„Thank you for coming to Munich“

BallettAuditionJunior Company

Es ist Sonntagmorgen 9.30 Uhr. Ich erreiche die „Ballettetage“ im 6. Stockwerk des Nationaltheaters. Heute findet das jährliche Vortanzen des Bayerischen Staatsballetts statt. Über 1000 Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt haben sich dafür beworben – und die besten von ihnen hat Ballettdirektor Ivan Liška eingeladen, heute ihr Können zu zeigen. Neben einer fundierten Ausbildung, Bühnenerfahrung und viel Talent bringen sie alle vor allem eines mit: die Liebe zum Tanz und den Traum beim Bayerischen Staatsballett zu tanzen.

Die ersten Damen, die um 11 Uhr am Vortanzen teilnehmen, wärmen sich schon im Ballettsaal auf. Die Herren treffen erst später ein: Ihr Vortanzen findet um 15 Uhr statt. Eine Viertelstunde vor Beginn werden die Startnummern verteilt. Jede Teilnehmerin erhält eine Nummer, die mit Sicherheitsnadeln am Trikot befestigt und zugleich in das Anmeldeformular eingetragen wird, das die Bewerberinnen ausfüllen mussten. Die Direktion und die Ballettmeister müssen schließlich jede Tänzerin zuordnen können und die wichtigsten Informationen wie Name, Alter, Größe, Ballettausbildung und Berufserfahrung vor sich liegen haben. Die Damen werden aufgefordert sich nach der Reihenfolge ihrer Nummern an die Ballettstangen zu verteilen.

Kurz vor 11 Uhr betritt die Direktion den Saal. Ballettdirektor Ivan Liška, die Ballettmeister/innen Colleen Scott, Cherie Trevaskis, Norbert Graf, Thomas Mayr, der das Training gibt, und Jan Broeckx, Direktor der Ballett-Akademie. „Thank you for coming to Munich,“ begrüßt Ivan Liška die Teilnehmerinnen. Er stellt noch die Kommission vor, und pünktlich um 11 Uhr beginnt das Training. Thomas Mayr führt jede einzelne Übung an der Stange vor, und die Tänzerinnen führen sie mit der Klavierbegleitung von Maria Babanina aus.

Ivan Liška schaut sich jede Übung genauestens an, läuft im Saal an jeder Tänzerin vorbei und macht sich Notizen. Bereits 30 Minuten später, nachdem alle Übungen an der Stange ausgeführt sind, wird eine erste Auswahl getroffen. Für einige Teilnehmerinnen ist das Vortanzen an dieser Stelle zu Ende. Es fließen Tränen. Aber so ist der übliche Ablauf: Nur die Besten kommen weiter. Die Konkurrenz ist groß, und doch geht es immer seriös zu – und keineswegs so, wie man es aus Casting-Shows oder aus klischierten Hollywood-Streifen über Ballett kennt.

Die noch anwesenden Damen vollführen nun Übungen im Raum, im Tänzerjargon „Mitte“ genannt. Nach weiteren drei Kombinationen wird wieder aussortiert. Erneut ist der Traum beim Staatsballett zu tanzen für einige vorbei.

Ich kann genau nachvollziehen wie sie sich fühlen. Bis vor einem Jahr habe ich selbst noch mit einer Nummer auf der Brust an verschiedenen Vortanzen teilgenommen. Und es ist wirklich herzzerreißend, wenn man so kurz vor dem Ziel weggeschickt wird. In diesem Moment bricht eine Welt zusammen – aber das ist die Realität der Tänzerwelt. Ich bin sehr froh, das nicht mehr mitmachen zu müssen.

Bevor es zur Ausführung der Sprünge geht, wird eine letzte Auswahl getroffen. Nurmehr 20 Damen sind jetzt noch übrig, die das Training beenden dürfen. Die Direktion hat durch das Training einen Eindruck der klassischen Technik der Bewerberinnen erhalten. Nach einer kurzen Verschnaufpause folgt der zweite, genauso wichtige Teil des Vortanzens: das Zeitgenössische.

Ballettmeister Norbert Graf studiert mit den ausgewählten Damen eine Sequenz aus dem Ballett „The New 45“ von Richard Siegal ein. Das Schrittmaterial wird von ihm vorgezeigt und gemeinsam gelernt. Die Ausführung erfolgt dann in Gruppen von jeweils vier Damen und wird mehrmals wiederholt.

Drei Stunden nach Beginn warten die nervösen, schweißgebadeten Damen gespannt auf das Ergebnis des Gremiums. Nur wenige können sich glücklich schätzen ab der nächsten Spielzeit Mitglied im Ensemble des Bayerischen Staatsballetts oder der Junior Company zu werden und auf der Bühne des Nationaltheaters zu tanzen. Die Auserwählten atmen erleichtert auf und strahlen vor Freude, als Ivan Liška sie zum Gespräch bittet.

Und um 15 Uhr das Ganze noch einmal. Diesmal mit den Herren …

Kommentare

  • Am 07.08.2013 um 10:20 Uhr schrieb Vivi

    Lieber Anto,
    da ich deine Cousine bin, finde ich den Text sehr schoen. Natuerlich nicht nur, weil ich deine Cousine bin, aber ich wollte es dir nochmal sagen, da ich nur meinen Spitznamen unten hingeschrieben habe und es sein koennte, dass du nicht weisst, wer ich bin :D. Ich hoffe, du kannst diese Nachricht auch lesen.
    Deine Vivi :)
    PS: Wir sind gerade mit dir, hier, in Italien und gerade eben haben wir gefruehstueckt)

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