Wer ist Selma?

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Alle blind außer Selma? Ausrine Stundyte (Mitte) mit den anderen Darstellern aus "Selma Jezkova"
Alle blind außer Selma? Ausrine Stundyte (Mitte) mit den anderen Darstellern aus "Selma Jezkova"

Eine Frau opfert ihr Leben für das Augenlicht ihres Kindes: Poul Ruders Kammeroper Selma Jezková erzählt eine tief erschütternde Geschichte, die einen tragischen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Festspiel-Premiere der Oper nach Lars von Triers Film Dancer in the Dark ist am 26. Juni in der Alten Kongresshalle. Regisseur Andreas Weirich beschreibt hier seine Sicht auf die Titelfigur Selma.

Wer ist Selma? Eine Tagträumerin. Eine Idealistin. Und eine Frau, die langsam ihr Augenlicht verliert. Im Zuge dieser schleichenden physischen Erblindung wird sie auch blind für Handlungsalternativen, mit denen sie ihre prekäre Lage bewältigen könnte. Ihren Sohn Gene droht eines Tages das gleiche Schicksal der Blindheit durch die selbe Erbkrankeit wie Selmazu ereilen. Nur eine teure Operation wird ihn retten können, und so arbeitet sie wie eine Besessene, um das Geld für ihn aufzutreiben. Doch die Zahnräder der Tragödie greifen perfekt ineinander, die Maschinerie des Dramas dreht sich unerbittlich weiter: Selma ermordet ihren Nachbarn, als dieser ihr hart erspartes Geld stehlen will, und wird schließlich zum Tode verurteilt.

In unserer Inszenierung haben wir uns für die Doppelbesetzung einiger Rollen entschieden: So liegen ein paar Partien der Oper stimmlich sehr nah beisammen, was mich dazu angeregt hat, sie durch einen Sänger oder eine Sängerin zu besetzen. So stellt zum Beispiel Nathaniel Webster gleichzeitig die Rollen des Bill, des Norman und des Guard 1 dar. Einerseits ist er also der Nachbar, den Selma in ihrer Verzweiflung tötet, dann aber auch ihr Vorarbeiter in der Fabrik und am Ende, wenn sie im Gefängnis ist, ihr Aufseher. Die Figuren verschmelzen. In Selmas Wahrnehmung überblenden ständig Gegenwart und Erinnerung.

Überhaupt scheinen mir alle Männer, die in der Oper vorkommen, eher Projektionsflächen Selmas zu sein als reale Figuren. Egal ob ihr Sohn Gene, der Schauspieler Oldrich Novy, von dem sie vor Gericht behauptet, er sei ihr Vater, oder auch Bill, ihr Nachbar, der ihr zunächst so freundlich begegnet und ihr ein Heim bietet. Sie alle scheinen zunächst Ersatz zu sein für die disparaten Familienverhältnisse, aus denen sie stammt, und von denen wir letztlich auch nichts erfahren. Auf die Frage nach ihrem Vater sagt sie einmal: "I never had one."

Selma, die Tagträumerin. Ständig denkt sie sich fort, in die schillernde Welt der Musicals und der Musikfilme. Sie belügt sich selbst, doch diese Lebenslüge ist gleichzeitig ihr Lebensglück. Dass sich ihr Traum schließlich in einen Albtraum verwandelt, ficht sie nicht an. Auch, wenn sie getötet wird, steht am Ende ihres Lebens doch das Wissen um die Heilung ihres Sohnes Gene.

Selma wird also zum Opfer? Nein: Sie opfert sich selbst. Ganz bewusst nimmt sie ihren eigenen Tod in Kauf, um das Augenlicht ihres Sohns zu retten. Radikaler lässt sich ein solches Martyrium nicht denken, weiß doch niemand aus ihrer Umgebung (außer ihrer Freundin Kathy) von ihrem Opfer. Sie stilisiert sich nicht, ganz leise verabschiedet sie sich aus ihrem Leben.

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