Sakraler Sound

La Forza Del DestinoOrgelBühnenmusikOrchester

Ob das „Te deum“ in Tosca, der Gang zum Münster in Lohengrin oder die Klosterszene in La forza del destino: Immer wenn es in einer Oper sakral wird, kommt die Orgel ins Spiel. Doch wer spielt sie eigentlich? Und wo steht das Instrument? Wer noch so eifrig im Orchestergraben sucht: Dort ist weder Spieltisch noch Organist zu finden. Wir haben mal nachgesehen, woher der sakrale Sound eigentlich kommt.

Neben dem Orchestergraben, seitlich eines langen Flures, neben einem Instrumentenlager, den Umkleide- und Aufenthaltsräumen der Orchestermusiker steht er in einem wenig ansehnlichen Büroraum: ein großer Orgeltisch. Gregor Raquet, der Leiter der Bühnenmusik der Bayerischen Staatsoper und in den meisten Fällen auch der Organist des Hauses, erklärt, wie sie funktioniert. Bei der Orgel im Nationaltheater handelt es sich um ein elektronisches Modell, denn so gut wie kein Opernhaus verfügt mehr über eine klassische Pfeifenorgel. An der Bayerischen Staatsoper wurde bereits beim Wiederaufbau des Hauses eine elektronische Orgel eingebaut, das jetzige Modell ist etwa 20 Jahre alt.

Erstes und größtes Problem beim Spiel ist die räumliche Trennung vom Orchester. Zwar sieht der Organist über einen Bildschirm den Dirigenten, doch ist er akustisch vollkommen abgeschottet. Die Tonübergabe aus dem Zuschauerraum erfolgt leicht zeitversetzt. Über einen Lautsprecher kann der Organist nur den Gesamtklang der Aufführung, so wie ihn auch das Publikum hört, wahrnehmen, nicht aber das, was er selbst spielt. Es gehört also eine gehörige Portion Erfahrung und die Kenntnis der akustischen Gegebenheiten des Nationaltheaters dazu, den Orgelklang beim Publikum so ankommen zu lassen, wie er ankommen soll.

In den meisten Fällen sitzt Gregor Raquet selbst an der Orgel, aber auch die Repetitoren des Hauses spielen sie gelegentlich. Nur in Ausnahmen werden Organisten von außen geholt. „In den meisten Opern sind die Stellen für Orgel spieltechnisch sehr simpel“, erklärt er. „Doch bei Werken wie Babylon oder Die Soldaten müssen wir studierte Organisten holen – da wird’s für uns schwierig.“

Die Lautsprecher für die Orgel sind an verschiedenen Stellen angebracht und werden unterschiedlich angesteuert – je nachdem, welche akustische Anmutung im Zuschauerraum erzeugt werden soll. Zwei Boxen sind seitlich im Bühnenportal verborgen. Hier ist die Orgel akustisch am nächsten am Orchester und mischt sich optimal mit dessen Klang. Zwei weitere Lautsprecher hängen auf der Hinterbühne: So kann ein „szenischer“ Eindruck erweckt werden. Und schließlich ist auch in den beiden Engelslogen, ganz oben im Proszeniumsbogen, jeweils ein Lautsprecher verborgen – der Klang kommt also aus der Höhe.

Pannen gab’s freilich auch schon: Während der laufenden Vorstellung wollte eine Kollegin nur ein bisschen an der Orgel üben – doch die Lautsprecher waren falsch eingestellt und der Ton wurde in den Zuschauerraum übertragen. Gelegentlich kommt es aber auch vor, dass während der Aufführung ein Orchesterkollege im Raum nebenan zu üben beginnt. „Über die Belüftungsrohre klingt das dann so, als ob er direkt neben mir stünde“, sagt Gregor Raquet. „Besonders arg ist das natürlich bei Blechbläsern oder Schlagzeugern. In solchen Momenten bin ich leicht überfordert und weiß nicht so recht, ob ich die Sänger auf der Bühne oder den Kollegen nebenan begleiten soll.“

Die mystisch-sakrale Stimmung, die die Orgel vermittelt, ist in vielen Opern wie Il trovatore, Werther oder Palestrina unabdingbar. Doch wenngleich viel unauffälliger, wird die Orgel auch anderswo verlangt. Wussten Sie zum Beispiel, dass Wagner am Beginn des Vorspiels zum Rheingold das berühmte Kontra-Es nicht nur von den Bässen sondern zusätzlich von der Orgel gespielt wissen will? Auch in Die Frau ohne Schatten und Salome ist die Orgel in der Partitur vorgesehen, doch dient sie hier mehr der Klangfarbe und wird nicht solistisch eingesetzt.

Besonders eindrucksvoll freilich kommt die Orgel im Finale des zweiten Akts der Neuinszenierung von La forza del destino zur Geltung: In den völlig abgedunkelten Zuschauerraum klingt sie hinein, erst nach einer Minute geht das Licht im Orchestergraben an. Die Geigen setzen mit einem Tremolo ein, darüber schwingt sich die Solovioline. Der Vorhang öffnet sich.

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