So war's beim Papst

TourneeVatikanOrchester

Vielleicht ist das Gefühl ganz ähnlich wie beim ersten Besuch in der Oper: eine gespannt wartende Menschenmenge, festliche Stimmung, ein roter Vorhang, der sich immer wieder leicht bewegt. Mit dem Unterschied allerdings, dass sich dieser Vorhang nicht auf der Bühne, sondern genau auf der entgegen gesetzten Seite, dem Eingang zum Zuschauerraum befindet. Und dass die Hauptperson des Abends im Auditorium sitzen wird.

Wir warten auf Benedikt XVI., das geistliche Oberhaupt von 1.181.000.000 Katholiken. Das Bayerische Staatsorchester und sein GMD Kent Nagano, vier Solisten und die Audi Jugendchorakademie sind nach Rom gereist um für den Papst zu musizieren. Anton Bruckner, der vielleicht katholischste aller Komponisten, steht auf dem Programm. Und mit genau sieben Minuten Verspätung kommt der Papst dann auch durch den Vorhang. Raunen, Applaus, gezückte Fotohandys überall. Benedikt geht in seinen roten Schuhen über den roten Teppich, lächelt, winkt. Schließlich nimmt er in der Mitte der Halle Platz; das Konzert beginnt.

München: 3 Grad. Rom: 19 Grad

Der Morgen des 22. Oktober indes hat deutlich unglamouröser begonnen. Um 7 Uhr soll der Bus zum Münchner Flughafen fahren. Müde trudeln die Musiker des Bayerischen Staatsorchesters am Marstallplatz ein. Es ist spätherbstliche 3 Grad kalt, schnell rein in den Bus. Dann, zum Flughafen, über die Alpen geflogen und wieder in den Bus durch die römische Peripherie Richtung Vatikan. Diesmal zeigt das Thermometer im Bus allerdings satte 19 Grad an.

Zwei Plätze neben mir im Bus sitzt Christa Pfeffer, Kent Naganos Assistentin. Aufgeregt führt sie ein Telefonat nach dem anderen: Der große Koffer des Chefs ist tags zuvor bei seiner Anreise abhanden gekommen. Darin ist neben einigen Partituren, die er im Anschluss ans Konzert in Montreal benötigt, auch sein Frack. Immerhin, die Bruckner-Partituren, die Nagano heute Abend brauchen wird, waren im Handgepäck. Leichte Verzweiflung macht sich breit – laut Lufthansa existiert keine Spur des Koffers.

Der Verkehr wird dichter, die Bausubstanz historischer. Wir nähern uns dem Vatikan. Unmittelbar neben dem Petersdom befindet sich die Audienzhalle des Papstes, in der heute Abend das Konzert stattfinden wird. Ein 60er-Jahre-Bau, der trotz höchsten architektonischen Wollens kaum vatikanische Pracht verströmt. Nach einer ausgesprochen kurzen Mittagspause geht es für die Musiker und den Chor auch schon los mit der Probe. Die akustischen Bedingungen erweisen sich als schwierig. Kent Nagano selbst legt Hand an und arrangiert den Aufbau des Orchesters neu, bis die Sitzordnung schließlich zu seiner Zufriedenheit ausfällt. In zwei Probenstunden perfektioniert er sein Brucknersches Klangideal, passt es dem Raum an und beschließt die Probe mit den Worten: „Das wird ein schönes Konzert heute Abend.“

Der Erzbischof hat sich für das Konzert eingesetzt

Zwischenzeitlich trifft Intendant Nikolaus Bachler die mitgereisten Pressevertreter und einige Rom-Korrespondenten. Wie es denn eigentlich zu diesem Gastspiel gekommen sei, wird er gefragt. Fünf Jahre bereits liegen die ersten Gespräche zu diesem Konzert zurück: Durch den jährlichen Festspielgottesdienst bestehen enge Bindungen zwischen der Erzdiözese und der Bayerischen Staatsoper. Reinhard Marx, Kardinal und Erzbischof von München und Freising, setzte sich beim Vatikan für Kent Nagano und seine Musiker ein – und schließlich erging die Einladung des Papstes, über die sich die Musiker und ihr musikalischer Chef natürlich außerordentlich freuten.

16 Uhr. Langsam rückt der Konzertbeginn näher. Einige Schweizergardisten in ihren traditionellen Uniformen beziehen Position am Eingang, außerdem gibt es noch einige Einlassdiener, wahlweise in Frack oder Gehrock. Stilbewusstsein, das muss man sagen, hat die Kirche ja durchaus. Langsam nimmt die Priester- und Kardinalsdichte in der Audienzhalle erheblich zu. Doch auch viele Münchner Gesichter sind im Publikum zu sehen – Stammgäste, Sponsoren, Freunde des Hauses, Politiker.

Plötzlich eilt ein Mann mit Rollkoffer an uns vorbei. Aus irgendeiner Ahnung heraus deutet die neben mir stehende Kollegin auf den Rollkoffer und fragt: „Kent Nagano?“ Er nickt und läuft weiter. Na, Gott sei Dank – nun kann der Maestro also doch noch seinen eigenen Frack tragen.

„Danke für das große Geschenk“

Das Konzert beginnt mit Bruckners Te deum – ein Werk, das mit gewaltiger Lautstärke die Frömmigkeit seines Komponisten in Musik zementiert. Doch trotz der zweifelhaften Akustik der Audienzhalle gewinnt das Werk durch die jungen, transparenten Stimmen der Audi Jugendchorakademie – und erhält an diesem Ort eine völlig neue Plausibilität. Ergriffenheit im Auditorium, so scheint’s.

Danach schließt sich die unvollendet gebliebene 9. Symphonie an, Bruckners Abschiedswerk, das er der Überlieferung nach „dem lieben Gott“ zugeeignet haben soll. Ein Stück Musik, das wohl nirgends besser aufgehoben ist als hier, im Herzen der katholischen Kirche. Der Begeisterung der Zuhörer im Anschluss steht diejenige Kent Naganos gegenüber. Einem Journalisten wird er später sagen: „Wir haben alle Besonderes gefühlt, waren zutiefst inspiriert und motiviert. Hier im Vatikan fühlt man Musik in einer anderen Perspektive. Aber es ist schwer, dieses besondere Erlebnis in banale Worte zu fassen.“

Benedikt scheint das Konzert ähnlich erlebt zu haben. In seiner Ansprache im Anschluss an das Konzert dankt er allen Beteiligten für „das große Geschenk“. Es folgt eine breit angelegte theologische Deutung von Bruckners Werk. Und nachdem er den Anwesenden den päpstlichen Segen geschenkt hat, verschwindet er wieder. Mit seinen roten Schuhen über den roten Teppich, hinaus durch den roten Vorhang. Aus Vatikankreisen hört man übrigens, durch die Kombination aus roten Schuhen und rotem Teppich solle der Eindruck entstehen, der Papst schwebe. Klar – gekonnte Inszenierung war schon immer ein Spezialgebiet der katholischen Kirche. Und da ist die Oper dann plötzlich gar nicht mehr so weit vom Vatikan entfernt.

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