Umbesetzungen: Ein Drama in 3 Akten

23.01.2017

Am Wochenende bei South Pole hat es uns mal wieder erwischt: In kürzester Zeit musste Eri Nakamura für die erkrankte Tara Erraught einspringen. Umbesetzungen machen auch vor der Bayerischen Staatsoper nicht halt, doch noch nie ist eine Opernvorstellung deshalb ausgefallen. Wie geht das? Wer macht das möglich? Kurzum: Was steckt dahinter, wenn ein Einspringer auf der Bühne steht? 

Akt I – DIE ABSAGE

Dr. Claudia Küster sorgt für den reibungslosen Ablauf der Proben und Vorbereitungen.

Am Vorstellungstag, 9.30 Uhr: Künstlerisches Betriebsbüro. Der Sänger der Titelpartie sagt für den Abend ab.

Gibt es Vorwarnungen?
Claudia Küster, Probenbüro: Ja. Ein Künstler merkt in der Regel am Vorabend, dass mit seiner Stimme etwas nicht in Ordnung ist und teilt uns dies mit.

Warum wird abgesagt?
CK: Der häufigste Grund ist eine Erkrankung: ein starker viraler Infekt, eine Kehlkopfentzündung. Alles, was den Hals-Nasen-Kopf-Bereich betrifft. Oder ein persönlicher Anlass wie der Todesfall eines sehr nahestehenden Familienmitglieds. Sänger sind auf ihre Stimme angewiesen. Das ist ihr Kapital. Ist die Stimme akut gefährdet und sind langfristige Schäden zu befürchten, verbietet ein Arzt das Singen.

Wie weit reichen Ihre Recherche-Fäden?
CK: Mit zwei oder drei Tagen Vorlauf spinnen wir das Netz der Ermittlungen bis nach Amerika. Erfahren wir am Morgen des Vorstellungstages von einem Ausfall, interessieren wir uns für die näheren europäischen Bereiche, wo gute Flug- und Zugverbindungen existieren.

AKT II – DIE SUCHE

9.31 Uhr: Die erste Schreckensminute ist vorbei. Das künstlerische Betriebsbüro fragt einen potentiellen Einspringer an. Unruhe liegt in der Luft. Ist der mögliche Ersatz tatsächlich bereit, die Rolle am Abend zu übernehmen und unverzüglich nach München zu kommen?

Wie erfahren die Sänger Details zur Fassung, die an der Bayerischen Staatsoper gespielt wird?
CK: Wir verschicken sofort eine sogenannte musikalische Strichliste mit den Änderungen der Partitur, eine Rezitativfassung, bei Opern wie der Zauberflöte oder Fidelio auch die gesprochenen Dialoge. Wenn wir ein bisschen mehr Zeit haben, senden wir eine DVD der Inszenierung per Express-Post. Wurde die Partie am Haus schon gesungen, hoffen wir auf erinnertes Vorwissen.

10.30 Uhr: Die Zusage eines Sängers ist da. Alle atmen auf.

Wer ist zu so spontanen Aktionen bereit?
CK: Oft springen erfahrene Sänger ein oder herausragende junge Darsteller finden unerwartet eine fantastische Plattform. Das erlebte die irische Mezzosopranistin Tara Erraught. Frisch aus dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper hat sie 2011 spontan den Romeo in der Premiere von I Capuleti e i Montecchi für die erkrankte Vesselina Kasarova übernommen, feierte mit dem Riesenerfolg ihren Durchbruch und ist mittlerweile weltweit gefragt. Ab und zu übernimmt jemand die Rolle, der gegenwärtig ohnehin an der Bayerischen Staatsoper engagiert ist und sie im Repertoire hat - wenn danach genug Ruhe bleibt, um sich für die „eigentliche“ Partie vorzubereiten.

