„Wie ich Sänger wurde? Das war ein absoluter Zufall.“

„Wie ich Sänger wurde? Das war ein absoluter Zufall.“ Der promovierte Biochemiker Callum Thorpe ist seit eineinhalb Jahren Mitglied im Ensemble der Bayerischen Staatsoper. An der Kaffeebar der Opernkantine spricht er über das Programm seines anstehenden Liederabends, die Schmerzen, die ihm der Brexit bereitet und warum er gerne mal der Frontman von Iron Maiden wäre.

Bayerische Staatsoper: Dein Hausdebüt war Zuniga in Carmen – was war die bisher spannendste Rolle an der Bayerischen Staatsoper?

Callum Thorpe: Was das Bühnengeschehen betrifft, war es der Don Juan im Totenhaus – wir hatten absolute Freiheit bei der Interpretation. Die eindrücklichste Erfahrung aber war der Parsifal im letzten Jahr. Da stand ich neben René Pape auf der Bühne, einem meiner musikalischen Vorbilder. Ich brauchte drei Wochen, bis ich mich traute, in seiner Anwesenheit zu singen. In der sechswöchigen Probenphase habe ich kein einziges Mal mit ihm gesprochen. Haha!

Aber Du hast schon geatmet als er im Raum war, oder?

Jaja, hin und wieder – ehrlich gesagt, viel zu viel.

Uns ist aufgefallen, dass Du häufig die extravagantesten Kostüme innerhalb des Ensembles hast. Gibt es eine Rolle, die Du aufgrund von Kostüm oder Maske besonders gerne magst?

Ich liebe die Perücken und Bärte in der Schweigsamen Frau. Fantastisch! Diese verrückte Produktion war mein erster Strauss. Und natürlich kommt mir auch das Totenhaus wieder in den Kopf. Bei einer Probe ging plötzlich der Feueralarm los. Wir mussten alle raus und standen vor dem Haus. Da kam ein Mann um die Ecke und sah Tim Kuypers und mich mit wildem Haar und Brandwunden am ganzen Körper. Ich glaube, er erlitt beinahe einen Herzinfarkt.

Gibt es eine Traumrolle, die Du auf jeden Fall irgendwann einmal singen möchtest?

Eines Tages würde ich gerne den Gurnemanz singen – bis dahin vergehen aber noch viele Tage.

Wie bist Du zur klassischen Musik gekommen und wie wurdest Du Sänger?

Das war ein absoluter Zufall. Ich war sieben oder acht, als ich als Chorknabe angefangen habe. Der Kapellmeister kam in die Schule und sagte, er suche Buben für seinen Chor. Dort habe ich dann fünf, sechs Jahre gesungen. Studiert habe ich Biochemie. Als ich während meiner Promotion Geld brauchte, habe ich mir das mit Singen verdient. Und da es in London so viele Kirchenchöre gibt, kann man da ohne zu proben mitsingen. Da kann’s passieren, dass sie Dir einfach irgendwelche Noten hinwerfen und dann singst Du Oper oder den Abendsegen oder Messen. Ich konnte also den ganzen Tag im Labor verbringen und abends in der St Paul’s Cathedral singen, um anschließend wieder zurück zur Arbeit zu gehen. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich zwar immer mehr Gesangsanfragen, aber immer weniger in der Biochemie erledigt bekam. So ging’s los. Oper hatte ich aber nicht im Sinn. Ich wollte Alte Musik machen, Bach und so. Aber man nimmt halt die Jobs an, die einem angeboten werden.  

Magst Du Oper jetzt?

Ja! Jetzt gefällt mir Oper … meistens.

Vermisst Du die Arbeit als Wissenschaftler?

Manchmal schon. Aber ich schaffe es, mich oberflächlich auf dem Laufenden zu halten. Einen Weg zurück gibt es ohnehin nicht, das Gebiet ist zu spezialisiert. Ich habe mich gegen die Wissenschaft entschieden, weil es in meiner Forschungsgruppe Kollegen gab, die waren geborene Wissenschaftler. Die kamen montags mit einer Liste an Fragestellungen, die sie abarbeiten wollten. Die haben das nie hinterfragt. Ich hingegen kam und hatte ein Konzert am Samstagabend, drei Gottesdienste am Sonntag – und in meinem Kopf waren schon die Auftritte der neuen Woche.

Callum Thorpe als Farfallo in „Die schweigsame Frau“
In „Aus einem Totenhaus“ spielte er die Rolle des Don Juan
Und in „Les Vêpres siciliennes“ verkörperte er den Franzosen Robert

Wie sieht ein fauler Sonntagnachmittag bei Dir aus?

Fauler Sonntagnachmittag? Ich habe zwei Kinder, die sind fünf und sieben Jahre alt.

Okay, was machst Du gerne an nicht-faulen Sonntagnachmittagen?

