Seitenwechsel: Für zwei Wochen vom Zuschauer zum Darsteller

BallettChinaDer Widerspenstigen ZähmungTournee

Es ist schon ein spannendes Gefühl, mit dem Ensemble auf der Bühne zu stehen, wenn man gewöhnlich aus dem Zuschauerraum die Tänzerinnen und Tänzer bewundert. Die China-Tournee des Bayerischen Staatsballetts bot mir die einmalige Gelegenheit, den Orchestergraben – die deutlich sicht- und hörbare Grenze zwischen Publikum und Künstlern – zu überschreiten und selbst ein Teil des Kunstwerks zu werden. Inklusive Applaus, den man bis dahin immer selbst spendete.

Eine Welt tut sich auf, die dem Theatergänger, und geht er auch noch so oft ins Theater, verborgen bleibt. Emsiges Treiben. Eine gewaltige Stage-Crew – in diesem Fall deutsch-chinesisch – bestehend aus Bühnentechnik, Licht, Inspizienz, Maske, Kostüm, Requisite, Deko und vielen anderen Abteilungen, allen voran die Reiseleiter Bettina Kräutler und Christian König, arbeitete mit Hochdruck am Gelingen eines jeden Abends. Sechs Vorstellungen galt es für mich zu bestreiten. Als Statist versteht sich, die großen Partien sollten den Großen überlassen bleiben.

Gewandet im schwarzen, venezianischen Karnevalskostüm zog nun also ein großer Ballettfan Abend für Abend im Laufschritt den Zwischenvorhang aus bunten Bändern. Voller Elan. Von rechts nach links, um Petrucchios Haus zu verdecken, und später wieder von links nach rechts, um entsprechende Wohnräume dem Blick des Publikums erneut freizugeben. „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, sagt man so schön. Bedenkt man die aufzubringende körperliche Anstrengung, die dieser eigentlich leicht wirkende Zwischenvorhang einem abringt, kann auch das bestgenähte Kostüm nicht immer durchhalten. Da wird man schnell zum ‚Backstage-Abonnenten’ in der Kostümabteilung. Einen Dank an dieser Stelle an die fleißigen Damen mit ihrer flinken Nadel und der großen Geduld, die auch nach dem dritten Riss im Stoff nicht an meiner Bühnentauglichkeit zweifelten.

Die wunderbarste Erfahrung war sicherlich, die gesamte Compagnie und alle Mitarbeiter einmal näher kennenzulernen, selbst an den Proben und den Arbeitsabläufen teilzuhaben und gemeinsam den Feierabend zu zelebrieren. Stolz auf die eigene Leistung und die des Ensembles. Heimweh kam nicht auf, sogar für das Münchner Feierabendbier war gesorgt: Im Paulanergarten Shanghai. Die nächste Vorstellung der „Zähmung“ wird dann wieder vom Zuschauerhaus aus verfolgt; allerdings mit dem Wissen, wie es ist, wenn man mittendrin ist.

Kommentare

Neuer Kommentar