Was hat das denn mit Tanz zu tun?

BallettDer Gelbe KlangTanzland Deutschland

Unter dem Stichwort TANZLAND DEUTSCHLAND bündelt das Bayerische Staatsballetts zur Zeit entscheidende ästhetische Positionen der letzten 100 Jahre Tanzgeschichte der Moderne. Zum Beginn der BallettFestwoche hat das dreiteilige Programm Der gelbe Klang Premiere. Angesichts des titelgebenden Stücks zum Auftakt nimmt Produktionsassistentin Laura Tomi die Frage vorweg: Was hat das denn mit Tanz zu tun?

Das wird sicherlich heiß diskutiert werden anlässlich der Inszenierung des Gelben Klangs nach Wassily Kandinsky, die am 4. April im Nationaltheater Premiere hat. Und in der Tat hält diese Frage Choreographen, Tanzwissenschaftler, TänzerInnen und Kritiker seit Beginn der Moderne in Atem. Denn mit der Auflösung des klassischen Kanons beginnt die Explosion der Stile und Formen im modernen Tanz, die zum Teil bis ins Extrem des absoluten Stillstands getrieben wird. Ähnliche Auseinandersetzungen wurden in der bildenden Kunst vor 100 Jahren zwischen Abstrakten und Konkreten und auch zwischen den verschiedenen Vertretern der neueren Musik oder den verschiedenen literarischen Fronten geführt. Weshalb sollte der Tanz verschont werden? Was ist Tanz, wo beginnt er, wo hört er auf? Ist das Zittern der Oberlippe schon Tanz, wie der bildende Künstler Samuel Rachl einmal formulierte? Ist Sprechen im Tanztheater Tanz? Atmen? Gehen? Oder wenn Lutz Förster sich die Haare aus dem Gesicht streicht und einen Blick ins Publikum wirft, der Bände spricht? Ist Bewegungslosigkeit Tanz, so wie seit John Cage die Stille Teil der Musik ist? Ich würde sagen: selbstverständlich ist das alles Tanz, denn es sind entschiedene, choreographierte, damit festgelegte Bewegungen des Körpers innerhalb eines ästhetischen Kontextes, den der Choreograph, die Choreographin determiniert.

Aber zurück zum Gelben Klang – Michael Simon steht seit seiner ersten Zusammenarbeit mit Forsythe und Kylián für eine sehr eigene Vorstellung choreographischen Handelns. Er bringt von jeher weniger Tänzer als die Bühne in Bewegung, und Objekte, Licht, Räume, Gedanken und feste Vorstellungen – in In The Country of Last Things von Heiner Goebbels etwa das Schlafzimmer, das plötzlich in die Horizontale kippt und Menschen und Gegenstände aus dem Gleichgewicht bringt, aber auch den Bühnenraum bringt er zum Schwanken, wenn der sich immer wieder neu weitet und verengt durch Projektionen, verschiebbare Wände und Lichtveränderungen. Oder unsere Erinnerung, indem er viele Male denselben Unfall sich wiederholen lässt – spielte sich das alles so ab? Oder war alles ganz anders? War vielleicht das Gegenteil auch falsch? Viele Jahre vorher konstruierte Simon das legendäre sich um eine Achse drehende riesige Segel in Limb’s Theorem, das die Bewegung der Tänzer, das Licht, den Raum und die Zeit strukturierte und die Zuschauer ob der scheinbaren Gefahr für Leib und Leben der Akteure den Atem anhalten ließ…

Als Kandinsky 1909 bis 1912 seine Überlegungen zur Synästhesie in der Kunst niederlegt und sie in seinem Bühnenkonzept Der Gelbe Klang zusammenfasst, enthalten diese viele Ideen, Arrangements und Bilder, die damals technisch noch gar nicht so hätten realisiert werden können. Insgesamt dennoch ein fast naives Szenario vor dem Hintergrund einer 100-jährigen Geschichte von interdisziplinärer Kunst, Multimedia und Gesamtkunstwerk , das seinen ganzen Charme eben in seiner spielerischen, manchmal gewollt laienhaften Anordnung entwickelte, vertraut Michael Simon sich diesen historischen Bildern und Vorstellungen Kandinskys an. Viele einzelne Elemente aus dessen Vorgaben, die früh-dadaistischen Texte, die „undeutlichen Wesen“, einen Riesen, ein Kind, farbige Figuren, die am Ende durcheinanderwirbeln und das Mischen der Farben konkrete Gestalt annehmen lassen – all das nimmt Simon und setzt es in seinem Sinn in Szene, in gewaltigen Farbspielen, mit Tänzerdarstellern und Statisten, der ganzen Bühnenillusionsmaschine des Nationaltheaters, der animierenden Musik von Frank Zappa. Und am Ende bleibt doch die Frage des Kindes nach dem innersten Wesen von Bewegung, von Geist und Materie, die bis heute nicht beantwortet ist. Simon hält es mit Albert Einstein: „Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“

Kommentare

  • Am 14.04.2014 um 01:14 Uhr schrieb Rolf

    Wunderbar. Die Musik von Frank Zappa war phantastisch.

  • Am 14.04.2014 um 01:25 Uhr schrieb Enho Lepurks

    Zur Gelben Klang Veranstaltung der Ballettwoche gab es über den Aufruf zur Werkeinreichung des Publikums eine kleine sehr innovative Ausstellung in dem Foyer der Ballettschule zu bestaunen. Weiter so! Ballett interaktiv!

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