Wie man das Publikum porträtiert

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8. November
Eine von vielen Presseanfragen täglich: An der Bayerischen Staatsoper soll gedreht werden. Dem Skript, das der E-Mail angehängt ist, entnehme ich, dass es sich um einen 45-minütigen Dokumentarfilm handelt. Nichts Besonderes eigentlich. Aber diesmal wird die Bearbeitung viele Wochen, zahlreiche Telefonate und noch mehr Mails in Anspruch nehmen. Das Thema ist so spannend wie komplex: Es geht um die Besucher des Nationaltheaters.

22. November
Die Redakteurin Marieke Schröder und ich treffen uns auf einen Kaffee in der Kantine der Bayerischen Staatsoper. Wir gehen das vorläufige Drehbuch durch und überlegen, wie man unserem Publikum am besten auf die Spur kommen könnte. DAS Publikum gibt es schließlich nicht. Inwiefern also unterscheiden sich Wagner-Liebhaber von Ballettzuschauern? Was treibt langjährige Abonnenten um? Wer kennt das Publikum besonders gut?

Zumindest bei der letzten Frage sind wir uns schnell einig: Kaum jemand hat häufiger Kontakt zu unseren Zuschauern als das Einlasspersonal, die Garderobieren und unsere Kollegen vom Kartenvorverkauf. Und natürlich Regina Knappik. In ihrem kleinen Opernladen im Parkett verkauft sie allabendlich signierte Sängerfotos, Operngläser und allerlei andere Souvenirs. „Natürlich mache ich das gerne, schließlich bin ich seit vielen Jahren im Haus und kann eine Menge erzählen“, stimmt sie dem Dreh sofort zu. Die ersten Protagonisten sind also gefunden und werden sogleich kontaktiert.

20. Dezember
Draußen versinkt die Welt im Schnee: Marieke Schröder, Thomas Pfaff vom Abenddienst, die Garderobiere Gabriele Schloßnikel und ich besprechen im Käferfoyer des Nationaltheaters das weitere Vorgehen. Da ein Opernabend ja nicht erst mit der Ouvertüre beginnt, möchte Marieke Schröder die Protagonisten auch bei ihren Vorbereitungen begleiten. In weiteren Vorgesprächen informieren wir nach und nach alle Beteiligten über den geplanten Ablauf der Dreharbeiten.

3. Januar
Als Drehtermine werden drei Abende Ende Januar festgelegt. Um möglichst verschiedene Zuschauergruppen mit der Kamera einzufangen, suchen wir drei verschiedene Vorstellungen aus: Lohengrin von Wagner, Ariadne auf Naxos von Strauss und den Ballettabend Mein Ravel. Praktischerweise ist am 22. Januar 2011 auch noch Erstverkaufstag für die Münchner Opernfestspiele. Hunderte kartenhungrige Festspielbesucher bevölkern an diesem Tag die Tageskasse am Marstallplatz – der ideale Moment, um ganz nah an „unserem“ Publikum zu sein.

Natürlich soll dieses auch selbst zu Wort kommen. Schröders Interesse gilt vor allem den Abonnenten. Für uns bedeutet das: Wer hat an den Drehtagen ein Abo und ist bereit, vor der Kamera zu stehen? Mit Hilfe des Abobüros machen wir potentielle Kandidaten ausfindig. Ich fange an, die Liste abzutelefonieren: Kandidat eins hat eine Fußverletzung und Schwierigkeiten beim Gehen. Kandidatin zwei möchte prinzipiell nicht vor die Kamera. Die dritte Person erreiche ich gleich gar nicht. Doch bei Nummer vier habe ich schließlich Glück: Die Apothekerin Annemarie Hungbauer und ihr Mann, langjährige Abonnenten und fleißige Festspielgänger, erklären sich bereit, an dem Film mitzuwirken.

