,,Was uns bleibt, ist die Kunst“

Aleksandra Kurzak (Foto: Karol Grygoruk)

Es ist Mitte März. Eigentlich sollte Aleksandra Kurzak, 42, in London sein und dort die Violetta in Giuseppe Verdis La traviata geben. Die Premiere konnte sie noch singen; am nächsten Tag wurden alle weiteren Vorstellungen wegen des Corona-Virus abgesagt. Kurzak fuhr zum Flughafen, schaffte es noch nach Paris, wo bereits ihr Mann mit ihrer gemeinsamen Tochter auf sie wartete. Zusammen wollte die Familie weiter nach Polen reisen, doch die Grenzen wurden geschlossen. Aleksandra Kurzak sitzt nun am Telefon, die Verbindung ist schlecht, bricht häufiger ab, aber die Sängerin ist froh gestimmt, schließlich sei die gute Laune das Einzige, was uns gerade bleibt.

 

Frau Kurzak, wie erleben Sie diese seltsamen Zeiten?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich gehe nicht nach draußen. Nachdem ich aus London hier angekommen bin, hatte ich ein bisschen Fieber, deshalb musste ich mich erst einmal schonen. Jetzt geht es mir gut, und ich habe viel zu tun. Es gibt einige Rollen, die ich üben muss, darunter auch die Titelpartie aus Madama Butterfly, die in der nächsten Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper geplant ist. Ich hoffe, dass die Vorstellungen tatsächlich stattfinden werden.

Unter den Partien, die Sie zurzeit studieren, ist auch die der Mrs Alice Ford aus Verdis Falstaff. Die Premiere soll zu den Münchner Opernfestspielen stattfinden. Ihr Rollendebüt gaben Sie vor zwei Jahren in Paris, auch die Nannetta haben sie bereits gespielt, 2004. Sie haben einmal gesagt, Ihre Seele läge im Tragischen. Nun ist Falstaff eine komische, lyrische Oper. Was mögen Sie daran?

Es stimmt, ich mag das tragische Fach. In den letzten Jahren habe ich das ziemlich ausgekostet. Aber begonnen habe ich mit Komödien. Das ist also nichts Neues für mich. Mit der Rolle der Alice kehre ich sozusagen zu meinen Anfängen zurück. Und das macht mir sehr viel Spaß. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich älter werde … Falstaff ist eine Ensemble-Oper, ein bisschen wie bei Mozart, dem das Ensemble auch immer wichtig war. Stimmtechnisch ist die Partie keine wirkliche Herausforderung für mich. Es gibt keine großen Arien, keine Liebesduette. Die Schwierigkeit liegt eher darin, dass das Ensemble gut zusammenarbeiten muss. Es geht um Präzision und Rhythmus. 

Genießen Sie in puncto Rhythmik und Präzision als ausgebildete Geigerin einen Vorteil?

Gut möglich. Es fällt mir jedenfalls zu. Und ich habe auch einfach Freude an der Partie. Es gibt kein Lampenfieber, keine Nervosität. Ich kann einfach spielen. Das ist ganz anders, im Vergleich zu sonstigen Verdi-Rollen, die ich gesungen habe. Hier ist die Dynamik ausschlaggebend, weil sich dadurch die Farbe in den Phrasen zeigt. Falstaff als Ensemble-Oper muss musikalisch zusammengebaut werden. Am Anfang gibt es eine Stelle mit Männern und Frauen, und ob diese gelingt, hängt ausschließlich von Alices Sopran ab. Die einzelnen Stimmen müssen ineinandergreifen wie ein Schweizer Uhrwerk, nicht nur zwischen den Sängern. Man braucht auch eine gute Verbindung zum Dirigenten.

Wie nähern Sie sich der Figur der Alice an?

Ich gehöre grundsätzlich nicht zu den Sängerinnen, die eine Rolle theoretisch begreifen. Ich lese mich nicht intensiv ein, wenn Sie das meinen. Natürlich ist es wichtig, die Geschichte zu kennen und zu wissen, was den Komponisten inspiriert hat. Aber nehmen wir zum Beispiel Don Carlos: Die Figur bei Friedrich Schiller beziehungsweise Verdi ist eine ganz andere als die historische Figur. Ich denke, wir sollten versuchen, der Idee des Komponisten nahe zu kommen und weiterzudenken. Letztendlich bin ich Opernsängerin, keine Schauspielerin. Ich gehe locker an die Sache heran, ich will mich führen lassen, die Arbeit genießen und den Moment spüren, in dem das Ensemble zusammenfindet. So ähnlich war das auch bei der Neuinszenierung von La Juive an der Bayerischen Staatsoper 2016: Der Regisseur Calixto Bieito hatte eine bestimmte Idee. Dann gab es aber einen Sängerwechsel, und am Ende ist etwas anderes herausgekommen, als ursprünglich geplant war. Da stand eine ganz andere Figur vor ihm. Dennoch war das Ergebnis großartig. Im künstlerischen Prozess muss man sich aufeinander einlassen und offen bleiben für das, was kommt. Nur dann holt man das Beste aus sich heraus.

Was ist Alice für eine Frau für Sie?

Eine Vollblutfrau. Eine, die Spaß hat und zu Hause die Hosen anhat. Für damalige Zeiten, in einer Welt, in der sich sonst alles um den Mann drehte, ein sehr modernes Verständnis von Frausein. Alice hat diese gewisse Cleverness, sie ist klug und raffiniert in ihrem Handeln, um zu erreichen, was sie will. Nicht nur für sich, sondern auch für ihre Tochter. Am Ende ist es Alice, die den Männern Lektionen erteilt: ihrem Mann, ihrem Möchtegern-Liebhaber und dem Liebhaber ihrer Tochter.

