Phoenix aus der Asche: Die Opern-Bibliothek wandert in die Bayerische Staats-bibliothek

OrchesterStaatsbibliothekGeschichte

Stellen Sie sich vor: Das Nationaltheater fängt während einer Vorstellung an zu brennen! Es ist Mitte Januar und bitterkalt. Das Löschwasser der neuen Sprinkleranlage gefriert. Glücklicherweise verliert wegen des ausgeklügelten Fluchtwege-Systems niemand beim Brand sein Leben, aber Bühne, Kulissen, Zuschauerraum und Teile des Instrumentariums sind zerstört. Der König weint beim Anblick seines geliebten Opernhauses, das, unter erheblichen finanziellen Zwängen errichtet, gerade erst seine fünfte Spielzeit erlebt.

Was tun? Wiederaufbau und Konzentration der Mittel, heißt die Devise im Jahr 1823; in kürzester Zeit, nach denselben Plänen, aber diesmal doch mit einem recht kostspieligen eisernen Vorhang, der solche Katastrophen künftig verhindern soll. Die ca. 50.000 Münchner Bürger werden mit einem Bierpfennig ihren Beitrag zum kulturellen Leben der Stadt leisten müssen.

Als Ausweich-Spielstätte dient bereits wenige Tage nach dem Brand das von François Cuvilliés errichtete Hoftheater – immerhin gelingt dort einmal pro Woche eine Opernaufführung.

Am 2. Jänner 1825 große Wiedereröffnung mit einem Festakt: Prolog, Bayerisches Volkslied und das große Feen-Ballett „Aschenbrödel“ eines nicht genannten Komponisten. Im selben Jahr veranlasst der junge König Ludwig I. die Schließung des zweiten staatlichen Opernhauses (das Königliche Theater am Isartor); gleichzeitig löst er die Italienische Oper auf. Alle führenden Posten des Theater- und Opernbetriebs werden neu besetzt.

Ein großer Schatz jedoch übersteht diese Ereignisse und ermöglicht die beispiellose Erfolgsgeschichte des Opernhauses: Die Notenbibliothek bleibt weitgehend unversehrt. Sie wird im Jahr 1825 Titel für Titel neu geordnet und mit neuen, fortlaufenden Signaturen („R:Th.“ für „Residenz-Theater“ und mit der für das Werk vergebenen Nummer) versehen.

Keine Oper, kein Schauspiel, kein Ballett kann ohne Partitur, Stimmenmaterial für Sänger, Chor und Orchester sowie Klavierauszüge, Regie- und Inspizientenbücher aufgeführt werden. Buch neben Buch ins Regal gestellt, kann so ein komplettes Aufführungsmaterial bis zu drei Meter breit laufen.

Oft quillt das Archiv über, es entstehen räumliche Probleme, und so muss das Material, das in der Oper endgültig nicht mehr verwendet werden soll, das Theater verlassen. Wohin? Seit dem 18. Jahrhundert gibt es für die Staatsoper eine praktikable Lösung: Ab in die Musiksammlung der Hofbibliothek, heute: in die Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek an der Ludwigstraße!

Die größten Ablieferungen von Aufführungsmaterial aus dem Nationaltheater, die bis 1944 und in den Siebziger bis Neunziger Jahren in der Ludwigstraße eintrafen, machen zusammen ca. 400 laufende Meter aus – was etwa der halben Strecke von der Feldherrenhalle bis zum Siegestor entspricht.

Der friedliche Anblick täuscht: bis das gesamte Material verschiedener Ablieferungen aus den Paketen gehoben, sortiert, zugeordnet, in Listenform erfasst, zusammengeführt, katalogisiert, kassettiert, gestempelt, etikettiert, aufgestellt und dann endlich benutzbar ist, vergehen Jahre. Blauer Arbeitskittel für den Katalogisator? Schatzgräberstimmung? Überraschende Entdeckungen? Rettungsaktionen für geschädigte Quellen? Viele, viele Themen tun sich auf.

Kommentare

Neuer Kommentar