Sängerkriege gestern und heute

05.07.2017

„Dieses Jahr bei Oper für alle: Wagners Tannhäuser“ – diese Ankündigung ist streng genommen nur die halbe Wahrheit. Denn vollständig lautet der Titel der Oper ja bekanntlich Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg. Erst der vollständige Name macht deutlich, dass das Stück zwei verschiedene Sagenkreise zusammenführt: den um den Titelhelden Tannhäuser und den legendären Sängerkrieg auf der Wartburg. Zwar nimmt Wagner es dabei mit den historischen Fakten nicht so genau, trennt aber die Themen formal voneinander ab. Der erste und dritte Aufzug basieren auf dem Tannhäuser-Stoff. Sie umrahmen den zweiten Aufzug, dessen Vorlage Erzählungen vom mittelalterlichen Sängerkrieg auf der Wartburg sind – der Sängerkrieg bildet also das dramaturgische Zentrum der Oper.

Im Sängerkrieg geht es natürlich nicht um einen „mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikt“, wie der Duden das Wort „Krieg“ definiert. Die Sänger kämpfen mit ihren eigenen Waffen – den gesungenen Worten. Und Worte können ebenso verletzen wie Schwerter oder Maschinenpistolen. 
Auch Wagners Gastgeber des Sängerkriegs, Landgraf Hermann, beschreibt in der Begrüßung diese unterschiedlichen Dimensionen des Kampfes: „Wenn unser [der Ritter] Schwert in blutig ernsten Kämpfen stritt für des deutschen Reiches Majestät, wenn wir dem grimmen Welfen widerstanden und dem verderbenvollen Zwiespalt wehrten: so ward von euch [den Minnensängern] nicht mindrer Preis errungen. Der Anmut und der holden Sitte, der Tugend und dem reinen Glauben erstrittet ihr durch eure Kunst gar hohen, herrlich schönen Sieg.“

Es treten anschließend die sechs Kontrahenten Tannhäuser, Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Biterolf, Heinrich der Schreiber und Reinmar von Zweter (teilweise historische Personen; sozusagen die Sängerstars ihrer Zeit) im Dichterwettstreit gegeneinander an. Sie stellen sich der Preisfrage des Landgrafen: „Könnt ihr der Liebe Wesen mir ergründen?“ und präsentieren ihm und der Hofgesellschaft ihre Sang-Dichtungen. Der Ausgang des Wettsingens bleibt jedoch ungewiss: Nachdem es zum Eklat um Tannhäusers Preislied der Venus gekommen ist, wird ein Sieger nicht mehr gekürt.

Moritz von Schwind: Der Sängerkrieg, Fresko 1855 (© Wikipedia Commons)
Moritz von Schwind: Der Sängerkrieg, Fresko 1855 (© Wikipedia Commons)

Nicht nur im Mittelalter war der Wettstreit mit Worten und Musik ein probates Mittel,  Meinungen auszutauschen und Konflikte auszutragen. Der Agon in der antiken griechischen Kultur, die bukolische Dichtung oder regionale Ausprägungen des Sängerkriegs, wie sie etwa in manchen hessischen Dörfern oder in Trarbach im Rheinland zu finden sind, sind Zeugen dieser Praxis. In zahlreichen außereuropäischen Kulturkreisen werden traditionelle Reim-Wettkämpfe heute immer noch gepflegt. Beispiele hierfür sind die westafrikanischen Griots oder die tartışma in der Türkei und Aserbaidschan. Auch bei den Inuit im hohen Norden tritt man im Wortduell gegeneinander an. Gerade im bitterkalten und dunklen Winter, in dem mehrere Inuitfamilien in großen Steinhäusern zusammen wohnen und Frieden halten müssen, werden kleinere Delikte wie Beleidigungen, Verleumdungen oder Diebstähle, im Gesangsturnier verhandelt. Bei den Duellen stehen aber nicht nur die beiden Kontrahenten im Ring – das Publikum hat einen großen Anteil am Ausgang des Wettkampfs. Es hetzt, hechelt, schreit und feuert die Duellanten an. Wer am Ende gewinnt, bekommt Recht.

Die vielleicht jüngsten Formen des verbalen Schlagabtauschs sind das Rap-Battle und der Poetry Slam. Im Rap-Battle wird in gewaltfreier Weise die Stellung der Kontrahenten innerhalb der Szene ausgehandelt. Disstracks, die die beiden Rapper sich im Battle hin und her werfen, beziehen sich oft auf (angeblich) fehlende Rap-Skills des anderen und stellen dessen Realness und Credibility in Frage. Gleichzeitig präsentiert man natürlich auch seine eigenen Fähigkeiten. Ganz anders im Poetry Slam – hier geht es nicht darum, sich im direkten Call-and-Response-Duell mit seinen Mitstreitern zu messen, sondern selbstgeschriebene, poetische Texte mit literarischem Anspruch zu performen. Die Rolle des Publikums wird hier noch einmal aufgewertet – es entscheidet am Ende über Sieg und Niederlage.

Im Sängerkrieg auf der Wartburg gibt es noch keinen Sieger - das wollen wir ändern! 
In einem Slam im Rahmen von Oper für alle am 9. Juli 2017 werden mit Bas Böttcher, Timo Brunke und Bumillo drei Meister des deutschen Poetry Slams ihre Antworten auf die Frage nach der wahren Liebe geben. Den Sieger kürt selbstverständlich das Publikum.

Oper für alle
So, 9. Juli 2017, 18.00 Uhr
Dank BMW ist der Eintritt frei (kein Ticket benötigt)

Mauer, Cathrin

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