Opernstudio-Tagebuch (5): Ödipus im Postpalast

21.06.2017

Premiere in der Festspiel-Werkstatt!  Ein junges Team entstaubt einen alten Mythos. In Mark-Anthony Turnages Oper Greek ist Opernstudio-Mitglied Olga Fedorova Korrepetitorin und Teil des Orchesters. Bildhaft schildert sie, warum der Ödipus-Mythos zeitlos ist und man Musik wie eine neue Sprache lernen kann. „Greek“ – über Musik, Klangsprache und das Schicksal.

Olga Fedorova
Olga Fedorova ist Korrepetitorin im Opernstudio.

Kannst du uns zum Einstieg die Handlung der Oper Greek kurz zusammenfassen?
Greek basiert auf dem alten griechischen Ödipus-Mythos: die Adoptiveltern des Protagonisten Eddy bekommen eine schreckliche Prophezeiung und es wird alles getan, um deren Erfüllung zu vermeiden. Aber wie wir auch sehen können, führt genau dieses Verhindern-Wollen schlussendlich zum Gegenteil und das Schicksal muss sich erfüllen.
Mit Greek wird der Mythos von Sophokles ins Heute versetzt und in moderner Sprache zum Leben erweckt. Das betont auch, dass der Mythos ein absoluter Topos ist, der nicht an Aktualität und Relevanz verliert. Viele Dinge können sich ändern, die kulturellen Gegebenheiten können variieren, aber es ist eine ewige Geschichte.

Woran genau liegt es, dass dieser alte Mythos um Ödipus „eine ewige Geschichte“ ist?
Was meiner Meinung nach sehr wichtig ist, sind die Gefühle: Jeder Mensch hat Gefühle, da verändert sich von der griechischen Antike bis heute nichts. Wir lieben und wir hassen, wir haben dieselben Ängste, und ja, wir machen auch leider immer noch dieselben Fehler. Irgendwo habe ich einmal gelesen: „Das Einzige, was die Geschichte uns lehrt, ist, dass wir aus der Geschichte nichts lernen“. Das finde ich sehr passend, die Fehler wiederholen sich einfach. Dadurch verliert der Mythos nicht an Aktualität.

Aber hier geht es auch noch darum, was genau man als Hauptidee von Erzählungen sieht. Für mich ist das nicht nur eine grausame Geschichte, sondern sie bietet auch den Anlass, sich mit dem Begriff des Schicksals auseinanderzusetzen. Was bedeutet Schicksal? Ist es etwas Absolutes? Existiert es überhaupt? Es scheint ja nicht möglich zu sein, davor zu fliehen oder es zu vermeiden.

Wie würdest du die Musik und die Klangsprache der Oper beschreiben?
Sie ist auf jeden Fall modern und wirklich interessant. Für mich ist die Musik eine Art von Sprache. Und deswegen empfinde ich eine neue Musik genauso wie eine neue Sprache. Man muss von vornherein glauben, dass es eine Logik in ihr gibt. Auch wenn ich diese Sprache nicht sofort beherrsche, ist das kein Problem, aber ich muss mich darauf einlassen und optimistisch bleiben. Aber ganz wichtig bei der Arbeit mit einem neuen Stoff ist es, Vergleiche zu vermeiden. Meine Muttersprache ist russisch und als ich nach Deutschland kam, habe ich versucht, die russischen Sätze Wort für Wort zu übersetzen. Das war ein grandioser Fehler und funktionierte nicht. Du kannst Logik und Melodien nicht übersetzen, du musst sie in der neuen Sprache denken. Und genauso empfinde ich die neue Musik als Fremdsprache, die man mutig angeht und dann wird es funktionieren.
Natürlich gibt es mögliche Parallelen im Klang, beispielsweise zu anderen Musikstilen. Turnage verwendet auch bestimmte musikalische Formen als besondere Zeichen für eine Epoche oder ein Genre. Es taucht zum Beispiel in der Mitte des Stückes ein Walzer auf oder an einer Stelle das sehr spezifische Genre des burlesken Liedes. Dadurch wird die Musik durchaus melodienreich und man kann die Themen in der Musik als Hintergrund zu Gedanken und Gefühlen auf der Bühne wiedererkennen. Das macht das Ganze auch für den Zuschauer besser verständlich.

Aufgabe der Korrepetitorin ist es ja, das Orchester durch das Klavier zu ersetzen. Wo liegen die Schwierigkeiten dabei, wenn man mit affektgeprägter Musik arbeitet?
Natürlich kann ich auf dem Klavier nicht alle Geräusche der Oper imitieren. Turnages Oper ist brillant orchestriert. Da finden sich alle möglichen Klänge, manche kommen auch gleichzeitig, das wäre nicht möglich, sie wiederzugeben. Unser Orchester ist mit 19 Musikern eher klein und ganz viele von uns spielen neben ihrem Hauptinstrument auch noch teils ungewöhnliche Nebeninstrumente wie Tamtam und Gong oder Claves und Pfeiffen. Wir haben auch zwei Klaviere: ein elektronisches und einen akustischen Flügel, der dann in manchen Szenen so präpariert wird, dass er ganz anders klingt.
Der Postpalast hat eine tolle, aber außergewöhnliche Akustik. Zudem verwenden wir bei diesem Stück auch eine sehr aufwändige Technik, die Bühne ist rund und liegt in der Mitte, so wie bei einem Amphitheater. Das wird noch eine Herausforderung.

