und sehen dass alles glatt läuft..bestimmt nicht immer lustig ..Sänger können ganz schöne "Diven" sein :)..
    allerdings was macht jemand der keine Agentur hat ? Ich habe zum Beispiel keine Ahnung wie man eine Agentur findet und auch weder das Geld um zu Vorsingen zu fahren noch Ideen wohin überhaupt...und finde es schwer zu sagen:"Ich bin eine GUTE SÄNGERIN" lol auch wenn ich es wahrscheinlich sogar bin.aber es widerstrebt mir zutiefst mich anzupreisen...und mit Ablehnung kann ich noch viel weniger umgehen..kann nicht verstehen wenn man von mir nicht gleich begeistert ist..scheußlich wenn man da nur ne Nummer ist und halt wo reinpaasen sollte.... Bin da wohl zu naiv und zu sensibel für dieses Business. Ich wünsche allen Mitarbeitern hier auf jeden Fall alles Liebe und viiiel Ausdauer und Freude in der Arbeit am Theater. (Petra)

  • Am 05.11.2013 um 20:37 Uhr schrieb Wolfgang Troendleu

    Warum hört mann denn nichts mehr über die Sängerin Wueschner? Die war ja prima. Die wo sie ersetzt hat war ja gar nicht so gut begabt wie die Frau Wueschner. Dadurch wird Wagner verdorben.

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