The Snow Queen - Eine Reise durch die Komposition

Die Oper The Snow Queen basiert auf dem Märchen Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen und erzählt die Geschichte von Gerda und Kay, ihrer Freundschaft und dem Erwachsenwerden. Kay hört auf mit der Außenwelt zu kommunizieren, ist aber von Formen und Symmetrien fasziniert. So auch der Komponist der Oper Hans Abrahamsen: Seine Musik zeichnet sich durch zarte, fein changierende und doch hochkomplexe Strukturen aus. Er gestaltet seine Partituren bis in das letzte Detail akribisch durch. In diesem Artikel nehmen wir Euch mit auf eine Reise durch die Komposition.

Partitur der Oper The Snow Queen

 „Ich denke viel in Bildern. Meine Musik klingt oft sehr einfach, aber eigentlich ist sie sehr kompliziert, sowohl rhythmisch als auch technisch. Man muss die Einfachheit fangen. Sie kommt aus der Komplexität“, sagt der Komponist über sein eigenes Schaffen.

Die Personen mit ihrer zugehörigen Stimmlage

Bereits im Jahr 2007 entwarf er einen Bauplan des gesamten Werks und von 2014 bis 2018 komponierte er seine erste Oper auf sein eigenes Libretto. Hans Abrahamsen begann also mit dem Text. Das Libretto richtete er gemeinsam mit Henrik Engelbrecht auf Basis der Dialoge des Märchens Die Schneekönigin selbst ein. Der Komponist setzte sowohl die Akte mit ihren Szenen als auch die Personenkonstellationen fest, bevor er zu komponieren begann. Abrahamsen komponierte von vorne nach hinten, Szene für Szene auf Basis des Textes und seiner vorher festgelegten Struktur. Dabei arbeitete er sich vom Rahmen zu den Einzelgegenständen vor, vom Großen ins Kleine. Er entwarf zuerst die Orchesterstruktur, sozusagen die musikalische Landschaft, und setzte anschließend die Stimmen wie Figuren hinein. Im Laufe des Schreibens befreite er sich allerdings mehr und mehr von diesem Vorgehen.  

Hans Abrahamsen legte, wie in der Skizze sichtbar, die Dauer der Szenen genau fest. Taktzahlen und zeitlicher Rahmen standen auf dem Papier, bevor eine Note geschrieben wurde. So erzeugte der Komponist ein enormes Spannungsfeld zwischen kontrollierter Form und sich frei entfaltendem Klang. In seiner Skizze fixierte er Jahreszeit, Tageszeit, Ort, agierende Personen für eine Szene, ebenso wie die Länge der Szenen und deren Anzahl. Diese Szenen fasste er anschließend in Akte zusammen und bestimmte auch die Platzierung einer Pause. Erst nachdem sowohl Personen als auch Szenen bis ins kleinste Detail geplant waren, begann er zu komponieren. Die erste Szene dauert fünf Minuten, also gilt es diese fünf Minuten nun musikalisch zu füllen. Der Komponist sieht seine Aufgabe darin, Zeit zu formen. „Musik ist sehr speziell, denn sie existiert in der Zeit, und als Komponist muss ich Zeit formen.“

Skizze der Oper aus dem Jahr 2016, basierend auf Abrahamsens Aufzeichnungen von 2007.

Beim Betrachten der Skizze fällt auf, dass die Akte im Laufe der Oper länger werden. Dahinter steckt eine Idee: In der Oper findet eine schrittweise Dehnung der Zeit statt. Während der erste Akt nur 18 Minuten dauert, sind es beim dritten Akt 40 Minuten. Die Länge der Szenen ändert sich gemäß der Primzahlenreihe von einer auf neun Minuten. Dabei sind jeweils zwei Szenen gleich lang, bevor die nächste Stufe erreicht wird. Im dritten Akt sind die fünf Szenen, im Gegensatz zu den ersten beiden Akten mit jeweils vier Szenen, durchschnittlich acht Minuten lang – „Gerda hat sich verspätet“, so der Komponist, sie hat einen Rückstand in ihrer Entwicklung im Gegensatz zu Kay aufzuholen.  

„Ich brauche so viel Flexibilität wie nur möglich. Deshalb baue ich Systeme in Systeme und weitere Systeme und versuche diese dann zu verbinden und zu synchronisieren.“ Dies klingt erstmal widersprüchlich, doch Hans Abrahamsen braucht eine klare Struktur, die den Rahmen gibt, in dem er sich kreativ ausleben kann. Es scheint, als gäbe es keine Note, die nicht aus einer definierten Struktur abgeleitet wurde. In der Oper werden die Stimmen oft von klanglich passenden Instrumenten verdoppelt. Die Vokallinien hören sich an, als seien sie in die Orchestertexturen hineingesetzt. Die Besetzung gleicht der einer Wagner-Oper: Großer Streichapparat, sechs Hörner, vier Trompeten, vier Flöten, vier bis fünf Spieler erforderndes Schlagwerk. Doch Abrahamsen nutzt diese Menge an Instrumenten nicht, um eine überwältigende Klangmasse zu erzeugen, sondern um viele verschiedene Klangfarben und -schichten einzusetzen. Er ist ein Meister der Zwischentöne und des vielschichtigen Komponierens. Die melodischen und rhythmischen Vorgänge folgen exakten quantitativen Schemata. Der Schnee drückt sich beispielsweise in zahlreichen höheren Tönen von Xylophon und zweiten Geigen aus. Die Vervielfältigung der Splitter nimmt in den Pizzikati dreier solistischer Kontrabässe ihren Ausgang. In unterschiedlichen Tonarten, Tempi und rhythmischen Gruppierungen (alle nach strikten Zahlenproportionen aufeinander bezogen) zeichnen diese Pizzikati ein hüpfendes Motiv in zerbrochenen Akkorden. Die komplexe Schichtung regulärer und irregulärer Metren, unterschiedlicher Rhythmusfolgen und Tonarten erfordert auf die Dauer von 48 Takten sogar einen zweiten Dirigenten. Somit steht im voll besetzten Orchestergraben auch noch ein zweiter Dirigent. Hans Abrahamsen notierte genau, welche Stimmgruppe wann mit welchem Dirigenten spielt.

Seine Musik ist so zart und gewaltig wie die Natur. Seine Naturklänge stehen erkennbar in Tradition der Musik von Richard Wagner über Claude Debussy bis hin zu György Ligeti. Außerdem greift er immer wieder auf seine früheren Werke zurück, meistens auf einzelne Teiler oder Strukturmerkmale, manchmal aber auch auf ganze Sätze. Der Beginn der Oper ähnelt beispielweise sehr seinem Werk Schnee mit einem Schneegestöber aus Geigen, Glockenspiel, Xylophon und Akkordeon.

So wie Gerdas Reise zu Ende geht und sie Kay schließlich wiederfindet, endet auch unsere Reise durch die Komposition dieser Oper. Das Ergebnis ist ab dem 21. Dezember mit u. a. Barabara Hannigan, Rachael Wilson und Peter Rose auf der Bühne des Nationaltheaters in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg zu erleben.

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