Tannhäusers Bußwallfahrt und Pilgern heute

04.07.2017

Von der Sehnsucht, anders zu werden

Tannhäuser ist ein Getriebener. An keinem Ort hält er es lange aus, immer zieht es ihn weiter in der Hoffnung, woanders seinen Frieden zu finden. In seinem Bewusstsein der Entfremdung und der Suche nach einem eigentlichen Sein ist er ein Pilger, was ihn schließlich auch auf seine Bußwallfahrt nach Rom führt. Folgt heutiges Pilgern vergleichbaren Motiven? Cathrin Mauer hat für uns bei dem Theologen und Pilger-Experten Dr. Detlef Lienau nachgefragt.

Der bekannteste Pilgerweg unserer Zeit ist der spanische Jakobsweg, die 800 Kilometer lange Route von den Pyrenäen bis Santiago de Compostela. Den höchsten Punkt des Weges markiert, 1500 Meter über dem Meeresspiegel, das Cruz de Ferro. Noch heute nehmen fast alle Pilger einen Stein mit auf diesen Streckenabschnitt, um ihn beim Cruz de Ferro auf einen über die Jahrhunderte stattlich angewachsenen Steinhaufen abzulegen. In dessen Mitte steht ein hoher Mast, der auf seiner Spitze ein Kreuz trägt. Der Stein – ein Motiv, das in der aktuellen Tannhäuser-Inszenierung aufgegriffen wird – symbolisiert die abzulegenden Sünden. Einige haben ihn von zu Hause mitgenommen – vielfach wird er das letzte Stück in der Hand getragen, um ihn sich zu eigen zu machen, mit eigenen Gedanken zu füllen.

Pilgerort Cruz de Ferro (Foto: Wiki Commons)
Pilgerort Cruz de Ferro (Foto: Wiki Commons)
Pilger im aktuellen „Tannhäuser“ (Foto: Wilfried Hösl)
Pilger im aktuellen „Tannhäuser“ (Foto: Wilfried Hösl)

Dem Cruz de Ferro geht eine längere Strecke durch die Meseta voraus, eine extrem karge und eintönige Hochebene, deren Bewältigung vielfach als Katharsis, also als innere Reinigung erlebt wird. Das Ablegen des Steines schließt diese Läuterung symbolisch ab. Umkehren, Loslassen und Neuwerden sind wesentliche Motive heutigen Pilgerns. Der einzelne Stein ist in dem riesigen Haufen bald nicht mehr wiederzufinden. So individuell der Stein mit Belastendem gefüllt ist – keiner gleicht dem Anderen –, so wenig stört es, dass er in der Menge untergeht. Dass das eigene Schicksal sich im Ganzen verliert, ängstigt nicht, sondern schützt: Gerade an den eigenen Grenzen kann man sich nicht nur Gott, sondern auch den Mitpilgern anvertrauen, in der Gemeinschaft aufgehen – wie auch Tannhäuser sich der Gruppe der Rom-Pilger anschließt.

Pilgermotivationen – Sehnsucht nach Neuem


Für Tannhäuser verbindet sich mit dem Pilgern die Hoffnung, aus seiner existentiellen Krise herauszukommen. Auch heute steht das Pilgern für die Möglichkeit, eingefahrene Gleise zu verlassen und neue Wege einzuschlagen, ja selbst neu zu werden. Der Jakobsweg ist zum Sehnsuchts-Symbol geworden: Es gibt einen greifbaren Weg, der eine innere Wandlung verspricht. Pilgern ist zum Synonym geworden für diese Möglichkeit, aussteigen und sich verändern zu können. Ich bin dann mal weg – der Titel der Reisebeschreibung von Hape Kerkeling hat es zum geflügelten Wort gebracht. Der Bericht seiner Pilgerwanderung ist zum auflagenstärksten Sachbuch geworden, das jemals auf Deutsch erschienen ist. Auch wer nicht selbst loszieht, vergegenwärtigt sich gerne lesend, dass es diesen Sehnsuchts-Weg gibt. Pilgern passt in eine dynamische Gesellschaft, in der häufig der Wunsch formuliert wird, sich selbst zu entwickeln. Das zeigt die nach wie vor steigende Zahl der Pilger.

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Bereits Tannhäuser vergleicht in der sogenannten „Romerzählung“ seine Art zu pilgern mit der der anderen Pilger. Er empfindet seine Verzweiflung über sich selbst und seine Bereitschaft zur Buße als ausgeprägter als bei seinen Mitpilgern: „Wie neben mir der schwerstbedrückte Pilger die Straße wallt, erscheint mir allzu leicht: betrat sein Fuß den weichen Grund der Wiesen der nackten Sohle sucht ich Dorn und Stein.“ (3,3). Auch heute treffen auf dem „Camino“, dem Jakobsweg, unterschiedliche Pilgertypen aufeinander.

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Auf den Spitzenplätzen finden sich Motivationen, die miteinander verbunden sind. Pilger möchten zu sich selbst finden, was im Alltag anscheinend nicht gelingt. Darum wollen sie den Alltag, der als ablenkend und entfremdend empfunden wird, verlassen und einen geschützten Bereich der Stille, spirituellen Atmosphäre und der als bergend erlebten Natur suchen. Die Spannung zwischen dem Selbst des gewöhnlichen Lebens und dem, was man eigentlich ist oder sein möchte, artikuliert bereits Tannhäuser deutlich. Er will sich von seiner Haut befreien, die sich wie etwas Fremdes um ihn herum gelegt hat, um zu seinem Kern vorzustoßen. Tannhäuser möchte immer woanders sein, als er gerade ist. Er ist zerrissen zwischen dem – in Venus verkörperten – entfremdenden körperlich-erotischen Begehren und der durch die heilige Elisabeth verkörperten hohen Minne, von der er sich erhofft, zu sich selbst zu kommen: „Doch hin muss ich zur Welt der Erden, bei dir [Venus] kann ich nur Sklave werden; nach Freiheit doch verlangt es mich, nach Freiheit, Freiheit dürste ich: zu Kampf und Streite will ich stehn. Seis auch auf Tod und Untergehn!“ (1,2).

