Was können Musiker von Sportlern lernen?

Ulrike Klees ist seit fast 15 Jahren Mentaltrainerin unserer Orchesterakademie und bereitet die jungen Musikerinnen und Musiker vor allem auf die Herausforderungen bei Probespielen vor. Eine ihrer ersten Studentinnen war unsere Vorspielerin der Ersten Violinen So-Young Kim. Ulrike Klees war Hochleistungssportlerin und schwamm in der Nationalmannschaft, unter anderem auch bei Olympia. Nach einem Psychologiestudium widmete sie sich dem mentalen Training von Sportlerinnen und Sportlern und betreute einige Jahre die Nationalmannschaft der deutschen Schwimmerinnen. Durch einen Zufall landete Ulrike Klees bei der Musik und betreut seitdem junge Musiker. Mit uns sprach sie über ihre Arbeit im Rahmen der Orchesterakademie und darüber, was Sportler und Musiker gemeinsam haben.

Ulrike Klees mit ihren Studentinnen und Studenten der Orchesterakademie

BSO: Was machen Sie im Rahmen des Mentaltrainings mit den Orchesterakademisten?
Ulrike Klees: Für mich ist der Begriff Mentaltraining mittlerweile zu eng gefasst, denn meine Arbeit besteht aus mehreren Bausteinen. Das ist zum einen das Mentale Training für die Sicherheit. Dabei lernt man z. B., beim Auswendigspielen die Werke auf zwei oder drei verschiedenen (Sinnes-)Kanälen zu speichern, sodass das Gehirn immer etwas zur Verfügung hat, falls im Lampenfieber ein Kanal ausfällt. Dies ergänze ich durch ein emotionales Mentales Training. Denn eine noch so gute Vorbereitung hilft nichts, wenn die Nerven dünn werden. So trainiere ich mit den Studenten, die Vorspielsituation ins Detail genau im Voraus zu visualisieren, und wie sie in dieser Visualisierung die Gedanken gut steuern können. Bei guter Integration dieser Gedanken sind diese auch im Vorspiel präsent und die mentale Souveränität bleibt erhalten. Hinzu kommt in meiner Arbeit intensives Auftrittstraining, Training der Körpersprache und Mimik beim Spielen, sowie die Durchlässigkeit des Körpers. Der letzte Teil kommt eher aus dem Sport, dabei geht es um Körpergefühl und -wahrnehmung. Und weil ich hier viel Zeit mit den Akademisten verbringe, kann man auch persönliche Probleme besprechen, denn die Lösung dieser sind für die Leistung ebenfalls unheimlich wichtig.

Wie sind Sie dazu gekommen?
Es war ein besonderer Weg, da ich ja keine Musikerin bin. Ich spiele noch nicht einmal ein Instrument oder kann Noten lesen, was mir kaum jemand glaubt. In meinem Psychologiestudium verstand ich, was während meiner Schwimmerkarriere falsch lief und weshalb meine Nerven manchmal dünn wurden. So überlegte ich schon damals, was ich mit Sportlern machen würde, die meine Probleme haben. Nach Beendigung meines Studiums zog der neue Bundestrainer der deutschen Schwimmer-Nationalmannschaft in mein Haus und fragte mich, ob ich Lust hätte, die Nationalmannschaft psychologisch zu betreuen, was ich dann lange tat. Zu der Arbeit mit Musikern kam ich auch durch einen Zufall. Wiederum eine Nachbarin war Musikerin und nahm mich zu einem Vortrag an der Würzburger Hochschule zum Thema „Kann man sportpsychologische Erkenntnisse auf die Musik übertragen?“ mit. Ich diskutierte heftig mit dem Referenten, woraufhin mir die Hochschule einen Lehrauftrag anbot. Ich sagte damals erstmal ab, mit der Begründung, dass ich keine Noten lesen kann, die Studenten überredeten mich jedoch. In die Musik musste ich mich natürlich erstmal einarbeiten, ich bekam aber von einigen Professoren viel Unterstützung. Da irgendwann Sport und Musik nicht mehr gleichzeitig machbar waren, entschied ich mich für die Musik. Heute sehe ich es als Vorteil, dass ich aus dem Sport und nicht aus der Musik komme, da ich authentisch Inhalte und Vorgehen aus dem Sport heranziehen kann. Ein Beispiel: Wenn die Studenten vor einem Probespiel das Stück noch mehrmals auf dem bestmöglichen Niveau und im Originaltempo durchspielen möchten, frage ich immer, ob sie schon einmal einen 100 Meter Läufer gesehen haben, der versucht, den Weltrekord vor dem Wettkampf zu laufen? Mit solchen einfachen Vergleichen kann man sehr viel verdeutlichen und erreichen. Meine Studenten genießen es auch sehr, dass ich auf dem Intonations-Ohr relativ taub bin, mich dadurch aber auf andere Dinge konzentrieren kann.