Tara Erraught erntet Applaus bei ihrem Einspringereinsatz als Romeo in „I Capuleti e i Montecchi“

Wann erfährt das Publikum von der Umbesetzung?
CK: Zuerst informiert eine interne Mail über den Ersatz. Die Internetredaktion verfasst daraufhin einen Newsletter mit der Biografie des Gastes und benachrichtigt prompt die Öffentlichkeit – zum einen über den sogenannten Umbesetzungsnewsletter und per E-Mail an alle Vorstellungsbesucher, sollte eine Hauptpartie betroffen sein. Zum anderen über eine Umbesetzungsmeldung auf der Webseite.

Beate Wiesent, Leiterin des Kostümfundus, bei der Inventur.

10.45 Uhr: Kostümabteilung. Margareta Bauer, eine der beiden Garderobenmeisterinnen, hat Dienst und liest die Mitteilung.

Sie schalten auf Krisenmanagement?
MB: Der Druck in der Kostümabteilung ist ab diesem Moment enorm. Wir, die Schneider im Garderobendienst, besorgen das Originalkostüm und brauchen dann dringend die aktuellen Maße. Manchmal liegt dem Künstlerischen Betriebsbüro eine Maßliste der Agentur vor. Andernfalls rufe ich in dem Opernhaus an, in dem der Sänger zuletzt war, denn die Kollegen sind up to date. In jedem Fall überprüfen wir die Maße, denn einige Kilos mehr oder weniger machen für die Passform viel aus. Die aktuellen Daten vergleichen wir mit jenen des vorhandenen Solistenkostüms und beraten, ob wir es umschneidern können oder nicht. Es gilt zu bedenken: Jeder Sänger hat mehrere Kostüme. Bei einer Produktion hatten wir über zehn pro Rolle!

Sie nähen also die Originalkostüme um?
MB: Grundsätzlich sind ab der Premiere immer dieselben Kostüme auf der Bühne zu sehen. Im Fidelio beispielsweise gab es viele unterschiedliche Besetzungen, aber die Kostüme sind dieselben geblieben. Sie werden ständig modifiziert. Enger oder kürzer zu gestalten, ist denkbar.

Wie gelingt es, zu erweitern oder zu verlängern?
MB: Die Schneiderei näht die Kostüme meist sehr änderungsfreundlich. Sind die Nahtzugaben ausgereizt, verwenden wir die zugehörigen Stoffreste. Diese bewahren wir bei jeder neuen Kostümanfertigung auf. Oder wir zaubern andere geeignete Stoffe aus dem Materiallager hervor.

Das Outfit besteht allerdings nicht nur aus Kleidung.
MB: Richtig. Wir benötigen Kopfbedeckungen und Schmuck, Hüte und Ringe, dabei sind Allergien gegen Nickel oder Pelz zu beachten. Klettergurte wie im Fidelio müssen gut sitzen und Schuhe stellen ein Kapitel für sich dar. Sind keine goldenen Schuhe vorhanden, bemalen wir ein anderes Paar. Fließt Theaterblut, darf das Blutpäckchen nicht rutschen. Und weil die Einspringer sich auf ein großes Abenteuer begeben, wünschen sie meistens eine bestimmte Unterwäsche, damit sie sich wohl fühlen.

11.15 Uhr: Die Originalkostüme sind da, die Maße bekannt, mit Schere und Nähmaschine beginnt das kreative Werk.

Was passiert, wenn die Originalkostüme nicht adaptierbar sind?
MB: Dann überlegen wir, wann das Stück spielt. Ist es eine historische oder moderne Inszenierung? Was war die Grundidee des Kostümbilds? Wir haben das Kostümspektrum des Hauses im Kopf und suchen im Fundus nach einer Entsprechung. Ab und zu verwenden wir ein Chorkostüm für einen Solisten.

Wenn sich nichts findet?

MB: Wenn genügend Zeit bleibt, kann es sein, dass ein Kostüm neu genäht wird. Für Das Rheingold bestellten wir von Freitag auf Samstag einen roten Anzug. Oder es zieht eine Einkäuferin los, um das Material oder ein fertiges Stück zu kaufen.

