Wer denkt sich so was aus und warum?

24.10.2017

Warum eine Veranstaltung besuchen, die den kryptischen und noch dazu mit einer Einschränkung beginnenden Titel „Die unmögliche Enzyklopädie“ trägt und dann einzelne Begriffe wie Schrei, Väter, Freitod, Nacht oder Erscheinung hinterherschiebt? Die Homepage gibt auch sonst nur diffuse Hinweise darauf, was den Zuschauer erwartet – und das, wo doch sonst der Spielplan der Bayerischen Staatsoper Komponist, Werk und Mitwirkende mitteilt, also die Erwartungen des Zuschauers genau leitet.

Und dennoch: Die Reihe gibt es schon seit neun Jahren, die Anzahl nähert sich stramm der 50er Marke und ein Publikum scheint sich auch immer zu finden. Dies sind meist so neugierige Liebhaber der Staatsoper, dass sie sich darauf freuen, einmal an einen Ort im Haus geführt zu werden, zu dem es sonst keinen Zutritt gibt. Seien es Proberäume, Magazin, Hinterbühne und vieles mehr - denn selbst der Ort wird nicht angekündigt, sondern nur der Treffpunkt, der Seiteneingang beim Capriccio-Saal. Die Besucher müssen sich überraschen lassen, ob sie auf Stühlen oder Luftmatratzen sitzen werden oder gar während einer Veranstaltung Stühle rücken müssen.

Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen mit Markus Eiche und Zora Thiessen
Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen mit Markus Eiche und Zora Thiessen
Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen
Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen

Psychoanalytiker, Wirte und Ringer auf Stühlen oder Luftmatratzen


Wer denkt sich sowas aus und warum? Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Themen, die sich aus den Werken des Spielplans ergeben, findet ja nicht allein auf der Bühne statt, sondern auch in Diskussionen außerhalb eines rein opernimmanenten Zirkels. So hat die Dramaturgie einen Weg gesucht, diese Art der spielerischen Auseinandersetzung mit dem Publikum zu versuchen. Es begann nach der Premiere von Verdis Macbeth, das als dunkles Nachtstück anregte, ganz elementare Begriffe in den Fokus zu legen.

Und so lädt die Dramaturgie Wissenschaftler und Experten des Alltags ein, noch einmal über die großen und kleinen Fragen des Lebens nachzudenken, allerdings nicht im Gewand großer Opern, sondern in Formaten, die zwischen Vorlesung und Performance hin und her springen – ohne Anspruch auf umfassendes Verstehen, sondern mehr als Diskussionsanregung. Da kann es sein, dass ein Psychoanalytiker über den Urschrei nachdenkt, aber auch Gerti von der inzwischen leider nicht mehr existierenden Fraunhofer Schoppenstube von ihrer Wirtstätigkeit in der Nacht erzählt oder junge Ringer eine Einlage zum Thema Triumph zeigen. Spielleiter und Ausstattungsassistenten kreieren Räume und bringen Werke zur Aufführung, die außerhalb des Standardrepertoires angesiedelt sind. Und das Ganze wird – auch untypisch für ein Haus, das viele Dinge über Jahre im Voraus plant – eher spielerisch mit nur kurzen Vorläufen vorbereitet, so dass immer auch die Chance besteht, schnell auf aktuelle Ereignisse zu reagieren.

Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen mit Markus Eiche und Zora Thiessen
Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen mit Markus Eiche und Zora Thiessen
Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen mit Markus Eiche und Zora Thiessen
Enzyklopädie Nr. 38: Leerstellen mit Markus Eiche und Zora Thiessen

Wenn also der Spielplan auf der Homepage vage bleibt mit seinen Ankündigungen, so ist das absichtsvoll und eine Aufforderung, die eigene Phantasie spielen und sich überraschen zu lassen.

Und es geht wieder los, am 2. November mit dem Begriff LEERSTELLEN – und es kommt zum Beispiel der Sänger Markus Eiche, der Werke von Gustav Mahler und Frank Martin präsentiert. Was genau, wie und wo? Das wird nicht verraten.

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