Tutus to die for

BallettFrederick AshtonScènes De BalletKostüm

Elf Lagen übereinander, insgesamt knapp 70 Meter Tüll und mindestens 24 Arbeitsstunden pro Kostüm. Und alles für ein Ensemble von rund 20 Tänzerinnen (und 10 Tänzern). Zur Münchner Premiere soll Frederick Ashtons „Scènes de Ballet“ mit neuen Kostümen den gewünschten britischen Glamour ausstrahlen. Herr Ashton selbst wäre wohl „very amused“, wenn er einen Blick in unsere Kostümabteilung werfen könnte.

Von der britischen Insel, in deren Zeichen die laufende Saison des Bayerischen Staatsballetts gänzlich steht, kurz zurück ins Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts: Hier begann die Geschichte des Tutus. Die italienische Tänzerin Marie Taglioni machte das romantische Tutu 1832 in Paris berühmt, als sie in „La Sylphide“ tanzte. Damals trug sie ein fast knöchellanges Tutu aus weichem, weißem Tüll, das der grazilen Gestalt einer Waldelfee nah kam. Darunter trug sie übrigens noch die allzu typischen „bloomers“, eine Art Pumphose die knapp bis übers Knie reichte. Damit auch aus Sicht der oberen Rängen des Theaters, oder im Sprung keine entblößten Knie hervorblitzten.

Mittlerweile sind die „bloomers“ längst Geschichte und es gibt verschiedene Arten von Tutus, vom kurzen, kecken „Pfannkuchen“- bis hin zum „Glocken“-Tutu.

Seit Juli wird an den Kostümen gearbeitet

Im Fall von Frederick Ashtons „Scènes de Ballet“ galt es, die Originalkostüme des französischen Designers André Beaurepaire für die Erstaufführung beim Bayerischen Staatsballett München neu zu schaffen. Die Besetzung für „Scènes“ besteht aus einem Solistenpaar sowie einer Gruppe von 12 Damen und 4 Herren. Zusätzlich werden die eingeteilten Reserven mit Kostümen ausgestattet, so dass insgesamt 20 Damen und 10 Herrenkostüme angefertigt wurden.

Die Arbeit begann bereits vor den Theaterferien im vergangenen Juli. Die Kollegen des Royal Ballet Covent Garden standen der Kostümabteilung der Bayerischen Staatsoper hierbei beratend zur Seite.

Die kostbare Fracht aus London beinhaltete Originalkostümen aus dem Fundus des Royal Ballet, sowie historische Fotos und Schaustücke der Accessoires für die Tänzerinnen. Da gibt es zum Beispiel Perlenohrringe, Armbänder und natürlich nicht zu vergessen: Hüte für die Gruppentänzerinnen.

Sofort begannen die Kollegen mit der Arbeit. Zunächst einmal wird ein Ordner, manchmal auch „die Bibel“ genannt, mit allen Details zur Produktion angelegt. Dieser beinhaltet historische Fotos der originalen Kostüme und Fotos von aktuellen Aufführungen und Anproben, sowie Stoff- und Farbmuster. Als nächstes wird der passende Tüll ausgesucht, bestellt oder aus dem Lager geholt. Gegebenenfalls wird dieser dann zum Färben nach Berlin verschickt.

70 Meter Tüll pro Kostüm

Dann erst kann die eigentliche Näharbeit an den Tutus beginnen: Verschiedene Lagen Tüll werden kreisförmig übereinander genäht, elf Lagen insgesamt. Abwechselnd weicher und fester Tüll, erklärt mir eine Mitarbeiterin, damit das Tutu ordentlich absteht. Zur Verstärkung ist auch noch ein Metallring eingenäht. Eine Damenschneiderin braucht rund 24 Stunden und etwas über 70 Meter Tüll pro Kostüm. Das Oberteil wird danach noch separat angefertigt. Hierbei galt es, die geometrischen Formen wie Dreiecke und Treppenstufen ähnliche Formen (die sich übrigens auch in der Choreographie auf der Bühne wiederfinden) auf die Kostüme zu nähen und das sowohl bei den Damen, als auch auf die schwarzen Samtwesten der Herren. Zum Fixieren der ausgeschnittenen Formen wird „Hexenspucke“ genommen: Eine Art Fixierklebeband welches beim Überbügeln schmilzt. Anschließend ist das Aufnähen einfacher, da die Formen dann bei der Arbeit an der Nähmaschine nicht verrutschen.

Die Modistinnen hatten ebenfalls alle Hände voll zu tun: Jede der Gruppentänzerinnen trägt einen schwarzen Samthut. Die guten Stücke müssen nach genauer Vorgabe mit Perlen und Strasssteinen bestickt werden. Wie bleiben die Hüte nur auf dem Kopf, fragt man sich? Auch dafür haben die Kollegen eine Lösung: Krinolband! Hierbei handelt es sich um eine Art Gummiband mit kleinen Maschen welches im Hut eingenäht wird: Durch diese Maschen werden dann Haarnadeln gesteckt, mit denen der Hut am Kopf der Tänzerin fixiert wird. So kann man das ungeliebte Gummiband über dem Kinn vermeiden. Das ist nämlich nicht nur unangenehm beim Tanzen, sondern sieht auch noch etwas unschön aus. Nach den individuellen Anproben der Tänzer werden die Kostüme dann erstmals im Studio bei Durchlaufproben getestet um eventuelle Änderungen rechtzeitig vornehmen zu können.

Die Ergebnisse der Arbeit gibt es ab dem 22. Dezember 2011 in Steps & Times auf der Bühne des Nationaltheaters zu sehen.

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