Oksana Lyniv
Oksana Lyniv hat die Musikalische Leitung bei „Greek“ inne.
Regisseur Wolfgang Nägele
Regisseur Wolfgang Nägele bei den Proben

Bei Greek arbeitet ein recht junges Team zusammen: Wie ist die Stimmung bei den Proben?
Ich finde das ist eine tolle Idee, dass sich gerade junge Musiker und ein junger Regisseur mit dem Ödipus-Thema beschäftigen. Man kann jungen Leuten immer mangelnde Erfahrung vorwerfen, aber Erfahrung sehe ich persönlich nicht immer als positiv. Manchmal bedeutet Erfahrung auch Angst zu haben, so wie man heute manche Dinge vorsichtiger angeht, als man es als Kind getan hat.
Wenn wir den Stoff erarbeiten, hat zunächst der Regisseur ein bestimmtes Konzept. Aber jeder Interpret, egal ob Musiker oder Schauspieler, bringt natürlich einen Teil seiner selbst mit. Das Stück an sich ist ja eine Kammeroper. Es gibt vier Solisten, von denen einer dauerhaft Eddy spielt. Die anderen drei Solisten verwandeln sich in verschiedene Figuren. Ich finde, das ist ein sehr interessantes Zeichen für das Publikum. Eine Person hat nicht nur eine Rolle, genauso wie im realen Leben. Wir alle tragen verschiedene Rollen in uns, sind für manche Kollegen, für andere Freunde. Ich kann Ehefrau oder Geliebte sein, Mama, Schwester oder selbst Tochter.

Glaubst du an Schicksal?
Ich persönlich kann daran nicht glauben… Für mich würde das bedeuten, die Verantwortung über das eigene Leben an irgendwelche Kräfte abzugeben. Wir können unser Leben nie hundertprozentig berechnen, es gibt so viele Faktoren, die unsere Wahl und unser Leben beeinflussen. Unser Leben ist ein Weg und wie wir den Weg gehen, ist durch den Charakter jedes einzelnen bestimmt. Im Grunde aber bleibt es unsere Wahl und damit unsere eigene Verantwortung.

Proben im Postpalast
Proben im Postpalast...
Eine Oper auf Schienen
...auch auf Schienen.

Ist das auch der Ansatz, den Regisseur Wolfgang Nägele in seiner Inszenierung verfolgt?
Ich glaube, das ist eine Frage, die letztendlich jeder Zuschauer für sich entscheiden muss (lacht). Wir könnten uns aber Folgendes vorstellen: Was würde passieren, wenn die Adoptiveltern nie von der Prophezeiung gehört hätten? Wie könnte sich das Leben von Eddy und allen Beteiligten dann weiter entwickeln? Die Wahrsage, die der Vater von Eddy bekommt, versetzt die ganze Familie für lange Zeit in Angst und ist der Grund, warum Eddy die Familie verlässt, um vor dem Schicksal zu fliehen. Doch das ist die Frage: Wie wäre es, wenn das gar nicht passiert wäre, wenn es gar keine Prophezeiung gegeben hätte? Die Problematik ist ja, dass man im Versuch, gegen das Schicksal anzukämpfen, letztendlich doch sein Schicksal erfüllt.

Worauf dürfen sich die Opernbesucher besonders freuen?
Oh, das ist schwierig zu sagen... Als Mitwirkende habe ich natürlich eine besondere Haltung zu diesem Stück, man beschäftigt sich einfach so viel damit. Ich glaube, dass man sich vor allem auf den tollen Gesang und die glänzende Regiearbeit freuen kann. Und auch diese Zusammensetzung in der Inszenierung zwischen realem Leben und der Mythologie ist etwas ganz besonderes. Der Streit im Café, das Frühstücken in der Familie oder die Szene mit der Polizei treffen auf absolut mythologische Figuren wie die grotesken Sphinxen.

Tim Kuypers als Eddy
Tim Kuypers als Eddy
Haben wir die Wahl?
Haben wir die Wahl? Schienen als starke Metapher.

Trotzdem geht Greek anders aus als der Ödipus-Mythos ...
Sophokles' Ödipus endet tragisch. In der Geschichte von Berkoff bleiben alle am Leben, aber was besonders wichtig für uns ist, ist die Frage: „was folgt?“. Es ist eine Geschichte, die kein Ende hat und jeder Zuschauer kann sein eigenes Ende finden. Die erste Reaktion von Eddy, als er die Wahrheit um seine Herkunft erfährt, ist Schock und er will sich wie im Mythos die Augen ausstechen. Soweit muss es aber nicht kommen. Zum Finale wird dann gesungen „Wir lieben nur“. Am Ende bleiben zentrale Fragen offen: Was ist ein Fehler? Was ist die Liebe?

Greek
Mo, 26. Juni 2017 20.30 Uhr (ausverkauft)
Di,  27. Juni 2017 20.30 Uhr Karten
Mo, 3. Juli 2017 20.30 Uhr Karten
Di, 4. Juli 2017  20.30 Uhr Karten
Postpalast, München 
Preise € 24,- / € 10,- (Schüler/Studenten) Ermäßigung für Junges Publikum bzw. mit Drama Plus Karte

Amelie Langermantel

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