„Step inside!“

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Samstagmorgen: Bühnenprobe im Nationaltheater. Die Premiere von William Forsythes Artifact – die inzwischen mit grandiosem Erfolg stattgefunden hat – liegt noch in weiter Ferne. Der erste Eindruck: „Wow!“ – denn das Unisono einer riesigen Anzahl von Tänzern, deren gerade Linien sich im Hintergrund der Bühne treffen, prägt dynamisch pointiert den Bühnenraum. Man erkennt: Dies ist das Material, aus dem die Magie des Tanzes entsteht!

„Step inside!“ fordert die Dame im historischen Kostüm. Nun geht es weiter mit beeindruckend komplex gestaffelten Formationen zum Klavierspiel von Margot Kazimirska, die am linken Bühnenrand über den Flügel auf die Tanzfläche blickt. Sie hat diese Musik, Eva Crossman-Hechts Bach Variations auf der Basis der im 3. Akt gespielten Chaconne in d-moll, in denen phasenweise improvisiert wird, noch von der Komponistin selbst gelernt und begleitet Artifact seit vielen Jahren. Ein Mann mit Megaphon lädt die Tänzerinnen ein, in die Reihe zu treten. Es ist Nick Champion. Als „The Other Person“ wechseln sich Emma Barrowman und Silvia Confalonieri ab. „I never thought I would say this…“

Dritter Gast ist Kate Strong. Auch sie hat, wie Nick Champion, ihre Rolle der Frau in historischem Kostüm, als junge Tänzerin 1984 mitkreiert und spielte sie mit Pausen, in denen sie als Schauspielerin arbeitete, immer wieder. In München übernimmt sie diesen höfischen Widerpart zum Mann mit Megaphon im Wechsel mit Dana Caspersen, der versierten Forsythetänzerin bzw. -performerin. Es ist eine rätselhaft-irritierende Atmosphäre, die zum ruhigen Lauf des Klaviers die Worte umgibt, die diesen Szenenabschnitt begleiten.

Die Arbeit an der Szene geht weiter. Auf die Einzelkorrekturen durch Agnés Noltenius und Laura Graham, neben Noah Gelber zwei weitere Ballettmeisterinnen mit Passion, die Forsythe für die Einstudierung vorausgeschickt hat, folgen neue Instruktionen für alle. Ich halte im Mitschreiben inne … zu faszinierend ist die Vielfalt der Bewegungen!

Inzwischen dominieren die Männer die Bühne, umrahmt von einer linken, rechten und hinteren Reihe der Frauen. Die Musik, ihr Abbrechen und die Vollendung der musikalischen Phrasen durch das Händeklatschen der Tänzer erzeugen ein vielschichtiges Gewebe, einen von den Tänzerinnen und Tänzern mitgetragenen Klangteppich, auf dem sie zusätzlich tanzen, während auch der Text sich stets verändert. Als alles zur Ruhe kommt, appelliert Agnés Noltenius an alle: „You have to be strong as a group, not as a single person!“ Das klingt wie ein Abschied. Und richtig! Ich erwische sie gerade noch, bevor sie abfliegt, um in Hongkong mit dem dortigen Nationalballett Steptext von William Forsythe einzustudieren.

Auf der Bühne werden bereits die Scheinwerfer demontiert und der Tanzboden abgerissen, denn am Abend muss alles für die Opernvorstellung bereit sein. Auf dem Balkon des Zuschauerraums sitzt Noah Gelber mit den Münchner Ballettmeistern Colleen Scott, Cherie Trevaskis und Thomas Mayr noch am Regiepult. Sie halten gemeinsam die Ergebnisse dieser Probe fest.

