Vom Traum zu Tanzen

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den 3. Beitrag zu dieser Serie bildet die Vorstellung zu John Neumeiers Der Nussknacker am 18. Dezember 2018.

Vom Traum zu Tanzen – John Neumeiers „Der Nussknacker“

von Julia Lipold

Zur Musik von Peter I. Tschaikowski choreografierte John Neumeier Der Nussknacker (1971) mit einem völlig anderen Sujet und kreierte somit eine neue Version eines Handlungsballetts. Die Rolle der Clara heißt nun Marie. Der Mäusekönig, die Zuckerfee oder das Land der Süßigkeiten – wie so viele andere bekannte Figuren und Elemente aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung – weichen dem Traum eines jungen Mädchens Ballett zu lernen.

Marie, zwölf Jahre, bekommt zu ihrem Geburtstag einen Nussknacker und Ballettschuhe geschenkt. Sie bewundert ihre große Schwester Louise und will wie sie eine Ballerina sein. Am Abend des Geburtstages probiert sie ihre Spitzenschuhe an und versucht sich als Tänzerin. Dieser Versuch scheitert jedoch, sie schläft ein und träumt von Drosselmeier, seinerseits Ballettmeister ihrer Schwester, der sie fortan in die Welt des Balletts entführt. Zuerst erfolgt eine klassische Ballettausbildung an der Stange und ein Pas de deux. Im zweiten Akt klettern Drosselmeier und Marie, im Arm der Nussknacker, aus dem Orchestergraben auf die Bühne und die Charaktere des ersten Aktes tanzen zahlreiche abwechslungsreiche Divertissements.

Im dritten Bild der Inszenierung wird die Vielfalt des Theaters aber auch des klassischen Balletts breit aufgefächert. Beispielsweise wird hier eine Bühne auf der Bühne präsentiert. Wenn die einzelnen Gruppierungen auftreten, öffnet sich der hintere Vorhang und offenbart verschiedenste Bühnenbilder (chinesischer Tempel, Pyramide, Wolken). Während den Divertissements agiert Drosselmeier als Dirigent, der die Tänzer auf die Bühne holt, tanzt aber auch selbst mit, so etwa im chinesisch angehauchten Abschnitt.

Das folgende Grand Pas de deux bildet den grandiosen Höhepunkt des Ballettabends. Maries Schwester Louise und ihr Freund Günther brillieren in tänzerischer Ausdruckskraft und Präzision. Beide bestechen mit Eleganz, Emotionalität, Timing und Tanztechnik. Keinerlei Fehler, jede Bewegung ist exakt und anmutig ausgeführt. Laurretta Summerscales und Osiel Gouneo gaben an jenem Abend (18.12.2018) ihre Rollendebuts. Beide sind ausdruckstarke, erstklassige und gefühlvolle Balletttänzer, die das Publikum mit tosendem Applaus zurückließen. Weite und hohe Sprünge und Hebungen, synchrones aber auch zeitversetztes Tanzen, exakt zum Rhythmus der Musik, bestimmen den atemberaubenden Tanz. Aber auch die Soloabschnitte sorgen für Szenenapplaus.

Zum Ende des Balletts schläft Marie mit dem Nussknacker im Arm am Boden des Elternhauses ein. Schließlich wird sie von der Haushälterin ins Bett gebracht. Drosselmeier steht in der Mitte der dunklen Bühne und der Vorhang schließt.

Über den gesamten Ballettabend hinweg gilt äußerste Präzision und Synchronität. Kein Schwachpunkt ist in der Ausführung von John Neumeiers Choreografie zu erkennen. Nancy Osbaldeston verkörpert eine junge, quirlige, zierliche aber auch tollpatschige und unbeholfene Marie, die ein exzellentes Pendant zu Drosselmeiers anmutigem, egozentrischem und strengem Auftreten darstellt, getanzt von Jonah Cook. Das Publikum lernt wie ein junges Mädchen zur Tänzerin ‘erzogen‘ wird und Träume in Erfüllung gehen.   

 

Julia Lipold studiert im 5. Semester im Masterstudiengang Performative und Intermediale Musik- und Tanzwissenschaft an der Universität Salzburg. Ihr Interesse an Darstellenden und Performativen Künsten  im transkulturellen Kontext brachte sie zu ihrer Masterarbeit "Trojan Women. Gegenwärtige Adaption antiker Stoffe im asiatischen Musik- und Tanztheater" an der sie zur Zeit schreibt.

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