Verdi schafft es in Falstaff, das Komische mit dem Tragischen zu mischen. Bei aller Heiterkeit durchzieht die Oper auch eine gewisse Einsamkeit. Die Figuren tragen die Angst in sich, alleine zu bleiben. Auch Alice. Ihr Lebensglück scheint getrübt, weil man annehmen könnte, dass sie in einer unglücklichen Ehe lebt. Nutzt sie ihren Charme, ihre Raffinesse vielleicht nur, um diese Tatsache zu überspielen?

Das sehe ich nicht so, nein. Wenn einer verheirateten Frau Avancen von einem anderen Mann gemacht werden, dann schmeichelt das doch auch. Und das bedeutet nicht, dass Alice in ihrer Ehe unglücklich ist. Ich sehe die Einsamkeit bei Falstaff, auch bei Nannetta. Aber ob Alice unglücklich ist? Das würde ich nicht sagen. In der Zeit, als das geschrieben wurde, hatten bürgerliche Frauen wie Alice nicht allzu viel zu tun. Sie konnten ja noch nicht einmal kochen oder putzen, weil es dafür Personal gab. Ich sehe das eher als eine Art Entertainment.

Affären und Intrigen als Entertainment?

Ja. Briefchen schreiben, tratschen, Spaß haben. Was hätten sie auch sonst tun sollen?

Verdi war ein großer Menschen-Darsteller. Mit was für einer Klientel haben wir es in Falstaff zu tun?

Es sind ganz normale Menschen, wie Sie und ich. Bei Don CarlosAidaNabucco haben wir es mit Königen und Göttern zu tun. Bei Falstaff hingegen werden die Probleme in der Familie verhandelt. Das sind Charaktere und Probleme, wie wir sie in unseren Familien heute auch finden könnten, und das ist das Großartige an diesem Stück.

50 Jahre lang hat Verdi die Komödie gemieden. Dann widmete er sich mit seinem letzten Bühnenwerk der Opera buffa, mit Aspekten der Commedia dell’arte, der Stegreifkomödie. Warum brauchen wir das Lachen, den Humor?

Die aktuelle Zeit ist natürlich besonders. Wenn wir nach draußen schauen, auf die leeren Straßen, wenn wir die Nachrichten sehen oder die Zeitung aufschlagen, gibt es gerade wenig Positives. Wir sehen Probleme und Nervosität. Ich muss diese Art von Drama jetzt nicht unbedingt auch noch auf der Bühne sehen. Für mich bedeutet Oper träumen, die Flucht in eine andere Welt. Hier kann man für einen Augenblick vergessen, was da draußen passiert. Die Komödie ist deshalb ein Geschenk! Sie bedeutet Genuss. Man findet hier auch gute Sätze und Ideen. Es geht nicht nur ums reine Lachen, sondern auch darum, etwas über sich zu lernen. Eine gute Komödie hat diesen doppelten Boden. Und man muss sie genauso ernsthaft spielen, wie eine Tragödie. Nur dann ist es am Ende auch lustig für das Publikum.

Für Künstlerinnen und Künstler ist das jetzt eine besondere Zeit. Wie werden die nächsten Wochen für Sie ablaufen?

Die Quarantäne ist Teil meines Lebens. Nicht erst seit Corona. Ich lebe ständig in Quarantäne. Wenn ich reise, gehe ich in die Oper, weil ich arbeiten muss. Meistens arbeite ich alleine, wenn ich eine Rolle vorbereite. Ich übe zu Hause. Und selbst wenn ich irgendwo zu Gast bin, sehe ich nichts von der Stadt, weil ich entweder in der Probe bin oder im Hotel. Ich gehe nicht raus, weil ich Angst habe, mich zu erkälten. Und dann könnte ich nicht mehr arbeiten. Die Quarantäne, die Einsamkeit, das Alleinsein, in meiner inneren Welt zu leben, das ist für mich nicht neu.

Die Menschen in Italien, Spanien und Deutschland singen gerade von Balkon zu Balkon, um sich Mut zu machen. Bekommt die Musik in Krisenzeiten eine neue Bedeutung?

Ich finde das so unendlich schön. So schön, dass mir beinahe droht, das Herz zu brechen, wenn ich das sehe. Es ist doch so, dass die Kunst meistens zurückstecken muss. Normalerweise geht es immer um Wichtigeres, um größere Probleme, um Politik, um das Klima, darum, dass Ärzte oder Lehrer streiken. Das ist auch alles wichtig. Aber über Kunst und Musik wird immer als letztes gesprochen. Nun erleben wir diese Situation, und plötzlich merken wir: Das Einzige, was uns am Ende bleibt, ist die Kunst. Wir sitzen alleine zu Hause, machen die Fenster auf, und was hören wir? Musik. In traurigen Momenten wie diesen ist es das, wo wir Glück finden. 


Das Interview führte Sarah-Maria Deckert, Redaktionsleiterin von Max Joseph.

 

Aleksandra Kurzak studierte Gesang an den Musikhochschulen von Breslau und Hamburg. Von 2001 bis 2007 war sie Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper. Seitdem gastiert sie an Opernhäusern u. a. in New York, Mailand, Berlin, Wien, Zürich, Madrid, London, Chicago, Venedig, Verona und Paris sowie bei den Salzburger Festspielen. Ihr Repertoire umfasst Partien wie Mimì (La bohème), Elisabetta (Don Carlo), Violetta (La traviata), Gilda (Rigoletto), Nedda (Pagliacci), Desdemona (Otello), Fiordiligi (Così fan tutte), Adina (L’elisir d’amore), Liù (Turandot), Mrs Alice Ford (Falstaff) und die Titelpartien in Maria Stuarda und Lucia di Lammermoor

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