Statt einer Konzeptionsprobe

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An die Beteiligten der Urlesung von “Rein Gold” am 1. Juli im Prinzregententheater (statt einer Konzeptionsprobe)

Liebe Freunde und Mitstreiter,

der Termin für die “Urlesung” rückt näher. […] Hier ein kurzer Abriss des derzeitigen Standes der Planung. […]

Formale Eckpunkte

Die Idee ist ja tatsächlich, diesen Text in seiner Gesamtheit erstmals auf einer Bühne zu Gehör zu bringen – und das ohne vorherige Proben!

Wie schon bei der Wiener Urlesung der “Kontrakte” wird das direkte Lesen des Textes im Mittelpunkt stehen – es befinden sich aber auch jede Menge anderer Theatermittel am Start, wie zum Beispiel Musik, Video und ein kleiner Kostüm- und Requisitenfundus, alles Dinge, auf die man zurückgreifen kann, damit auf der Bühne eine theatralische Entsprechung zur Energie des Textes erzeugt werden kann.

Wie schon in Wien wird auch die Aufteilung des Textes live geschehen. Es gibt also keine Fassung, jeder wird mit den gleichen 133 Seiten an den Start gehen, alles übrige (wer was spricht und wo er dafür auf welche Art und in welchem Kostüm und welcher Haltung sich befinden wird – die ganzen üblichen Fragen eben) wird live oder sehr kurzfristig vorher geklärt werden (oder auch gar nicht).

Wer gerade nicht spricht, kann sich auf stumme Art zum Text verhalten – sei es, dass er Video-Bilder erzeugt oder Musik macht oder sonst welche Aktionen ausführt (keine Sorge: die Erfahrung zeigt, dass es nicht nötig ist, dass ständig alle in Aktion sind). Man kann also auch jederzeit mal Pause machen und die Dinge einfach kommen lassen, gerne auch auf der Bühne, auf der wir entsprechende Möglichkeiten (Sitzecke, Rauchtisch) dazu aufbauen werden. Kein Unterhaltungs- oder Leistungszwang!

Genau von dieser Ausgangssituation erwarte ich mir die spezielle Energie des Abends: […] Wenn man diesen Text nämlich im Kollektiv liest, zudem laut und vor Publikum auf einer Bühne, dann beginnt er im besten Fall, selber zu denken! Er wird dann verstehbar, auch wenn man selbst den Eindruck hat, überhaupt nichts zu verstehen. Um diesen Effekt geht es mir bei dieser Form der “Urlesung”.

Also: Denkt euch nichts aus, nehmt euch nichts vor. Lasst die Dinge im Moment kommen, wie sie kommen. […]

Alles, was klar ist, ist, dass diese 133 Seiten auf irgendeine Weise auf dieser Bühne vorgetragen werden (das kann wie immer natürlich auch mit Gesang sein oder auch mal mit Computerstimme oder nur per Video-Projektion oder einfach leise gelesen, gedacht also).

Die Seiten werden wieder – wie bei “Kontrakte” – auf einer Anzeigentafel heruntergezählt, die Türen des Saals bleiben offen, es gibt keine Pause und die Zuschauer können kommen und gehen, wie sie wollen. Es dauert so lang wie es dauert und es wird so wie es wird.

Ein bisschen Verlorenheit, Verwirrung und Panik sind dabei bekanntlich ja immer eine ganz gute Theaterenergie.

Die Zuschauer sollen erleben, wie wir uns live und im Moment mit dem Text beschäftigen. Es wird eine große (musik-)theatralische Jam-Session – auf der Basis eines großen (musik-)theatralischen Textes. […]

Das Stück

Bei Elfriede Jelineks “Rein Gold” handelt es sich um einen Text, der eine typisch Jelineksche Überschreibung des Wagnerschen “Rings” vornimmt. Im Zentrum stehen dabei die ökonomischen Aspekte, vor allem Marx und dessen politische Ökonomie werden auf den “Ring” angewandt, was erstaunlich gut klappt: Schließlich ist der Ausgangspunkt der “Ring”Geschichte der nicht gezahlte Lohn an die Riesen für deren Lohnarbeit – der nicht zurückgezahlte “Kredit” fürs Eigenheim – und das Thema der Tetralogie die Gier nach Gold und Macht und deren Fallstricke. Nicht eingehaltene Verträge, das verfluchte Gold, der Schatz, der immer wandert, aber – anders als das Kapital – nicht mehr wird, die Arbeit, das Geld und die Liebe – all das wird von Jelinek immer wieder übereinandergelegt und in immer neuen Sprachspielen miteinander verwurstet. Dazu mischt sich zunehmend auch tagesaktuelle Gegenwart in den Sprachfluss: Die Finanz/Euro-Krise oder auch die rassistischen Morde der NSU. […]

Die Beteiligten

Außer den Schauspielern (Philipp Hauß, Irm Hermann, Daniel Lommatzsch, Rudolf Melichar, Josef Ostendorf, Birgit Minichmayr, Sebastian Rudolf, Myriam Schröder und Almut Zilcher), den Musikern Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, Claudia Lehmann vom Video und mir als Live-Regisseur und -Musiker wird es noch vier Sängerinnen (Magdalena Bränland, Iulia Maria Dan, Theresa Holzhauser und Olivia Vermeulen) und einen Korrepetitor sowie ein Symphonieorchester (das Münchner Patent-Orchester unter der Leitung von Folko Jungnitsch) geben.

Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf dieses Projekt und finde es sehr schön, dass die Arbeit der “Schnellen Theatralen Eingreiftruppe” nach “Die Kontrakte des Kaufmanns” hiermit weitergeführt wird und das auf eine sehr konsequente und mutige Weise. […]

Vielen Dank noch mal, dass Ihr Euch auf dieses Experiment einlasst, ich denke, wir werden viel Spaß haben und bestimmt etwas Aufregendes zusammen erleben.

Wir sehen uns dann in München, viele Grüße,
Euer Nicolas

PS: Eine Sache noch: Die Fußballergebnisse werden natürlich eingeblendet und man kann das Spiel auch von der Bühne aus im Fernsehen verfolgen. Auf diese Art wird es Teil der Veranstaltung. Aber wir werden natürlich eh viel länger dauern. Es ist also möglich, beide Veranstaltungen gleichzeitig zu gucken – die Leute, die unbedingt Fussball gucken wollen, können ja dann vor und nach dem Spiel zu uns kommen.

Kommentare

  • Am 28.06.2012 um 18:51 Uhr schrieb Annette Jagla

    Cool!!! Und schade, dass ich am 1. Juli leider in Hamburg bleiben muss...

  • Am 02.07.2012 um 16:12 Uhr schrieb lorenzodaponte

    Ein echter Höhepunkt der Opernfestspiele. Wenngleich: Christoph (Sch.), wo bist Du? Was hätte Deine Pranke nicht alles aus, zu, mit diesem Text gemacht...?

  • Am 06.07.2012 um 17:51 Uhr schrieb chris

    gibts hierzu eine nachkritik?
    wie lange hat das stück denn gedauert?
    wie verplant war die organisation? der regisseur erlaubt den besuchern getränke und essen mit ins theater zu nehmen da keine pause - draussen kam es dann zu tumulten zwischen besuchern und aufpassern - letztere waren nicht informiert was drinnen vor sich geht - flugs wurden dann im foyer zettel aufgehängt dass dies ein missverständnis sei und man nun doch nichts mit ins innere des theaters nehmen durfte...

    bei soviel chaos vor ort hatte der text ja richtig struktur... die spießigkeit der theaterleitung passte nicht zum stück und darum bin ich dann vier stunden heim...

    dennoch würde mich eine offizielle kritik interessieren - wie es denn war, dauer, etc...
    nach vier stunden waren ja nur noch etwa 90 personen im theater....

    wer kann mir hinweise geben? in der sz stand auch keine kritik...

    zwischendurch gab es längen zwischen blatt 129 und blatt 75 aber an manchen stellen war das enorm prächtig - insbesondere während der männlichen sprechstimme die an der rechten bühnenbegrenzung lehnte und unendlich lange, unglaublich gut aus dem skript ablas!!! großes lob!!
    auch an den regisseur und den beteiligten!

  • Am 14.07.2012 um 19:33 Uhr schrieb Troll

    Dafür daß es so gut gemacht war und sogar kurzweilig, finde ich es unverständlich so spät zu beginnen, ich mußte nach 55 Seiten gehen um den letzten Zug nicht zu verpassen.

  • Am 26.08.2012 um 22:50 Uhr schrieb Martin

    Bin mit Tunick-Freikarte hin und hatte noch eine Karte für meine Frau erworben. Uns schwante schon nichts Gutes nach dem Vorbericht in der SZ, in dem auch von der vermutlichen Dauer die Rede war. Leider wurden diese Erwartungen ? soweit für uns erfahrbar ? erfüllt: Plumpe Gesellschafts- bzw. Kapitalismus-Kritik, man konnte wenig an geistigen Anregungen "mitnehmen". Sind dann ? wohl als Erste ? nach 1 Stunde gegangen (so etwas machen wir sonst nicht) und unsere neugewonnene Freiheit entlud sich draußen erstmal in einem lauten Jubler.

    Warum startete man nicht schon um 17 Uhr, sondern erst um 20 Uhr? Die Garderobieren wussten übrigens zu Beginn noch nichts von der vermutlichen Dauer des Stücks. Sie stehen wohl am untersten Ende der künstlerischen Hierarchie...

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