Proben und Premieren in Tokio

28.09.2017

Endlich angekommen! Das Hotel Grand Prince New Takanawa kennen die meisten der Gastspiel-Reisenden schon sehr gut, es ist dasselbe Hotel, das auch auf früheren Japan-Besuchen bezogen wurde. Unsere Gruppe ist nun von 120 Reisenden auf 430 angewachsen – man sieht so viele bekannte Gesichter schon zum Frühstück. In dem schon sehr familiär gestalteten Münchner Opern-Alltag kommt eine neue Art der Zusammengehörigkeit auf. Privatsphäre gibt es nun für Keinen mehr.

Für das Organisationsteam hat sich vermutlich am meisten geändert. Es gibt im Hotel ein eigenes Großraum-Büro, in dem Vertreter von Intendanz, musikalischer Direktion, Künstlerischem Betriebsbüro, Geschäftsführung, Chor, Presse und Marketing alle beisammen sitzen und arbeiten. Direkt gegenüber sitzen die japanischen Veranstalter von NBS, um uns zu unterstützen. Ab jetzt ist das für drei Wochen unser Alltag … Man könnte meinen, ein Lagerkoller sei unvermeidlich, doch die Stimmung ist durchwegs fröhlich. Selbst die „alten Hasen“, die insgesamt schon ihr siebtes Japan- Gastspiel erleben (die Staatsoper reist seit 1974 regelmäßig hierher), betonen die außerordentlich gute Laune bei allen Beteiligten.

Besprechungen, Besprechungen
Japanische Tagespläne
und Planungen und Planungen....
Die Kollegen von NBS haben sichtlich Spaß mit uns

 

Die Mitarbeiter der Technik waren die Ersten: Sie richten schon seit einer Woche das Bühnenbild und die Beleuchtung der beiden Opernproduktionen ein: Die Zauberflöte in Bunka Kaikan und Tannhäuser in der NHK Hall. Die Bedingungen sind komplett anders als im Münchner Nationaltheater: Aufgrund der unterschiedlichen Maße des Bühnenraums müssen Anpassungen vorgenommen werden. So wird das Pferd im ersten Aufzug von Tannhäuser - in München noch ein lebendiges -  lediglich projiziert, die Vorhänge im zweiten Aufzug sind etwas kürzer und weniger. Und für die Stimme der Venus aus dem Off (3. Aufzug) muss erst ein passender Ort gefunden werden. Das alles ist nur in einem dreifachen Schichtbetrieb zu schaffen. Rechtzeitig zur Klavierhauptprobe ist Romeo Castelluccis Inszenierung allerdings fertig eingerichtet – auch dank der Mithilfe einer ganzen Armada an japanischen Technik-Kollegen.

 

Bühnenaufbau 2. Aufzug - "Tannhäuser"
Bühnenaufbau 1. Aufzug - "Tannhäuser"

 

Die Sänger von beiden Stücken, unter anderem Klaus Florian Vogt, Annette Dasch, Elena Pankratova, Georg Zeppenfeld, Matthias Goerne, Brenda Rae, Hanna-Elisabeth Müller, Daniel Behle oder Michale Nagy versprühen gute Laune und passen sich ideal an die verkürzten Probenzeiten an – immerhin wurde schon im Juli in München für das Gastspiel geprobt! Die jeweiligen Orchesterhauptproben, die in diesem Fall gleichzeitig die Generalproben sind, verlaufen ohne größere Probleme: Kirill Petrenko und Asher Fisch haben sogar Zeit, mit dem Bayerischen Staatsorchester, den Solisten und dem Chor an winzigen Details zu arbeiten.

 

Georg Zeppenfeld und Matthias Goerne während der Generalprobe
Papagenas und Papagenos Kinder
Papagenas und Papagenos Kinder
Klaus Florian und sein Sohn Kalle Vogt mit Abendspiel-Leiterin Giulia Giammona
Annette Dasch besucht die Kolleginnen Brenda Rae und Hanna-Elisabeth Müller bei der Probe
Annette Dasch besucht die Kolleginnen Brenda Rae und Hanna-Elisabeth Müller bei der Probe

 

Zwischen diesen aufwändigen Opern-Vorbereitungen haben das Staatsorchester und Kirill Petrenko auch noch ein symphonisches Konzert im Bunka Kaikan zu bestreiten. Das Programm ist aus Taipeh und Seoul bekannt und gut geprobt: Rachmaninoff und Mahler. Nach dem Konzert verabschieden wir uns wehmütig von unserem Solisten Igor Levit – er gehört schon fast zur Staatsorchester-Familie und wir freuen uns auf neue gemeinsame Projekte!