15. Januar
Nur noch wenige Tage bis zum Drehbeginn. Wir informieren die Kollegen: Von der Inspizienz bis zum Zentralen Dienst des Vorverkaufs erhalten alle eine Mail. Die Zuschauer werden an den jeweiligen Abenden über gesonderte Aushänge über die Dreharbeiten in Kenntnis gesetzt.

19. Januar
Der erste Drehtag: Marieke Schröder, Kameramann Ralph Netzer, Tontechniker Thomas Keller und mehrere Taschen Filmequipment treffen um 11.45 Uhr in der Tageskasse am Marstallplatz ein.
Filmeinstellung Nr. 1: Unser Mitarbeiter Hubert Huber beim Kartenverkauf. Seine anfängliche Nervosität verschwindet schnell. Durch einen glücklichen Zufall ist auch gerade mal wieder Appell der Festspielansteher, die sich bereits seit 5.30 Uhr am Morgen ihre Nummern für den Erstverkaufstag sichern. Diese Chance lässt sich das Team natürlich nicht entgehen und holt – mit der entsprechenden Erlaubnis – ein paar weitere O-Töne ein.

Mit Reinhard Düsterdick von der Hausverwaltung geht es dann zur Begehung ins Vorderhaus. Wir klären ab, von wo aus was wann gefilmt werden kann. Das Parkett ist aus Platzgründen schwierig, aber die Logen sind optimal. Von hier hat man einen wunderschönen Blick auf den gesamten Zuschauerraum.

20. Januar
Im Parkettbereich wird alles für ein Interview aufgebaut. Albert Ostermaier, der Librettist von Die Tragödie des Teufels, spricht über seine Publikumserfahrungen. Während die Redakteurin noch rasch die Drehgenehmigung für die Tram-Linie 19 einholt, geht es bereits weiter zur Garderobiere Gabriele Schloßnikel nach Hause. Das Team begleitet sie heute in der Tram auf ihrem allabendlichen Weg ins Nationaltheater. Ich besorge in der Zwischenzeit ausgewähltes Filmmaterial von Lohengrin, das in die Dokumentation integriert werden soll.

Wenige Stunden später ist das Team wieder im Haus. Das Abenddienstpersonal wird bei den Vorbereitungen gefilmt, bevor Ralph Netzer seine Kamera in der Loge platziert. Allmählich füllt sich der Zuschauerraum, die Musiker stimmen ihre Instrumente. Das Licht geht aus. Schnitt.

22. Januar
Der Tag des Festspielerstverkaufs: Obwohl das Team auch am Vorabend wieder bis zum Vorstellungsende des Balletts Mein Ravel gefilmt hat, bahnen sich die drei bereits um 5.45 Uhr ihren Weg durch die wartende Menge in der Eingangshalle Nord des Nationaltheaters. Viele Dutzend Kartenkäufer vertreiben sich im Warmen die Zeit bis zur offiziellen Nummernausgabe für den Festspielverkauf.

Gegen 8.30 Uhr verteilen Staatsintendant Nikolaus Bachler und sein Team Butterbrezn an bereits gut 300 Wartende – eine weitere schöne Szene für den Film. In der Zeit bis zum Verkaufsbeginn führt Marieke Schröder noch ein Interview mit dem Intendanten. Dann bringt das Team die Kamera in Stellung: Spot auf die wartende Menge vor der sich bald öffnenden Eingangstür der Tageskasse.

Nachdem auch diese Szene des Ansturms im Kasten und die ersten laufenden Eintrittskarten-Meter in den Taschen der glücklichen Opernfans verschwunden sind, gönnt sich das Team erstmal eine kurze Verschnaufpause. Am Abend werden sie wieder im Nationaltheater drehen: Die Abonnentin Annemarie Hungbauer, im Königssaal flanierende Zuschauer, das langsame Ausgehen des Kronleuchters. Gegen 23 Uhr sind alle Szenen im Kasten. Jetzt heißt es nur noch Warten: auf die Bekanntgabe des genauen Sendetermins.

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