LIVE?

23.06.2017

Wenn Anja Harteros und Jonas Kaufmann mit „Viva la morte insiem!” dem vereinten Liebestod in Andrea Chénier entgegen gehen oder Kristine Opolais als Rusalka ihren Geliebten mit einem Kuss tötet, dann wirkt das unmittelbar, erschaudernd und intensiv – vor allem wenn man direkt vor der Bühne sitzt. „Live“ ist nun auch auf großen Lettern am Portikus der Bayerischen Staatsoper zu lesen. Zeit für ein paar Reflexionen zur Liveness im Musiktheater.

Die Säulenverkleidung des Nationaltheaters während der Münchner Opernfestspiele 2017
Die Säulenverkleidung des Nationaltheaters während der Münchner Opernfestspiele 2017

Heute unterscheidet man zwei Formen der Wahrnehmung: Live und medialisiert. Also das Konzert und seinen Mitschnitt, das Fußballspiel und sein Public Viewing, die Oper und ihre Fernsehübertragung. Doch das war nicht immer so: Bevor es das Gegenstück gab, die aufgezeichnete und in irgendeiner Form veröffentlichte Version, oder generell Film, Fernsehen, Radio und Internet, war Kultur nur live erlebbar. Kein Grund demnach, auch nur den Begriff „live“ im Wortschatz zu führen, wenn diese Eigenschaft sowieso nicht in Frage stand, weiß der Medien- und Kulturwissenschaftler Philip Auslander.

Dass sich Akteure und Zuschauer im selben Raum zur selben Zeit befinden, ist laut Erika Fischer-Lichte, einer Koryphäe der Theaterwissenschaft, außerdem essentiell für das Theater – also das Live-Erlebnis – wie wir es seit der Antike kennen. Denn laut der Minimaldefinition

spielt eine Person A die Rolle B, während ihr C dabei zusieht. Dabei hat der Zuschauer C die Möglichkeit, mit A, dem Sänger oder Schauspieler, zu interagieren.

Vom tobenden Applaus beflügelt singt eine Sopranistin dann vielleicht den restlichen Abend besonders emotional, wenn eine Szene dagegen mit Buh-Rufen kommentiert wird, beeinflusst das die Wirkung der Inszenierung auf das gesamte Publikum. Produktion und Rezeption finden gleichzeitig statt. Und so ist jede Vorstellung individuell, weil sich die Reaktionen nicht proben lassen. Ein Youtube-Video dagegen verändert sich nicht nachträglich durch die Kritik der Viewer. Noch statischer sind Musikalben und Filme, die, einmal auf dem Markt, nicht mehr modifiziert werden können. Dafür lassen sie sich in identischer Form potentiell unbegrenzt oft abspielen und erreichen so ein Millionenpublikum – in den Zuschauerraum der Oper kommen nur 2101 Personen auf einmal. (Musik-)theater braucht also den Moment der Aufführung, die Präsenz von Darstellenden und Zuschauenden im Opernhaus. Dadurch ist es exklusiv auf die Anwesenden beschränkt und wird von den Bedingungen des jeweiligen Abends beeinflusst.

Andrea Chénier: Jonas Kaufmann (Andrea Chénier), Anja Harteros (Maddalena di Coigny)
Andrea Chénier: Jonas Kaufmann (Andrea Chénier), Anja Harteros (Maddalena di Coigny)

Live bedeutet auch authentisch, im Moment, unwiederholbar, exklusiv und interaktiv

Heutzutage ist live deshalb ein Qualitätsmerkmal, weil wir die andere Seite der Medaille kennen: Damit, nur eine Aufnahme der „Come un bel dì di Maggio“-Arie gehört zu haben, gibt niemand an. Musicals, die statt Orchester wenige Musiker und Einspielungen vom Laptop einsetzen, werden kritisiert, ebenso wie Stars, die bei Konzerten Playback singen. Wer sich auf ein unmittelbares und authentisches Erlebnis freut, ist enttäuscht, wenn er es nicht erhält – die Aura des Live-Aufführungsmoments geht verloren. Die „Zukunft des Theaters sichert dessen Liveness”, betont der Theaterwissenschaftler Andreas Englhart. „Seine Atmosphäre, die reale Anwesenheit von Schauspieler und Zuschauer, der direkte Blick des Anderen ist etwas ganz Besonderes, das sich weiterhin gegen die flache Virtualität der medialen Bildwelten behauptet.”

Dennoch wird heute durch Fernsehen, Radio und Internet das Merkmal der Liveness von der räumlichen Qualität auf die zeitliche ausgedehnt: Auch Live-Übertragungen und Public Viewing finden schließlich während der Oper oder dem Sportereignis statt, nicht erst im Anschluss. So bleiben Spannung und Ambiente größtenteils erhalten. Auslander würde außerdem Englharts Aussage widersprechen: Durch technische Neuerungen wie Filmeinspielungen oder auch elektronische Sound-Effekte im Musiktheater sind Inszenierungen nicht mehr rein live. Das Web 2.0 eröffnet dagegen neue Wege der Interaktion durch die Zuschauer, die vor ihrem PC oder Smartphone sitzen. Und manche erleben Kultur unmittelbarer, wenn sie sie sozusagen in der „ersten Reihe“ vor ihrem Fernseher verfolgen. Das Resultat ist: Die Grenzen zwischen live und medialisiert verschwimmen zunehmend. Der Direktor des Münchner Instituts für Theaterwissenschaft, Christopher Balme, weitet das Publikum schlicht auf den Begriff „Öffentlichkeit“ aus.

In den nächsten Wochen laden wir Euch nun dazu ein, diese Grenzen zwischen live und transmedialen Direkterfahrungen mit uns auszuloten. Wir übertragen Backstage-Momente und Highlights der Opernfestspiele via Facebook live. So können auch unsere Facebookfans und Zuschauer aus der ganzen Welt bei den Festspielen dabei sein, wenn auch nicht immer direkt vor der Bühne ... Mehr Infos auf www.staatsoper.de/live.

Texte zum Weiterlesen:

Philip Auslander: Liveness – Performance in a mediatized culture. London/New York 1999
Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main 2004
Erika Fischer-Lichte: Semiotik des Theaters. Das System der theatralischen Zeichen [Band 1]. Tübingen 1983
Andreas Englhart: Das Theater der Gegenwart. München 2013
Christopher Balme, Josef Bairlein (Hrsg.): Netzkulturen: kollektiv. kreativ. performativ. Intervisionen [Band 11]. München 2015

Jennifer Gaschler

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