Was machen Bilder, wenn niemand hinsieht? Über Spielzeitkünstler Scorpion Dagger

Bei Scorpion Dagger wird zerschnitten, neu zusammengeklebt, mit Sachen vermischt, die nicht dazugehören, und dann ist etwas Neues entstanden. Für die Saison 2019/20 der Bayerischen Staatsoper lieferte der Künstler, der mit bürgerlichem Namen James Kerr heißt, passend zum Spielzeitthema KILL YOUR DARLINGS Illustrationen und Animationen, die in Dialog mit alten Meistern der Malerei und liebgewordenen Klassikern treten und sie mit einem humorvollen Augenzwinkern neu arrangieren. Lernen Sie unseren Spielzeitkünstler hier näher kennen.

Animation für CASTOR ET POLLUX

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Scorpion Dagger: Schon der Name klingt gefährlich. Es ist natürlich nur ein Künstlername. Aber wenn sich James Kerr über alte Renaissancegemälde hermacht – nicht die Originale, versteht sich –, geht es zur Sache. Scorpion Dagger pustet alte Bilder kräftig durch, zerlegt sie in Einzelteile und setzt sie anders wieder zusammen, reichert sie an mit Elementen, die eigentlich nicht dazugehören, und erweckt das alles durch skurrile Animationen zum Leben. Da spielt ein Mönch schon mal mit einer Barbiepuppe, und Jesus steht vor einem DJ-Pult. Das ist manchmal frech und manchmal berührend, mal drastisch und mal zärtlich, immer aber durchsetzt von hintergründigen Bezügen.

Den neuen Blick auf vermeintlich Vertrautes versucht auch die Bayerische Staatsoper. In jeder Spielzeit erfindet sie sich ein neues Erscheinungsbild, das auf die Premieren der Saison und das aus ihnen abgeleitete Jahresthema abgestimmt ist. Wenn ein solches Thema „Kill your Darlings“ lautet, ist klar, dass nicht alles wörtlich zu verstehen ist. Es geht ums Loslassen: Manchmal sind es einem die liebsten Dinge, von denen man sich verabschieden muss, um weiterzukommen. Scorpion Dagger „killt“ den hermetischen Zusammenhang, versetzt die collagierten Teile mit Fragmenten aus anderen Zeiten und gewinnt dadurch neue Bedeutungsschichten.

Warum hat es dem Künstler aber die Renaissance so angetan? „Das GIF-Projekt habe ich 2012 begonnen, um animieren zu lernen“, berichtet James Kerr. „Ein Jahr lang wollte ich jeden Tag ein neues GIF erstellen. Damals benutzte ich sämtliche Bilder, die ich finden konnte, bis ich eines Tages über die Gemälde von Giotto gestolpert bin. Während ich mich zuvor oft anstrengen musste, um herauszufinden, welche Animation passen könnte, schienen sich die Werke von Giotto von selbst zu animieren. Sich die Bewegung vorzustellen war so einfach, dass ich schließlich bei Werken der Früh- bis Spätrenaissance blieb.“

 

Eine Situation wie im Film „Nachts im Museum“: Welches Leben führen die Charaktere, wenn ihre Schicht vorbei ist?

Beobachtungen über sein alltägliches Leben, scheinbar beiläufige Ideen, inspirieren James Kerr zu seinen Werken. „Sobald ich entschieden habe, was ich machen möchte, suche ich die Elemente, die ich verwenden möchte, kopiere sie und baue sie in Photoshop zusammen“, beschreibt Kerr seinen Arbeitsprozess. „Die meisten Animationen setzen sich aus Elementen zusammen, die aus einem Dutzend Bilder stammen: eine Nase von hier, ein Baum von dort und so weiter. Manchmal jedoch schaue ich mir ein Bild an und die Vorstellung der Bewegung darin inspiriert mich. Ich frage mich dann: Was folgt darauf? Als ob das Bild ein Film wäre, bei dem man auf Pause gedrückt hat. Wie würden die nächsten Frames aussehen? Das ist vermutlich das größte Thema all meiner Werke – was passiert mit den Bildern, wenn niemand hinschaut?“

Frech, manchmal vielleicht sogar schockierend können Kerrs Animationen für den Betrachter sein. Große sakrale Meisterwerke werden scheinbar durch popkulturelle Referenzen entheiligt. James Kerr kennt diese ersten Reaktionen. Er selbst sehe Kunst aber nicht als etwas Unantastbares, das nicht interpretiert werden oder dem man sich nicht nähern dürfe. Deshalb empfinde er seine Arbeit nicht als respektlos gegenüber den ursprünglichen Kunstwerken. Vielmehr sei die Inspiration und das Weiterdenken bestehender Kunst doch wünschenswert: „Es ist wie in der Oper oder im Ballett. – Darf Kunst nur im historischen Kontext präsentiert werden oder dürfen neue gegangen werden?“

„Meine Intention ist, das Interesse der Menschen an klassischen Kunstwerken zu wecken. Ich möchte, dass sie sich meine Animationen ansehen und dann mehr über die Originalgemälde wissen wollen. Je mehr Menschen in die Museen gehen, desto besser. Und umso mehr, wenn ich dabei noch Spaß haben kann.“

 


Für die Spielzeit 2019/20 der Bayerischen Staatsoper hat Scorpion Dagger zahlreiche Illustrationen und Animationen gestaltet. Seine Werke finden sich nicht nur in der aktuellen Jahresvorschau, sondern unter anderem auch auf den Plakaten unserer Neuinszenierungen, Broschüren und kleinen Souvenirs. Diese sind natürlich im Opernshop, online und vor Ort am Marstallplatz, erhältlich. Erst durch Bewegung werden Scorpion Daggers Werke so richtig zum Leben erweckt. Mit der App Artivive gelingt das auch mit zunächst starren Print-Bildern.

Hier könnt Ihr Euch die App herunterladen und das gleich ausprobieren:

für iOS (Apple Store)

für Android (Google Play Store)

Wie das genau funktioniert, zeigen wir Euch in diesem Video.

How to Jahresvorschau

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James Kerr alias Scorpion Dagger ist auf Instagram und Facebook zu finden. Dort informiert er nicht nur über neue Projekte, sondern präsentiert auch regelmäßig seine neuen Werke. 

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