Paar de deux – Nicht ohne meine Spitzenschuhe!

© Wilfried Hösl

Von Simona Pinwinkler

Das Märchen von Aschenputtel lehrte uns einst, dass das richtige Paar Schuhe das Leben verändern kann. Während Cinderellas gläserner Schuh sie zu ihrem Traumprinzen geführt hat, stellt ein aus Leder und Kunstfaser gefertigter Spitzenschuh das wichtigste Arbeitswerkzeug für eine Ballerina dar. Was für den Maler der Pinsel, für die Ärztin das Stethoskop und für den Musiker sein Instrument ist, das sind die Schuhe für eine Balletttänzerin. „Umso wichtiger ist es daher für die Tänzerinnen, den perfekten Spitzenschuh für sich zu finden“, weiß Séverine Ferrolier, die seit 2004 als Solistin am Bayerischen Staatsballett tanzt und mit Beginn der aktuellen Spielzeit von 2018/19 die Verwaltung der Spitzenschuhe für das Ensemble übernommen hat.

Dass die Spitzenschuhe für die Tänzerinnen jedoch noch weitaus mehr bedeuten, versteht man, wenn man ihren Geschichten und Ausführungen zuhört. Marta Navarrete Villalba, die seit 2014 Teil des Corps de ballet am Bayerischen Staatsballetts ist und davor in Spanien und London getanzt hat, berichtet beispielsweise von einem Erlebnis bei einem Vortanzen in Spanien: „Einige Mädchen haben die Schuhe einer Mitstreiterin manipuliert, indem sie die Sohle von den Schuhen gelöst, mit Strasssteinen gefüllt und wieder zugeklebt haben.“ Die Bewerberin konnte somit nicht mehr am Vortanzen teilnehmen und wurde dadurch um eine wertvolle Chance in ihrem Fortkommen als Ballerina gebracht. „Seither lasse ich meine Schuhe nie aus den Augen, vor allem bei einem Vortanzen,“ resümiert Marta und scherzt, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn Ballerinen mit den Schuhen unter dem Arm geklemmt in die Kantine oder auf die Toilette gingen.

Die Solistin und Spitzenschuhverwalterin Séverine Ferrolier in CINDERELLA (2012) © Wilfried Hösl
Tänzerin Marta Navarete Villalba hat lange nach ihrem perfekten Spitzenschuh gesucht © Andreas Liedl

Pointe Shoe Fittings am Bayerischen Staatsballett 

Für dieses Frühjahr hat Séverine Ferrolier gleich zwei Pointe Shoe Fittings für die Tänzerinnen des Staatsballetts organisiert, die ihnen die Möglichkeit bieten, unterschiedliche Modelle anzuprobieren und sich von den geschulten Vertretern der Spitzenschuhhersteller beraten zu lassen. Etwa ein Viertel der Tänzerinnen am Bayerischen Staatsballett tanzen mit Spitzenschuhen der US-Marke Gaynor Minden. Wenn die Vertreterin des Unternehmens, die Französin Isis Cathala, mit ihrem übergroßen Reisekoffer zum Fitting in den sechsten Stock des Nationaltheaters kommt, dauert es nicht lange, bis der Fußboden der Damengarderobe mit unzähligen nagelneuen Spitzenschuhen übersäht ist. Beim Fitting wird jede Tänzerin individuell beraten. Hierfür zieht die Ballerina zunächst ihre aktuellen, bereits getragenen Schuhe an und geht auf Spitze. Die Beraterinnen sehen genau hin und analysieren, welche Verbesserungen man für das zukünftige Paar vornehmen könnte, um den Tragekomfort zu optimieren. Die Gespräche mit den Tänzerinnen seien dabei besonders wichtig, so Cathala, denn nur so könnten sie die Beweggründe für die Schuhwahl nachvollziehen und die Schuhe weiterentwickeln.