Fremdsein im eigenen Leben

Die Spannung der Entfremdung zwischen Sein und Sollen ist dem Pilgern in der christlichen Tradition zentral eingeschrieben. Augustinus bringt es in einem bekannten Diktum auf den Punkt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, Gott. Zu dir hin hast Du uns geschaffen.“ Augustinus beschreibt den Menschen als unfertig. Es steht noch etwas aus. Und diese Spannung gilt es nicht zu unterdrücken und das eigene Unterwegssein zu leugnen, sondern als Sehnsucht zu pflegen, weil sie dem Menschen Energie und Lebenssinn gibt. Zudem weiß Augustinus in Gott den Schöpfer und den Vollender identisch, so dass die Unruhe den Menschen nicht verunsichern muss, er sich vielmehr erwartungsvoll auf den Weg machen kann. Anthropologisch kann vom Menschen als welt- und gottoffenem Wesen gesprochen werden, das nicht festgelegt ist. Wenn der Mensch mit dieser Spannung von Sein und Sollen geschaffen ist, dann ist Unruhe eine gute Gabe, der Modus einer nach vorne orientierten erwartungsvollen Existenz.

Pilgern ist darum mehr als eine Urlaubsalternative, keine biographische Episode, sondern eine grundsätzliche Lebenshaltung, ein Existenzial: „Gäste und Fremdlinge sind wir auf Erden und sehnen uns nach dem besseren himmlischen Vaterland. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, formuliert das Neue Testament. „Fremdling“ wird lateinisch mit „peregrinus“ (Pilger) wiedergegeben. Der lateinische Begriff „peregrinus“ war ursprünglich kein religiöser, sondern ein juristischer Begriff: „Per egre“ bezeichnet den Menschen ohne römisches Bürgerrecht, der gleich einem Asylanten nur geduldet und somit fremd und unbehaust und darum auf der Suche nach seiner Heimat ist. Weil der Pilger im jetzigen Leben fremd ist, strebt er nach seiner Heimat, seinem eigentlichen Leben. Einen Pilgerweg aufzusuchen ist dann eine Methode, dieses Existenzial zu pflegen. Man löst sich aus dem Alltag, um den Blick auf das Eigentliche freizulegen, zu sich zu kommen, sich wie Tannhäuser aus seinen Verstrickungen zu befreien.

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Urlaub oder Selbstfindung?


Nicht allen, die tatsächlich auf einem Pilgerweg unterwegs sind, ist auch die innere Wandlung wichtig. Neben den spirituellen und religiösen Pilgern, für die Selbstfindung wichtig ist, finden sich auch Sport-, Spaß- sowie Urlaubspilger. Etwa die Hälfte derjenigen, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind, pilgern aufgrund bestimmter biographischer Auslöser, sei es die Bilanzierung am Ende des Berufslebens, eine persönliche Krise, die Notwendigkeit einer Auszeit oder ein bewusster Übergang in eine neue Lebensphase etwa nach Abschluss des Studiums.

Tatsächlich bewirkt das Pilgern sehr oft eine nachhaltige persönliche Veränderung: Anschließend lebt man einfacher, löst sich von materiellen Dingen, ist stärker im Hier und Jetzt zentriert und erlebt sich selbständiger und unabhängiger. Pilger erfahren sich offener und mit der Mitwelt wie auch religiös-spirituell stärker verbunden. Eine religiöse Haltung fördert intensive Erfahrungen beim Pilgern wie auch ihre Nachhaltigkeit im Alltag. Das Resümee fällt mithin deutlich positiver aus als bei Tannhäuser, dessen Bitte um Lossprechung nicht stattgegeben wird. Auch heute lassen sich Faktoren beschreiben, die Veränderung erleichtern und fördern. Zentral ist, eine möglichst große Alltagsdistanz aufzubauen. Man tritt – mit dem Pilgerzeichen der Muschel und einem bestimmten Habitus – bewusst in die Rolle eines Pilgers ein, lässt sich auf die damit verbundene Lebensweise ein: Schlafsaal statt Einzelzimmer, Handwäsche statt Waschmaschine, Frühstück auf der Wiese statt am Tisch. Der Pilger bricht die Kommunikation mit der Heimat ab, um ganz in dieser anderen Welt des Pilgerns zu sein. Er begibt sich auf einen stark vom Pilgern geprägten Weg, der ihn durch Legenden und Wegkreuze, Kirchen und Mitpilger in einen symbolisch aufgeladenen Raum und die Atmosphäre des Pilgerns hinein nimmt. Wer seine Unterkunft nicht reserviert, übt Vertrauen in das Unverfügbare und gibt der Gastfreundschaft eine Chance. Etappenlängen, bei denen man scheitern kann und üben, sich aus der Hand zu geben. Wer sein Gepäck selber trägt, lernt, Ballast auszusortieren, mit Wenigem auszukommen. In Besinnungen vertieft der Pilger sein Erleben und öffnet sich dem ganz Anderen. Alles zielt darauf, das Alltags-Ich abzulegen, sich fremd zu gehen, um nicht nur Neues zu sehen, sondern selbst neu zu werden.

Mauer, Cathrin

Lienau, Detlef

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