Wer sind eigentlich die Walküren?

Wild, roh und nicht zu bändigen – diese Eigenschaften scheinen untrennbar mit Walküren verhaftet. Doch woher kommt unsere Vorstellung von diesen mythologischen Wesen? Die kriegerischen Töchter Odins oder Wotans nehmen in der skandinavischen Mythologie eine bedeutungsvolle Stellung ein. Welche Rolle spielen sie jedoch bei Wagner? Und woher kommt die Figur der Brünnhilde, die im Ring eine so prominente Rolle einnimmt, dass Wagner eine seiner Opern nach ihr benennt? Wir sind diesen Fragen auf den Grund gegangen.

Die Walküre: Statisterie der Bayerischen Staatsoper
Die Walküre: Statisterie der Bayerischen Staatsoper

In der nordischen Mythologie wird mit dem Namen „Walküre“ eine Art weiblicher Totendämon beschrieben. Sie gelten als ein Zwischenwesen zwischen Menschen und Göttern. Häufig treten sie als Gruppe auf, um gefallene Krieger nach Walhall zu geleiten. Das Wort Walküre oder altnordisch „valkyrja“ setzt sich aus den altnordischen Worten „valr“ (die Leiche eines auf dem Schlachtfeld gefallenen Kriegers) und „kjósa“ (erwählen) zusammen. Eine Walküre ist demnach ein Wesen, das sich in einer Schlacht einen Krieger erwählt, den sie nach Walhall bringen will. Dadurch hat sie einen erheblichen Einfluss auf das Schicksal der Menschen, denn mit ihrer Wahl entscheidet sie über Sieg oder Tod des Kriegers. In manchen Texten werden Visionen der Krieger beschrieben, in denen sie die Walküren durch die Luft auf sich zureiten sehen. Solch eine Vision bedeutet in der Regel den Tod des Kriegers. Auch das Träumen von Walküren verheißt nichts Gutes. Frühe Texte des 9. und 10. Jahrhundert beschreiben die Walküren als Gestalten, die Vögeln ähneln und sich auf dem Schachtfeld über die Leichen lehnten um diese zu verschlingen. In einigen Texten werden die Walküren als Raben beschrieben, die sich über die Leichen der Krieger hermachen, wie beispielsweise in dem Gedicht Haraldskvæði aus dem späten 9. Jahrhundert:

„Wie steht es mit euch, Raben? Woher seid ihr gekommen mit blutigem Schnabel bei Tagesanbruch? Fleisch klebt euch an den Krallen, Leichengeruch kommt aus dem Maul, nahe, meine ich, habt ihr heute Nacht gewohnt, dem [Ort], wo ihr Leichen liegen wußtet.“

Die Darstellungen der Wahl der Krieger werden in frühen Texten äußerst grausam beschrieben. In einigen Texten weben sich die Walküren aus den Eingeweiden der Krieger Kettfäden, ihre Schädel dienen als Webgewichte und ihre Waffen sind die Werkzeuge der Webarbeit, bevor die Walküren mit geschwungenen Schwertern losreiten und die gefallenen Krieger nach Walhall bringen. Die Wikinger sahen in den Polarlichtern Walküren, die die gefallenen Krieger nach Walhall geleiten. In ihrer Vorstellung wurde das Mondlicht von den Rüstungen der Krieger reflektiert, die von den Walküren nach Walhalla gebracht wurden, wodurch das Farbenspiel am nächtlichen Himmel entstand.

Der Ort Walhall beschreibt in älteren Schriften ein großes mit Leichen übersätes Schlachtfeld, bewohnt von einem Totengott, dem die Walküren die Leichen der Krieger bringen. Erst im 10. Jahrhundert wird Walhall zum Wohnsitz Odins und der Götter. Mit der veränderten Darstellung von Walhall, wandelt sich auch die Vorstellung von den Walküren. Die zunächst mit dämonischen Zügen behafteten Walküren, erhalten zunehmend menschliche Züge. Liebe, Sympathie und Mitgefühl beeinflusst ihre Wahl der Krieger. Ab dem 13. Jahrhundert sind Texte zu finden, in denen sie nicht mehr als angsteinflößende Dämonen, sondern als Heldengeliebte beschrieben werden. Der Tod des Helden, durch die Wahl der Walküre, gilt in diesen Darstellungen als Hochzeit und erhält hierbei durchaus eine erotische Konnotation. Ab diesem Zeitpunkt handeln die Walküren im Dienste Odins oder Wotans, zu dessen Gefolgschaft sie gehören. Von ihm werden sie zu jeder Schlacht ausgesandt, um den Ausgang der Schlacht zu lenken und über Leben und Tod der Kämpfer zu entscheiden.

In Walhall wird den Walküren nochmals eine völlig neue Aufgabe zuteil. Sie werden als Schankmädchen beschrieben, die den gefallenen Kriegern und ihrem Herren Wotan Bier und Wein servieren. Seit sich die Vorstellung von Walhalla als Schlachtfeld und Wohnsitz eines nordischen Totengottes gewandelt hat und zum Wohnsitz des Hauptgottes Wotan wurde, gehören die Walküren zu seiner Gefolgschaft und dienen ihm sowohl als Kriegerinnen, als auch als Schankmädchen im Jenseits.