Die Tänzerinnen haben die Möglichkeit, aus fünf unterschiedlichen Kategorien an Härtegraden der Sohle zu wählen, von „super soft“ bis „extra hard“. „Die Wahl dieser Kategorie ist sehr individuell und hängt zum einen von der physischen Beschaffenheit der Füße einer Ballerina ab und zum anderen vom tänzerischen Programm während der aktuellen Spielzeit. Gewisse Stücke und Rollen verlangen einen härteren Schuh als andere und danach muss sich auch die Schuhwahl richten“, erklärt Isis, die selbst jahrelang getanzt hat und nun dieses Wissen in ihre Arbeit als Spitzenschuhvertreterin einbringen kann. Als Vertreterin für den globalen Markt besucht sie verschiedene Ballettakademien weltweit und kann daher gewisse kulturelle Trends hinsichtlich der Schuhwahl beobachten: „Während in Russland und Brasilien bevorzugt auf harter Sohle getanzt wird, greifen Tänzerinnen aus Europa und Asien vermehrt zu weicheren Schuhen. Die Kultur eines Landes und die damit verbundene Stilrichtung des Tanzes bedingt oftmals das Schuhwerk. Natürlich trifft dies nicht auf alle zu, aber eine Tendenz ist zu erkennen."

Pointe Shoe Fitting im Nationaltheater
© Bayerisches Staatsballett

Mit dem richtigen Härtegrad der Sohle sind die Auswahlmöglichkeiten in der Bestellung eines Spitzenschuhs jedoch noch lange nicht ausgeschöpft. Für jedes Modell gibt es unterschiedliche Größen in der Länge des Fußes, der Breite der sogenannten „Box“, die den vorderen Fußbereich umschließt sowie in der Höhe am Knöchel und an den Seiten. Außerdem können spezielle Anfertigungen und zusätzliches Material für die Spitze bestellt werden, um den Tänzerinnen extra Halt und ein möglichst komfortables Gefühl in den Schuhen zu bieten. Accessoires wie elastische Bänder, Satinschleifen und Einlagen als Zehenschutz gehören ebenfalls zum Standardequipment einer Ballerina.

Die Suche nach dem richtigen Schuh

„Es ist nicht selbstverständlich, dass derartige Fittings angeboten werden und alle Tänzerinnen die Möglichkeit erhalten, ihren perfekten Schuh für sich auszuwählen. Das ist ein großes Privileg hier an diesem Haus“, erklärt Marta. Vor allem die jungen Tänzerinnen schätzen diese Termine, da viele von ihnen noch in der Findungsphase sind. „Es kann Jahre dauern, bis man den richtigen Hersteller und schließlich das richtige Modell gefunden hat,“ so Marta. Sie selbst habe so gut wie alles ausprobiert, bevor sie die passende Marke für sich entdeckt hat. Die Tänzerinnen des Bayerischen Staatsballetts tanzen hauptsächlich mit Schuhen der Marken Freed, Gaynor Minden, Bloch, Sansha und Grishko. Jeder Fuß ist physiognomisch anders konzipiert, jede Tänzerin arbeitet anders in ihrer Tanzkunst. Deshalb sei es gut, dass es so viele unterschiedliche Hersteller gebe, erklärt Marta und zeigt mit einer gewissen Euphorie ihren ganz individuellen Spitzenschuh: „An der Sohle steht mein Name, das eingestanzte Dreieck steht für meinen Schuhmacher und die Zahlenkombination verrät das Modell, die Länge sowie die Boxbreite. Es ist mein Schuh – den gibt es nur einmal.“