Ulrike Klees

Wo liegen für Sie die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Musik und Sport?
Sehr ähnlich ist, dass man in Beidem unter absoluten Stressbedingungen Höchstleistung bringen muss, sowohl was Feinmotorik als auch Konzentration angeht. Die Herangehensweise im Umgang mit Stress ist dieselbe. Anders ist allerdings, dass Sportler ein besseres Körpergefühl haben und dadurch manches besser umsetzen. Bei Musikern findet das Thema Körpergefühl in der Ausbildung leider oft nicht statt.  Ein weiterer großer Unterschied ist, dass ich als Sportler jeden Tag mit meinem Trainer trainiere, und er darauf achtet, dass ich keine Fehler mache. Das ist in der Musik nicht der Fall. Die Studentinnen und Studenten üben teilweise eine ganze Woche alleine und versuchen das, was ihnen in der letzten Stunde gezeigt wurde, möglichst gut umzusetzen. In dieser Zeit können auch Fehler eintrainiert werden. Ein weiterer Unterschied, der mir erst in letzter Zeit verstärkt auffällt: Musiker sind beim Üben relativ einsam. Selbst als Schwimmerin trainiere ich mit anderen Leuten im Becken und kann mich mit anderen Sportlern austauschen. Dazu kommt, dass Sportler wahrscheinlich Sportler werden, weil sie gerne kämpfen und sich gerne messen. Musiker sind meistens Menschen, die gerne gemeinsam musizieren, etwas zusammen kreieren wollen, doch dann kommt dieses verflixte Probespiel, was ein knallharter Wettkampf ist. Dafür sind die wenigsten die richtigen Typen.

Wie sieht eine typische Stunde mit Ihnen aus?
Bei neuen Studenten starten wir meistens mit Videotraining und der richtigen Haltung beim Spielen. Dann kommt relativ schnell das mentale Üben von Stücken, damit sie Sicherheit bekommen. Übungen zum Lampenfieber machen wir in der Regel etwas später. Hinzu kommen Stretching-Programme und mit der Zeit fangen die Studenten und Studentinnen an, ihre eigenen Themen mitzubringen und die Stunden werden sehr individuell. Wir führen regelmäßig Klassenvorspiele durch, welche immer aufgezeichnet und anschließend analysiert werden.
Wir haben pro Jahr 10 intensive Arbeitsphasen, in denen neben den regelmäßigen Einzelstunden für jeden Akademisten auch zwei Klassenvorspiele, die immer aufgezeichnet und in der Einzelstunde analysiert werden, stattfinden. Durch die Spielzeitpause treffen wir uns somit fast monatlich. Ich bin ziemlich dicht an den Studenten dran und sehe mich selbst auch als Coach.

Können Sie sich noch an ein besonderes Erlebnis in ihrer Arbeit hier erinnern?
Es sind viele schöne Erlebnisse. Ich freue mich unglaublich über jede Stelle, die unsere Akademisten erhalten, und darin sind unsere Akademisten richtig gut!  (lacht) Konzerte, bei denen man das Ergebnis unserer Arbeit sieht, sind auch immer etwas Besonderes für mich.
 

Dieses Ergebnis können Sie am 12. Juli beim Festspielkonzert der Orchesterakademie im Cuvilliés-Theater erleben. Die jungen Musikerinnen und Musiker spielen Werke von Maurice Ravel, Igor Strawinsky, Jean Françaix und Franz Schreker.

Festspielkonzert der Orchesterakademie
Fr, 12. Juli 2019, 20.00 Uhr, Cuvilliés-Theater

Das Interview führte

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