REIN GOLD. Ein Bühnenessay (Auszug)

Ring Des NibelungenRein GoldOpernfestspieleRichard Wagner

W (Wotan, der Wanderer): […] Wäh wäh, walla walla, jammer, wie deine Mama!, Papa liebt eine andre, wie furchtbar! Papa liebt dich nicht? Folge halt irgendeinem anderen, es gibt ja so viele, ich bin kein Himmel, aus dem du stürzen könntest. Ich weiß schon, irgendeiner ist dir nicht gut genug, es muß der Eine sein, aber du wirst nicht wissen, daß es keinen anderen gibt, und zwar, weil du keinen andren kriegen wirst. Und der wird sich am Ende als der Zweite erweisen, der sich eine Zweite nimmt, nach dir. Er wird nachgerückt werden, er wird sich hinter sich selbst anstellen müssen. Er wird ein Unrecht tilgen, immerhin, irgendeiner wird es tilgen, er wird schon noch bezahlen, auch mit sich, ein Unrecht, an das keiner sich mehr erinnern wird können. Kein Eigentum, das du stehlen, mit dem du abziehen könntest. Einen Ring am Finger, nichts anderes, willst du, wie alle Frauen! Ich weiß! Ein Pfand, das keiner einlöst. Einen Ring willst du, damit du was zum Vorzeigen hast. Papa liebt dich nicht! Wie schrecklich! Und da jammerst du endlos dahin, so eine peinliche Erfahrung! Papa hat dich verdroschen, und jetzt macht er auch noch Feuer um dich! Da ist aber Feuer am Dach! Der Dämmstoff brennt leider auch, was er eigentlich nicht dürfte. Man kann sich auf nichts mehr verlassen, denn eigentlich soll der alles am Brennen hindern, er soll dämmen, nicht aktiv werden, und da brennt er selber dahin! Kein Wunder, daß du dich nicht eindämmst in deiner Eifersucht, in deinem alten Haß, Kind! Wir Götter verdanken unser Vermögen ganz der Arbeit andrer, aber dafür haben wir letztlich auch bezahlt, wider Willen. Und dann brennt uns das Haus ab, weil die Riesen den falschen Dämmstoff benutzt haben! Polystyrol für die Polymorphen, die andre in vielerlei Gestalt nur betrügen. Sogar als ein Wurm! Recht geschieht ihnen, und das Recht kommt ja auch von ihnen. So. Dann brennt alles, weil du dich nicht zurückhalten kannst. Dann brennt alles, weil die Kinder gezündelt haben, nein, deswegen nicht, die Götter haben keine Kinder, ihre Kinder sind bei der Geburt schon erwachsen. Die Götter ersparen sich viel, weil sie nicht sparen müssen. Ich finde ja nicht, daß du den Ring auch noch zurückgeben mußt, aber bitte, wenn du mußt …! Ich seh das jetzt nicht, daß du das unbedingt mußt. Ich hab dir den Helden geschickt, und was machst du mit ihm? Eifersüchtig bist du seinetwegen. Von Anfang an, als noch keine andre da war. Und gleich setzt die nächste Entwicklungsphase ein, da kann man sich bei dir drauf verlassen, ich warte schon, daß du mit dem Schreiben endlich aufhörst. Mit der Arbeit endlich aufhören, Götterkind! Statt dessen fängst du immer wieder etwas an, neue Inangriffnahmen gegen Mißliebige, die dafür aber von anderen umso mehr geliebt werden. Du startest Hetzkampagnen, während du schläfst. Überhaupt: Arbeit nennst du das! Dein Abhängigkeitsverhältnis zum Schreiben ist, wie jeder Kenner weiß, notwendig für dein Wohlergehen und damit du überhaupt irgendwas tust. Was andres kannst du ja nicht. Lächerlich. Außer dir kümmert keinen, was du tust. In Waffen ein Mann – sowas wirst du nie werden! Leichter würde dir, löste man dir endlich den Helm: Das ist kein Mann! Tut mir so leid für dich, Kind! Das wird er sofort merken, da bin ich mir sicher. Und gleich wird er ausgerechnet nach seiner Mutter rufen, daß sie ihm hilft. Heil dir, Sonne, heil dir, Licht, wird er sagen, aber es wird weder Sonne noch Licht sein, die er sehen wird. Er wird die Dinge falsch benennen, auch wenn er sie richtig sieht, das ist Teil seines Problems. Du auch, Tochter, du wirst Heil! sagen, du wirst es zur Erde sagen, die sowas wie dich nie gewollt hat. Du bist eine Mißgeburt, die, aufgeweckt, nur ihren Helden sieht. Für nichts andres mehr hat sie noch Augen, die Tochter. Schlafen, das habe ich dir erlaubt, aber nicht für immer. Du wachst auf, und schon bist du, was du eh warst: kein Mann! Brennst dafür für einen, der den falschen Dämmstoff gegen dich in Anwendung bringt! Und alle finden das gut. Lies hier, lies dort, lies Trauben, lies in den Spalten: Alle finden das gut! Tut mir leid für dich. […]

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Theater Verlags. Copyright: Elfriede Jelinek, 2012, Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Reinbek bei Hamburg

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