 

Gustav Mahlers 5. Symphonie im Bunka Kaikan

 

Tokio bringt eine sehr positive Veränderung mit sich: freie Tage! Viele haben sich schon lange im Vorfeld spezielle Ziele auserkoren, die sie unbedingt besuchen wollten. Die Bühnenmusik beispielsweise nutzt die Nacht nach der Tannhäuser-Generalprobe, um den Fuji zu erklimmen und den Sonnenaufgang zu genießen. Wieder andere lassen sich einen Tag im Umland Tokios in einem Spa verwöhnen, um den Stress der letzten Wochen aus den Knochen zu bekommen. Aber auch der Großstadtdschungel Tokio wird erkundet: Shoppen in Shibuya oder Asakusa, Karaoke-Singen in Shinagawa oder – etwas beschaulicher – der Besuch des Kaiserpalastes. Nachts heißen die Treffpunkte der Gastspieltruppe New-York-Bar (berühmt aus dem Film Lost in Translation) oder Pussy-Cat, letzter beliebt wegen der unmittebaren Nähe zum Hotel …

 

Der Tempel Sensō-ji in Asakusa
Unsere Bühnenmusiker auf dem Gipfel des Fuji, gegen 5 Uhr morgens
© Thomas Berg
Buddha Statuen in Kamakura
Aussicht aus der "Lost in Translation" Bar

 

Nach einer Woche ist es dann endlich soweit: Die Premiere von Tannhäuser startet schon um 15 Uhr Ortszeit in der NHK Hall. Das Foyer lässt keine Zweifel offen: Deutschland ist zu Gast! Sowohl unser Veranstalter NBS, als auch wir sind gespannt auf die Reaktionen des Publikums. Auch wenn bekannt ist, dass die Japaner prinzipiell sehr aufgeschlossen sind - auch modernen Inszenierungen gegenüber - hat Romeo Castellucci für seinen Tannhäuser doch eine ganz eigene Theatersprache entwickelt. Doch unser Intendant Nikolaus Bachler ist schon vor Beginn der Vorstellung überzeugt, dass die Ästhetik von Castellucci dem japanischen Publikum sogar sehr nahe sein könnte: „Man könnte die Inszenierung mit ihrer Abstraktion und den Symbolismus auch als moderne Version des traditionellen Nō-Theaters bezeichnen!“ Und tatsächlich: schon in der Pause sprechen wir mit begeisterten Gästen. Für uns ungewohnt früh - gegen 20:30 - ist die Tokio-Premiere von Wagners Meisterwerk zu Ende. Einige verlassen sehr schnell den Zuschauerbereich, viele rotten sich aber auch am Orchestergraben zusammen und applaudieren voller Enthusiasmus.

 

Elena Pankratova, Kirill Petrenko, Klaus Florian Vogt, Annette Dasch und Matthias Goerne beim Schlußapplaus
Die geschmückte NHK Hall

 

Zwei Tage später freuen wir uns dann auch schon auf die Zauberflöten-Premiere. Es geht jetzt Schlag auf Schlag! So wie die Opern sehr unterschiedlich sind, ist auch die Stimmung hier eine ganz andere. Auf der Hinterbühne huschen immer wieder die japanischen Kinder von Papagena und Papageno laut kichernd vorbei – Ja, wir alle haben uns in sie verliebt – die Tölzer Knaben singen sich auf der Seitenbühne ein und die Technik ist trotz der komplizierten Inszenierung von August Everding etwas gelöster als bei Tannhäuser. Immerhin gibt es diese Zauberflöte schon fast 40 Jahre! Die Vorstellung endet mit frenetischem Applaus und Standing Ovations.

 

Ulrich Reß, Brenda Rae, Asher Fisch, Hanna-Elisabeth Müller, Daniel Behle, Matti Salminen und Michael Nagy beim Premieren-Applaus
Der gesamte Cast der "Zauberflöte"

Es ist vollbracht! Das erste Konzerte, die Proben und die Tokio-Premieren sind vorüber. Ab jetzt heißt es: Noch mehr Tokio kennen lernen und aufregende weitere Vorstellungen bewältigen. Zum Abschluss freuen wir uns auf noch ein Konzert des Staatsorchesters unter Kirill Petrenko, diesmal mit Musik von Mahler und Wagner. Da ist der befürchtete Lagerkoller gleich wieder in weite Ferne gerückt!

 

Arigato gozaimasu!

© Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet, Wilfried Hösl

 

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