13.00 Uhr: Claudia Küster hat mit dem Dirigenten und der Spielleitung bereits die Proben für den Nachmittag koordiniert.

Gab es denn freie Räume?
CK: Manchmal strukturiere ich den Tagesplan völlig um, damit die Probe im optimalen Raum stattfinden kann. Dort, wo der markierte Aufbau das Bühnenbild am besten imitiert.

Besetzungsreigen: Am vergangenen Wochenende sprang Eri Nakamura (Mitte) für die erkrankte Tara Erraught (links) als Kathleen Scott in „South Pole“ ein. Erraugt konnte noch spielen, aber nicht singen. Nakamura spielte jedoch eigentlich die Partie des Tebaldo in „Don Carlo“, weshalb Laura Tătulescu (rechts) diese Rolle für sie übernahm.

AKT III – DER EINSPRINGER IST DA

15.00 Uhr: Ankunft des Sängers am Max-Joseph-Platz

15.10 Uhr: Nach der Begrüßung landet der Einspringer augenblicklich in der Kostümabteilung. Er probiert die für ihn „maßgeänderten“ Kostüme, testet Schuhe und Accessoires.

15.30 Uhr: Szenische Probe. Spielleitung, Dirigent, Korrepetitor und Souffleur stehen mit voller Konzentration zur Verfügung. Zwei Stunden für eine ganze Oper. Die Spielleitung zeigt dem Sänger die wichtigsten Momente jeder Szene. Er muss die ursprünglichen Ideen des Regisseurs und die Essenz der Inszenierung verstehen, den Charakter und seine Emotionen verinnerlichen. Dann erst wird die Geschichte treffend erzählt und der szenische und musikalische Ablauf am Abend entspricht dem Original. Auch das Zusammenwirken mit den Kollegen - alle anderen Rollen werden in der Probe von der Spielleitung markiert - will geprobt sein.

17.30 Uhr: Eine halbe Stunde hat der Dirigent zur Verständigungsprobe mit dem Korrepetitor angesetzt. Er bespricht die wesentlichen Dinge, erläutert Änderungen in der Partitur und lässt einzelne schwierige Passagen anklingen.

18.00 Uhr, 60 Minuten vor Vorstellungsbeginn: Bei der Bühnenbegehung sieht der Sänger das Setting in natura. Einige wenige Wege werden abgegangen – danach übernimmt wieder die Technik den Aufbau.

18.15 Uhr: Die Maske ruft. Doch wenn eine Waffe im Spiel ist, weist der Rüstmeister zuvor noch in die Bedienung der Pistole ein.

Nun ein wenig Entspannung?

CK: Naja. Geschminkt, mit Perücke und sitzendem Kostüm naht die letzte Möglichkeit, bestimmte Sequenzen auf DVD anzusehen. Oder es wartet ein Videodreh oder ein Fototermin wie bei Lucia, Un ballo in maschera oder Fidelio, wenn Bilder der Darsteller auf die Bühne projiziert werden.

18.45 Uhr: Seit seiner Ankunft in München ist der Sänger/die Sängerin permanent im Haus. Er/Sie hatte keine Pause, dabei geht’s jetzt erst los. Noch 15 Minuten bis sich der Vorhang hebt.

Weitere Informationen zum Thema Umbesetzungen finden Sie in unseren FAQ.

Lughofer, Ingrid

Zurück

Kommentare

  • Am 23.01.2017 um 19:17 Uhr schrieb Maria Elena

    Respekt!

    Wow, wie spannend! Von mir ein Riesendank und Respekt allen Beteiligten, die bei den Umsetzungen teilhaben. Ihr macht einen Super-Job!

  • Am 12.02.2017 um 10:58 Uhr schrieb Dr. Eva Riedel

    Spannend und beeindruckend!

    Danke für diese detaillierte Schilderung! Wow! Und dann spielt Frau Dr. Küster noch die Sophie auf der Bühne...Chapeau!

Neuer Kommentar