Wer hat an der Uhr gedreht?

BallettRichard Siegal

Harte Beats auf höchster Frequenz und dazwischen leicht und poetisch hingetropfte, fast sphärische Pianoklänge. Portrait Richard Siegal ist eine Herausforderung für die Ohren – vor allem für die der Tänzer, denn es ist nicht einfach, im Takt zu sein, wenn es stellenweise gar keinen gibt. Gruppentänzer Nicola Strada erklärt, warum es trotzdem funktioniert.

„Tänzer können nur bis acht zählen“. Wie oft musste ich diesen Scherz hören! Wer so denkt, hat höchstwahrscheinlich keine Ahnung von Tanzen. Wir sind meiner Meinung nach Spitzensportler, Künstler, Mathematiker und Physiker gleichzeitig. Balletttänzer wiederholen nicht nur täglich komplizierte Schrittkombinationen, sie analysieren auch sorgfältig jede einzelne Bewegung. Musikalität gehört außerdem zum Gesamtpaket eines guten Tänzers. Nur manchmal musikalisch zu sein, reicht nicht.

Als wir vor über zwei Monaten die Musik von „In A Landscape“ zum ersten Mal hörten, waren wir alle ziemlich begeistert. Die außergewöhnliche Mischung zwischen zartem Piano und subtilem Elektro-Sound war für mich irgendwie hypnotisierend.

Uns allen war aber sofort klar, wie schwierig und kompliziert es werden würde, die neue Musik zu strukturieren. Die Melodie in den meisten Passagen ist ähnlich, deshalb wurden unsere Einsätze auf der Bühne von einer Stoppuhr gesteuert. Die Stoppuhr ist an die Musik gekoppelt und hat uns Tänzer vor mathematischer Erschöpfung bewahrt. Ohne sie hätten wir statt zu tanzen permanent wahnsinnig komplizierte Takte gezählt. Ein paar Tage vor der Generalprobe hat Richard Siegal Musik und Stoppuhr neu synchronisiert… Das Ergebnis? Chaos auf der Bühne. Es hat eine gute Stunde gebraucht bis das Stück endlich neu organisiert war.

Die Geschichte mit den Stoppuhren ist mir schon lange bekannt. Vor zwei Jahren, als die Compagnie „Unitxt“ einstudiert hat, gab es diese bereits links und rechts des Proszeniums. Man musste sich daran sehr schnell gewöhnen, um seinen Einsatz zu bekommen. „Unitxt“ hat sich in der letzten Zeit gut entwickelt. Man sieht, dass die Tänzer durch die Hilfe des Timecodes nicht mehr so besorgt in Bezug auf die Musik wirken. Ich bin komplett überzeugt, dass auch „In A Landscape“ mit jedem Mal noch sicherer sein wird. Ich als Tänzer kann die Entwicklung gut sehen.

Ganz anders übrigens wird „Metric Dozen“ gezählt, da müssen wir tatsächlich gemeinsam den Beat hören und immer absolut synchron sein. Auf „Metric Dozen“ freue ich mich besonders, denn meine Premiere von Portrait Richard Siegal werde ich am 12. Juni tanzen.

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