Wenn der Schuhmacher in Rente geht …

Dieses hohe Maß an Personalisierung schätzen viele professionelle Tänzerinnen an der britischen Spitzenschuhmarke Freed – darunter auch ein Teil der Ballerinen des Bayerischen Staatsballetts. Jeder Schuh ist handgefertigt und mit dem Zeichen des jeweiligen Schuhmachers versehen. Auf der Website von Freed findet man sogar die Fotos der Schuhmacher mit dem jeweiligen Symbol, wodurch der Bestellvorgang noch eine ganz spezielle persönliche Note erhält. Seit mehr als sieben Jahren tanzt Jeanette Kakareka, die zuvor in den USA und London engagiert war und seit der Spielzeit 2017/18 Ensemblemitglied des Bayerischen Staatsballetts ist, mit Schuhen eines einzigen Schuhmachers der Marke Freed. Doch nun ist dieser in den Ruhestand gegangen, wodurch sie und die anderen Abnehmerinnen dieses Schumachers sich wieder in einer Phase der Umorientierung befinden. „Es ist nicht leicht für uns, den Schuhmacher zu wechseln. Jeder arbeitet vollkommen anders.“ Beim aktuellen Pointe Shoe Fitting im Nationaltheater lässt sich Jeanette daher eingehend von den Spitzenschuhvertretern von Freed beraten. Sie probiert Modelle unterschiedlicher Schuhmacher an und vertraut dabei vollkommen auf deren Expertise: „Es wird noch eine Weile dauern, aber ich bin mir sicher, dass wir den richtigen Schuh finden werden.“

Die letzten Handgriffe vor der Vorstellung von JEWELS © Wilfried Hösl
Jeannette Kakareka tanzt hier in JEWELS mit ihren bevorzugten Spitzenschuhen © Wilfried Hösl

Im Fall von Jeanette hat sich der Wechsel bereits sechs Monate im Voraus angekündigt. Die Tänzerinnen wurden vom Hersteller über die Pensionierung informiert, wodurch die Möglichkeit bestand, noch etliche Paar auf Vorrat zu bestellen. Es gebe aber auch Fälle, in denen die Schuhmacher sehr plötzlich aufhören, sei es durch Krankheit oder Kündigung, wie uns die britische Tänzerin Sinéad Bunn erzählt, die seit 2010 am Bayerischen Staatsballett tanzt und eine besonders langwierige Suche nach dem perfekten Spitzenschuh hinter sich hat. Nachdem ihr ehemaliger Schuhmacher seine Tätigkeit krankheitsbedingt aufgeben musste, war es schwer für sie, einen äquivalenten Ersatz zu finden. Sinéad teste daraufhin sämtliche Hersteller und deren Modelle aus und hat dadurch eine gewisse Expertise in Sachen Spitzenschuhe entwickelt. „Ich bin mittlerweile eine wahre Schuhexpertin hier im Haus – wenn meine Kolleginnen Probleme mit ihren Schuhen haben, kommen sie meist zu mir und fragen um Rat.“

Vom Schlagen, Nähen und Backen

Wenn die Spitzenschuhe schließlich einige Wochen später bei den Kundinnen ankommen, beginnt erst noch die individuelle Bearbeitung durch die Tänzerinnen selbst, bevor die Schuhe tatsächlich einsatzbereit sind. Jede Ballerina hat hierfür ihre eigenen Methoden und Vorlieben. Marta beispielsweise erklärt, dass sie die Nägel aus dem hinteren Teil der Sohle zieht und ein Stück davon abschneidet, um einen besseren Stand in den Schuhen zu erhalten. Seitlich näht sie über Kreuz doppelte Bänder an, um den Halt zu bestärken. Früher hat sich ihre Mutter um ihre Spitzenschuhe gekümmert. Als Marta dann nach London ging, um an der Royal Ballet School zu tanzen, musste sie erst lernen, ihre Schuhe selbst vorzubereiten. Sie deutet auf die gegenüberliegende Wand der Garderobe und erzählt: „Genau hier schlagen wir die Schuhe vor einer Vorstellung gegen die Wand. Das bewirkt, dass die Schuhe auf der Bühne leiser sind.“ 

Sinéad wiederum backt ihre Schuhe vor jeder Vorstellung und lüftet damit ihr persönliches „Geheimrezept“: Hierfür stellt sie die Spitzenschuhe in den noch heißen Backofen und lässt sie richtig aufheizen. Nach der Vorstellung werden die Schuhe schließlich wieder am Heizkörper getrocknet, um sie länger haltbar zu machen. Die Behandlung der Schuhe mit einem bestimmten Kleber, einer Mischung aus Alkohol und Harz, gehört ebenfalls zur allgemeinen Schuhpflegeroutine der Ballerinen, wie uns Séverine erklärt.