Wir wohnen erst seit 18 Monaten hier, also sind wir noch auf Entdeckungstour. Meine Jungs mögen Burgen und Wälder – da sind wir in Bayern natürlich hervorragend aufgehoben. Wir springen ins Auto und fahren irgendwohin. Im Sommer gerne an Seen oder in die Berge.

Fühlt Ihr Euch in München schon wohl oder habt Ihr oft Heimweh? 

Wir waren zuvor in Prag, daher sind wir das Umziehen schon ein bisschen gewöhnt. Wir sind hierhergekommen, weil ich den Job annehmen konnte und wir alle – zum ersten Mal seit Jahren – zusammenwohnen können. Daher haben wir uns sehr schnell eingefunden.

Kannst Du als Brite den Begriff Brexit noch hören oder darüber sprechen?

Ich lese die ganze Zeit darüber. Es bricht mir das Herz. Ich hatte ein Konzert in Großbritannien am Tag der Abstimmung und saß die ganze Nacht vor dem Fernseher. Als das Ergebnis bekannt geben wurde, war ich fassungslos. Ich denke, niemand hatte das so erwartet und vor allem ging niemand davon aus, dass es so laufen würde wie es das jetzt tut. Es ist ein Desaster.
In erster Linie ist es beschämend. Wie kann ein Land sich selbst so etwas Lächerliches antun? Vor allem, da sich die meisten Menschen meiner und der nachkommenden Generation sehr für Europa starkmachen. Ich denke auch, dass viele, die für das Verlassen der EU gestimmt haben, nicht diese Form der Ablösung wollten. Nicht zu wissen, was passiert, ist unerträglich. Viele Menschen wie ich, vor allem Musiker, fühlen sich verloren. Wir sind aufs Reisen angewiesen. Letztes Jahr hatte ich eine Vorstellung in Dijon und am darauffolgenden Tag ein Konzert in Wien. Also fuhr ich mit dem Zug nach Basel und bin von dort weitergeflogen. Ich weiß nicht, ob ich ab März einfach so in drei Länder reisen kann, in denen ich nicht arbeite, nur um zu zwei Auftritten zu kommen. Es wird kein Visum geben, das sich hierfür rentiert.

Sprechen wir über Dein Liederabend-Programm. Warum hast Du Werke von Gerald Finzi ausgewählt?

Er war einer der ersten Komponisten, denen ich begegnet bin. In Großbritannien ist er vor allem für seine Chorwerke bekannt. Das habe ich als Junge sonntagmorgens gesungen. Seine Musik ist mir sehr vertraut. Er ist nicht so bekannt wie Vaughan Williams oder Elgar, aber ich finde ihn interessanter. Die beiden Zyklen, die ich singe, zeigen, dass er beinahe besessen war von Thomas Hardy, einem englischen Schriftsteller und Lyriker. Er hat neun Zyklen verfasst und sechs davon sind vertonte Thomas-Hardy-Gedichte. Finzi hatte einen düsteren Blick auf die Welt. Sein Vater starb, als er sieben war, sein erster Musiklehrer starb während des Ersten Weltkriegs und seine drei Brüder starben als sie noch klein waren. Hardys Lyrik ist ähnlich: ein Blick zurück auf das Leben, das Leid und die Probleme. Die beiden passten gut zusammen.

Dann wird Dein Liederabend eine düstere Veranstaltung?

Nein, nein! Als ich meiner Frau das Programm vorspielte, hatte sie dieselbe Befürchtung. Aber es wird nicht düster! Beide Zyklen enden mit der Erkenntnis, dass sich die Natur nicht um den Menschen kümmert – das kann man als etwas Positives oder Negatives werten. Ich finde, sie enden beide optimistisch.

Welchen Untertitel könnten wir Deinem Liederabend geben?

Es müsste etwas mit Reflexion sein. Das gesamte Programm beschäftigt sich mit der Frage, was hätte sein können. Ja, es ist ein kleines bisschen esoterisch.

Wenn Du für einen Tag das Stimmfach wechseln könntest, wer wärst Du dann?

Bruce Dickenson von Iron Maiden. Als Opernsänger kannst Du ja nicht mal Karaoke singen, ohne dass Du Dir Sorgen um Deine Stimme machst. Ein Tag so laut schreien wie man will, das wär’s.  

Was ist Dein schlimmster Ohrwurm?

Das ist etwas, was meine Kinder seit Wochen zuhause singen. Das haben sie aus einer Netflix-Serie. Ich habe keine Ahnung, was das sein soll, es ist auf Englisch, aber ich verstehe kein Wort. Das ist einfach ein nicht enden wollendes Geräusch. Wenn ich abends die Augen schließe, höre ich das …

Und welche Oper geht Dir am häufigsten durch den Kopf?

Am häufigsten summe ich die Wassermann-Arie aus der Rusalka. Die mag ich sehr. Da meine Frau Tschechin ist, hören wir zuhause ohnehin viel tschechische Musik.


Ensemble-Liederabend mit Callum Thorpe
Mo, 8. April 2019, 19.30 Uhr
Wernicke-Saal
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