Vom Spielplan auf den Bildschirm

Wie kommt das Live-Stream-Programm der Bayerischen Staatsoper zu Stande? Welche Hürden sind zu nehmen? Welche Kosten und Risiken lauern? Und was hat das alles mit unserem Spielzeitthema KILL YOUR DARLINGS zu tun?

Ein Laptop und einen Internetzugang, mehr braucht man nicht, um unsere Live-Streams zu empfangen.

Ihr könnt Euch das so vorstellen: Die für unsere Live-Streams verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spielen zunächst Wunschkonzert. Der Spielplan der Staatsoper wird circa ein Jahr vor Beginn der Saison durchgeblättert und die „Rosinen“ rausgepickt: meistens sind das natürlich die Neuinszenierungen. Wir legen aber auch Wert darauf, zusätzliche Abende mit unserm Generalmusikdirektor Kirill Petrenko oder außergewöhnlich besetzte Produktionen aus den vergangenen Jahren - wie Ende November Andreas Kriegenburgs Wozzeck mit Christian Gerhaher - zu zeigen, um eine abwechslungsreiche Stream-Saison zu bieten.

Diese Phase 1 ist ein Kinderspiel – weshalb wir sie übrigens jetzt schon für die kommende Saison 20/21 abgeschlossen haben. Aus Phase 1 geht eine Liste mit ungefähr 30 bis 35 Abenden hervor. Dann beginnt in Phase 2 die Minimierung der Termine nach dem Hauptaugenmerk Zeitpunkt: Die Streams sollen möglichst gleichmäßig über die Saison verteilt sein und auf ein Wochenende fallen – schließlich wollen wir unseren Fans in anderen Zeitzonen auch die Möglichkeit geben, dabei zu sein. Verbleibende Stückanzahl: circa 20 bis  25.

Für das Kamerateam müssen Plätze freigehalten werden.

Soweit, so gut - doch leider wird es in Phase 3 kompliziert. Hauptgrund dafür ist, dass wir - übrigens als eines der ersten Opernhäuser weltweit - seit 2010 unsere Streams als Erweiterung unseres Kulturauftrags sehen und es uns wichtig ist, mit dem kostenlosen Angebot möglichst vielen Zuschauerinnen und Zuschauern auf der ganzen Welt die Möglichkeit zu geben, Oper zu erleben, teilzuhaben und zu genießen. Um diesen kostenlose Servicen weiterhin bieten zu können, werden in Phase 3 „Bittbriefe“ an alle beteiligten Künstler, das Leading Team aus Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, den Chor der Staatsoper und das Bayerische Staatsorchester verschickt, um von jedem einzelnen das Einverständnis für den Stream einzuholen. Da unsere Streams kein kommerzielles Ziel verfolgen, sind wir darauf angewiesen, dass alle Beteiligten - und das sind manchmal über 200 Personen! - gerne mit dabei sind. Natürlich haben wir Verständnis, wenn der eine oder andere Künstler sich dem zusätzlichen Druck von Kameras in einer Vorstellung nicht aussetzen möchte.

Das ist aber nicht die einzige Hürde: Danach geht es an die Verhandlungen mit den Verlagen der gezeigten Stücke. Seitdem weltweit immer mehr Streams gezeigt werden, gab es auf diesem Feld ein Umdenken. Doch trotzdem sind die Kosten für einen Stream in Einzelfällen leider zu hoch - was vor allem bei Neuer Musik zutrifft, oder bei Stücken, deren Schöpfer nach 1949 verstorben ist (das Urheberrecht gilt in Deutschland 70 Jahre ab dem Sterbejahr des Komponisten). Verbleibende Stückanzahl nach Phase 3: 15 bis 20.

Auf der Bühne Glamour – im Regiezimmer graue Büroatmosphäre

Danach muss kalkuliert werden - Phase 4. Da ein Stream einen mittleren fünf-stelligen Betrag für Kameras, Mikrophonierung, Personal und Streaming-Technik verschlingt, können wir insgesamt nicht mehr als sieben oder acht Vorstellungen pro Jahr streamen. Und dann gibt es noch viele Details zu klären: Ist der Lieblings-Tonmeister des Dirigenten am gewählten Termin verfügbar? Hat der Bildregisseur genug Zeit, sich vorzubereiten? Sind Bühnenbild, Maske und Perücken auch wirklich bereit für ein Close-up in HD? Und – in der Oper natürlich essenziell: Wie wird mikrophoniert für einen perfekten Klang? Ist das Bühnenbild so gestaltet, dass keine Mikros an den Bühnenelementen befestigt werden können und verlangt es daher nach sogenannten Mikroports? Das sind am Körper des Sängers befestigte Mikrophone, für deren Verwendung wiederum das OK der einzelnen Solisten benötigt wird …

Erst wenn all diese Faktoren erfüllt und alle Puzzleteile zusammengefügt sind, können wir kommunizieren und Euch die Termine präsentieren. Das passiert meistens im Herbst der laufenden Saison - nachdem viele Bereiche des Hauses schon über Monate für Euch an der Realisierung gearbeitet haben. Ähnliches gilt übrigens auch bei DVD-Produktionen: Erst wenn alle Hürden genommen sind, möchten wir die freudige Botschaft mit Euch teilen. So ein Freudentag ist – wie der Zufall es so will – heute! Am 1. und 6. Dezember werden die Vorstellungen von Die tote Stadt aufgezeichnet. Doch bitte nicht zu früh freuen! Ob eine DVD tatsächlich erscheint, hängt wieder von vielen Faktoren ab, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würde.  Dazu gibt’s vielleicht bald „Vom Spielplan auf Ihren Bildschirm, Vol. 2“.

Bis dahin „puzzeln“ wir gerne weiter für Euch und tun alles Mögliche, um Eure Wünsche zu erfüllen. Natürlich wissen wir um die Begehrlichkeit von einzelnen Vorstellungen - und auch wir hätten manchen Titel gerne der Liste der Stream-Termine hinzugefügt. Nun - es sollte nicht sein. Und hier kommt unser Spielzeitthema voll zum Tragen: KILL YOUR DARLINGS, auch wenn es schmerzhaft ist. Lass los, mach Platz für Neues, nimm Abschied. Wer weiß, ob es ein Abschied für immer ist?

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