Auch vor und nach dem Training müssen die Spitzenschuhe bearbeitet werden © Susanne Schramke
© Sasha Gouliaev

Eine flüchtige, aber intime Liaison

Wie lange tanzt eine Ballerina nun mit einem Paar Spitzenschuhe? Dies ist die große Frage, die oft gestellt aber selten beantwortet wird. Von hundert Stunden pro Paar ist mehrmals zu lesen, festlegen kann man sich hierbei jedoch nicht. „Wenn du willst, kannst du ein Paar Spitzenschuhe während einer Vorstellung durchtanzen“, meint die Tänzerin Marta, „doch das wäre eine Verschwendung. In der Regel sollten sie schon eine Woche halten.“ Die Halbwertszeit der Schuhe ist demnach nicht lange, der Verschleiß an Spitzenschuhen dementsprechend hoch. Die Spitzenschuhverwalterin Séverine ist unter anderem auch für die Bestellung und Kalkulation der Spitzenschuhe und Schläppchen für das Ensemble zuständig und muss darauf achten, dass das angesetzte Budget eingehalten wird. „Das ist nicht immer so einfach. Natürlich sollen stets genügend Schuhe vorrätig sein, aber ich muss auch die Kosten im Blick behalten, weshalb ich die Tänzerinnen manchmal ein bisschen bremsen muss.“ Tänzerin Marta gibt lachend zu: „Wenn man eine Ballerina fragen würde, wie viele Schuhe sie gerne haben möchte, würde wohl jede antworten: Tausende! Da gäbe es kein Limit.”

 „Es gibt kaum eine intimere und zugleich flüchtigere Beziehung als zwischen einer Ballerina und ihren Schuhen“, schreibt der Journalist Scott Freeman in seiner Reportage über getragene Spitzenschuhe (24.01.2019, Arts ATL). Intim, weil es kaum ein derart personalisiertes Kleidungsstück auf dieser Welt gibt, wie wir nun wissen. Flüchtig, weil es wohl keinen Schuh gibt, der einen vergleichbar hohen Verschleiß aufweist. Als wir einzelne Ballerinen des Bayerischen Staatsballetts mit dieser Aussage konfrontieren, gibt es keinen Widerspruch. „Absolut, dem kann ich voll und ganz zustimmen“, meint Marta, „wir sind abhängig von unseren Schuhen und müssen uns hundertprozentig auf sie verlassen können.“

Was auf der Bühne so leicht und schwebend aussieht, ist in Wahrheit harte Arbeit. Nicht nur in Form des täglichen Balletttrainings, sondern auch die Auswahl sowie die Vor- und Nachbereitung der Spitzenschuhe ist mit großem Zeit- und Materialaufwand verbunden, von den oftmals schmerzenden Füßen ganz zu schweigen. „An die Schmerzen gewöhnt man sich“, meint Sinéad und erklärt, dass sie es trotz oder gerade wegen dieses hohen Einsatzes als Privileg ansieht, auf Spitze zu tanzen. Diese emotionale, ganz persönliche Komponente definiert wohl letztlich, was den perfekten Spitzenschuh so besonders für jede einzelne Tänzerin macht.

Tänzerin Sinéad Bunn kurz vor ihrer Vorstellung von JEWELS im April 2019 © Wilfried Hösl
Vor allem im Spitzentanz muss die Schuhwahl perfekt abgestimmt sein © Sasha Gouliaev

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