Später werden im Ballettsaal die Pas de deux geprobt. Lucia Lacarra und Tigran Mikayelyan proben eine schwierige Drehung, die in eine Arabeske ausläuft. Laura Graham macht ihnen einen Vorschlag, und plötzlich gelingt es leichter und besser. Dann gibt sie die eben gefundene Hilfestellung verbal an die anderen vier Paare weiter, und jeder versteht. Beide Ballettmeister gehen herum, jedes der fünf Paare arbeitet für sich. Lucia Lacarra und Tigran Mikayelyan umschlingen sich phänomenal, kommen zum Ende ihrer Sequenz und nicken sich triumphierend zu.
Während die Probe alle Teile des Pas de deux durchläuft, ist es auch interessant, die verschiedenen Typen der Tänzer zu beobachten. Die Spanierin Alba Sempere mit ihrem Partner Léonard Engel, beide erstmals für eine so große solistische Aufgabe besetzt, strahlt ständig, weil sie sich über diese neue Herausforderung freut. Doch noch fühlt sich das Neue nicht gut an! Zweifellos liegt es an der größeren Erfahrung, dass Lucia Lacarra und Tigran Mikayelyan sich die Bewegung schneller zu eigen gemacht haben.

Doch noch ist diese Tagesarbeit nicht ganz zu Ende, denn auch Laura Graham muss an diesem Abend abreisen. In einem kleineren Studio demonstriert sie deshalb für die Münchner Ballettmeister mit lautem Zählen, was in der nächsten Woche geprobt werden muss. Cherie Trevaskis filmt das mit einer kleinen Handkamera, während die ehemalige Forsythe-Tänzerin zwischen verschiedenen Rollen und Gruppen von imaginierten Tänzern hin und her springt und die wichtigsten Qualitäten hervorhebt.

Noah Gelber bezeichnet als größtes Talent von William Forsythe, dass er verstanden hat, wie man mit verschiedenen Menschen umgehen muss. „Er zielt nicht auf etwas, das festgelegt ist, sieht Tanz nie als Museum, sondern gibt Optionen, bietet den Tänzern die großzügige Einladung an, Neues zu tun. Doch sie müssen sich darüber Rechenschaft ablegen, dass das, was sie auf der Bühne zeigen, alles beinhaltet, was sie in all den Jahren erarbeitet haben. Als Athleten auf höchstem Niveau und Experten des Tanzes müssen sie mit vollem Einsatz all ihr Können und Wissen zeigen. Forsythe fragte einmal: „Do you go to the theatre to just see s.th. good?“ und antwortete selbst: „No, you go to the theatre to see art – without any limit.”

Kommentare

  • Am 04.06.2010 um 23:21 Uhr schrieb Ingrid

    Herzlichen Dank an Herrn Fürst für den sehr aufschlussreichen Bericht, denn so leicht war diese Choreographie von William Forsythe für den "normalen" Ballettbesucher ja wirklich (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht zu verstehen. Erst beim 2. Mal wurden mir einige Zusammenhänge klarer, obwohl ich das Gefühl hatte, nach der Pause würden ein, zwei Teile des Puzzels zum besseren Verständnis fehlen. Zu meinen Lieblingen wird diese Choreographie aber leider wohl nie gehören, da für mich einfach zu laut, zu hektisch und zu dunkel. Getanzt wurde natürlich, wie immer, ganz großartig.

    Danke auch an Herrn Loermans, der sich inzwischen ja zusätzlich noch zu einem sehr guten Fotografen entwickelt hat. Sein Film ist aber offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt oder finde ich ihn nur nicht?

    Herzliche Grüße

  • Am 05.06.2010 um 22:21 Uhr schrieb Ingrid

    PS. Habe leider nicht genau genug gelesen. Herr Loermans hat natürlich fotografiert, nicht gefilmt und wie schon geschrieben, macht er das wirklich meisterlich.

  • Am 10.06.2010 um 18:06 Uhr schrieb Marius

    Die irisierende Schönheit der in "Artifact" zu sehenden Tanzbewegungen, die vieles von ihrer Sogwirkung durch den notwendigen Synchronismus erreichen, ist atemberaubend. Schon dieses Schreiten, diese so Schreiten können - wie viele Jahre braucht es, um nur mal diese an sich banale Bewegung automatisiert so zu verinnerlichen, dass man gar nicht mehr anders kann, als in dieser künstlerisch so lebendigen Anmut es so zu machen und in ihr so gleich zu machen, dass das Individuelle jetzt nicht erkannt wird.

    In aufrichtiger Bewunderung,

    Marius

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