Romantisch, kokett, majestätisch

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den Auftakt der Serie bildet die Orchesterhauptprobe zu George Balanchines Jewels am 24. Oktober 2018.

Romantisch, kokett, majestätisch – George Balanchines „Jewels“ präsentiert vom Bayerischen Staatsballett

von Julia Lipold

Das Bayerische Staatsballett eröffnet die Saison mit George Balanchines Jewels. Die drei Teile des Balletts Emeralds, Rubies, und Diamonds sind nicht durch eine stringente Handlung miteinander verbunden, somit können diese in beliebiger Reihenfolge oder auch einzeln aufgeführt werden. Der inhaltliche Zusammenhang ergibt sich durch die Zuschreibung zu spezifischen Juwelen, von denen sich Balanchine inspirieren lies – er liebte die Farben und die Schönheit der Edelsteine. Die drei Teile unterscheiden sich sowohl in Bewegungsmaterial als auch in der Auswahl der Musik deutlich voneinander. Emeralds besticht durch ruhige, romantische Motive von Gabriel Urbain Fauré mit fließenden Bewegungen der Tänzer, die durch große Formationen den gesamten Bühnenraum nutzen. In Rubies sind die jazzigen Klänge Igor Strawinskys zu hören mit einer Choreographie, die sich deutlich von den anderen zwei Teilen abhebt. Abschließend demonstriert Diamonds das imposante Ballett des imperialistischen Russlands zur Musik von Peter I. Tschaikowsky mit großen, eleganten Körperbewegungen voll Grazie. Alle drei Teile sind durch die Einbindung von Momenten des Schreitens verbunden. Während es in den beiden langsameren Teilen Emeralds und Diamonds ein Gehen ist, kann in Rubies ein fast rhythmisches Joggen oder Laufen erkannt werden.

Emeralds wird in einem grünen Bühnenbild mit smaragdgrünen Glitzergirlanden getanzt. Auch die Kostüme fügen sich durch mintgrüne Röcke und dunkelgrüne Oberteile mit funkelnden Smaragden in den Hintergrund ein. Der erste Teil ist geprägt von dem Wechsel zwischen Gruppentänzen, Pas de deux, Soli und Pas de trois. Das Ballett beginnt mit dem ersten Solo-Paar und zehn Tänzerinnen. Während sie von dem Paar umtanzt werden, nutzen sie den Bühnenraum durch einen stetigen Wechsel von kreisförmigen und diagonalen Formationen mit der Betonung auf fließende Armbewegungen und Spitzentanz. Die einzelnen Tanzpaare heben sich durch signifikante Unterschiede im Bewegungsmaterial voneinander ab. Dieses reicht von langsamen Drehungen und ruhigem Schreiten bis hin zu schnellem Hüpfen und kleinen Sprüngen.

In der Bühnendekoration von Rubies dominiert trotz der vielen roten Fäden und Girlanden die Farbe Schwarz. Durch die Choreographie und die Musik unterscheidet sich der zweite Teil grundlegend von den anderen beiden. Die Klänge sind lebendiger und rhythmischer, die Betonung liegt nicht mehr auf gestreckten Beinen und Armen, sondern auf der Hüfte und den häufig abgewinkelten Knien. Das Solo-Paar Osiel Gouneo und Nancy Osbaldeston ist das Highlight des Ballettabends. Ihre spezifischen Bewegungen des Oberkörpers und der Schultern, das bewusste Flexen des Fußes, das einander imitierende und zeitlich versetze Tanzen und der Wechsel zwischen Spitze und Ferse sind im Einklang mit der schwungvollen, energiegeladenen Musik Strawinskys. Gouneo und Osbaldeston bestechen durch eine hohe Variabilität, die von Drehungen, Strecken, Pliés und schnellen Sprüngen zu eindrucksvollen Figuren und dem Spiel zwischen fließender und eckiger Bewegung reicht. Ebenso hervorzuheben sind die Gruppentänze, die Elemente des Charleston enthalten und an Revue erinnern, da das gesamte Ensemble synchron zu den klaren Klängen von Strawinsky tanzt.

Auf den lebhaften, mitreißenden zweiten Teil folgt der dritte und letzte: Diamonds. Der Hintergrund erinnert stark an eine Unterwasserwelt, die funkelnden Schneeflocken an der Decke und die weißten Glitzertutus verorten Diamonds in einer winterlichen Landschaft. Wie in Emeralds, kann man wieder viel Spitzentanz sowie gestreckte Arme, Beine und Füße sehen. Während die Gruppenszenen imponieren, kann die Leistung des Solo-Paares leider nicht überzeugen. Jinhao Zhang wirkt von Beginn an erschöpft. Balanchines Choreographie des Pas de deux ist geprägt von dem Tanz des weiblichen Parts während der Mann sehr statisch ist, sie hält oder ihr den Arm reicht. Zhang fehlt in den Momenten des Wartens Körperspannung und Ausdrucksstärke, möglicherweise hat er im Rahmen der Orchesterhauptprobe noch nicht seine volle Leistung gezeigt. Im Vergleich mit den Tänzen des Solo-Paares in Rubies, sind jene in Diamonds langsamer und träger, es gibt keine aufregenden Figuren und die Schwere der Musik spiegelt sich in der Choreographie wieder. Der abschließende Gruppentanz mit allen 32 Tänzern zu majestätischen Klängen rundet den Ballettabend durch höchste Synchronität, sei es bei Armhaltungen, Drehungen, Sprüngen, Spitze oder kleinen Schritten ab.

Rubies ist als Höhepunkt von Jewels des Bayrischen Staatsballetts hervorzuheben. Bedingt durch die klaren, rhythmischen Klänge Igor Strawinskys brilliert das Solo-Paar Osiel Gouneo und Nancy Osbaldeston, das ihr Können auf der Bühne in jeglicher Hinsicht zum Besten gibt.

 

Julia Lipold studiert im 5. Semester im Masterstudiengang Performative und Intermediale Musik- und Tanzwissenschaft an der Universität Salzburg. Ihr Interesse an Darstellenden und Performativen Künsten  im transkulturellen Kontext brachte sie zu ihrer Masterarbeit "Trojan Women. Gegenwärtige Adaption antiker Stoffe im asiatischen Musik- und Tanztheater", an der sie zur Zeit schreibt.

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