Die Walküren
Die Walküren

Als Richard Wagner seine Ring – Dichtung verfasste, lag ihm die Deutsche Mythologie Jacob Grimms vor, der er sich als Quelle bediente. Im Kapitel zu den Walküren gibt Jacob Grimm als Synonym u. a. den Begriff „ôskmeyjar“ an, der im altnordischen „Wunschmädchen“ bedeutet. Wagner übernimmt diesen Begriff. In seiner Schrift Der Nibelungen-Mythos als Entwurf zu einem Drama heißt es: „Wotan´s Wunschmädchen schirmen sie [die Helden] als Schildjungfrauen, als Walküren geleiten sie die im Kampf gefallenen Helden nach Walhalla“. Die Begriffe „Wunschmädchen“ und „Walküren“ sind an dieser Stelle identisch. In der Ausarbeitung seines Dramas stützt sich Wagner auf die Darstellung Jacob Grimms und löst die Bezeichnung „Walküre“ ganz von der kriegerischen Aktivität. Torsten Meiwald erläutert in seinen Randbemerkungen zu Richard Wagners Ring des Nibelungen, dass die Verwendung der Bezeichnung Wunschmädchen auf die Rolle der Walküren in Wagners Dichtung hindeutet: Sie handeln nicht nach eigenem Antrieb, sondern erfüllen einzig den Willen ihres Vaters Wotan und der im Kampf gefallenen Krieger.

Die Walküre Brünnhilde erhält in Wagners Ring-Dichtung eine zentrale Rolle. Die Überlieferung bot ihm hingegen nur wenige Anknüpfungspunkte, wodurch Wagner frei war, die Figur der Brünnhilde neu zu erfinden. So wird Brynhild in der skandinavischen Mythologie zwar als kühne und starke Frau beschrieben, jedoch nirgends als Walküre. Ihre Abstammung von Odin/Wotan ist bei Wagner neu. In einem Aspekt folgt Wagner jedoch der Völsunga Saga, die er wiederum bei Jacob Grimm fand: Die Völsunga Saga erzählt von einer Schlachtjungfrau namens Sigrdrífa, die auf dem Berg Hindarfjall schläft und von Sigurđr erweckt wird. Jacob Grimms Aufzeichnungen setzten Sigrdrífa mit Brynhild gleich. Diesen Aspekt der Saga übernimmt Wagner für seine Dichtung.

In der mittelhochdeutschen Nibelungensage findet sich ebenfalls ein Motiv, dass von Wagner in Götterdämmerung verwendet wird: Brünnhilde ist eine so starke Frau, dass sie nur vom stärksten Helden bezwungen werden kann. Mit Hilfe seiner Tarnkappe bezwingt Siegfried Brünhild unerkannt, so dass Gunther sich als Sieger ausgeben kann und damit Brünhild zur Frau gewinnt. Auch dieses Motiv ist bei Wagner zu finden. Ein entscheidender Unterschied liegt daher in der Abstammung Brünnhildes, denn in keinen Quellen erscheint Brünnhilde als Halbgöttin oder Göttin. Sie wird stets als Menschentochter dargestellt. Für Wagners Brünnhilde kam eine menschliche Abstammung jedoch nicht in Frage. Er trennt sich an dieser Stelle von seinen Vorlagen und erfindet die Herkunft Brünnhildes neu, indem er sie von den mächtigsten Göttern, dem Göttervater Wotan und der allwissenden Erdgöttin Erda abstammen lässt.

Die Auflehnung der Tochter gegen den Vater gibt der Handlung dadurch eine besondere Intensität. Brünnhilde ist die älteste Walkürentochter Wotans und die einzige, die er mit Erdgöttin Erda zeugte. Ihre Bestimmung war es ihrem Vater Wotan zu dienen. Die Walküren handelten stets nach Wotans Wunsch. Brünnhilde jedoch widersetzt sich diesem, handelt nach eigenem Ermessen, indem sie, gerührt von der reinen Liebe zwischen Siegmund und Sieglind, Siegmund den Sieg gegen Hunding überlassen will. Wotan ist dadurch gezwungen sie zu bestrafen und verwandelt sie in einen Menschen ohne jegliche göttliche Gabe. Von da an handelt Brünnhilde nach ihrem eigenen Willen. Übermannt von menschlichen Gefühlen weigert sie sich, den Ring, den ihr Siegfried als Liebespfand gab den Rheintöchtern auszuhändigen, wodurch der Ring von seinem Fluch befreit und die Weltordnung wieder hergestellt werden könnte. Aus der Walküre Brünnhilde, die wie die anderen Walküren im Sinne Wotans handelte, ist eine Frau geworden, die ihren eigenen Wünschen folgt. So macht diese Figur den stärksten Wandel innerhalb des Ring-Zyklus durch und bestimmt dadurch die Handlung und das Ende – der Götterdämmerung.

Kommentare

  • Am 22.01.2018 um 19:51 Uhr schrieb a.n.

    Und die anderen?

    Sehr geehrte Frau Nicolae,
    Ich als oberflächlicher Wagner-Quell-Kenner bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass alle Walküren im Ring aus der Befragung Erdas durch Wotan hervorgingen. Nun gut, das mag man sich nicht unbedingt bildlich vorstellen, aber in der Oper geht ja so einiges... Gibt es Anhaltspunkte, woher die anderen 8 Walküren im Ring kommen? Dank vorab und beste Grüße!

  • Am 16.02.2018 um 15:28 Uhr schrieb

    Wer sind eigentlich die Walküren?

    Das Frage ich mich auch!

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