Opernstudio-Tagebuch (4): Eine Oper ensteht

06.03.2017

Jede Saison erarbeitet das Opernstudio eine eigene Neuproduktion. Diesmal bringen die jungen Künstler zusammen mit Regisseurin Christiane Lutz und Dirigten Geoffrey Paterson The Consul auf die Bühne. Premiere ist am 28. März.
Korrepetitor André Callegaro gibt uns einen ersten Eindruck, wie so eine Operninszenierung entsteht.

Bei der diesjährigen Opernstudio-Produktion The Consul von Giancarlo Menotti bin ich als Korrepetitor und musikalischer Assistent unseres Dirigenten Geoffrey Paterson dabei. Von dieser Oper hatte ich vorher noch nie etwas gehört, also setzte ich mich ans Klavier und arbeitete mich Stück für Stück durch dieses 300 Seiten starke Buch – und war positiv überrascht. Neben der packenden Handlung und ihrer Aktualität hat mich vor allem die kompositorische Vielfalt begeistert. Menotti verwendet für fast jede Figur, für jede Stimmung einen anderen Schreibstil. So findet man alles, von schroffen Dissonanzen für die ausweglose Situation unserer Hauptfiguren über mechanisches Schreibmaschinentippen der Sekretärin bis hin zu an Prokofiew anlehnende Klänge beim russischen Magier oder puccinihaftem Schwelgen der Italienerin.
Im Vorhinein waren meine Kollegin Olga Fedorova und ich zusammen mit unserem Leiter Tobias Truniger für das Einstudieren der Sängerinnen und Sänger verantwortlich, also dass alle ihre Partien bis zum Probenstart auswendig können. Um für die Einstudierung bereit zu sein, musste ich nicht nur den Orchesterpart am Klavier darstellen, sondern auch die Gesangsstimmen der Sänger singen können.

Aus dem Proberaum: Requisiten und Notenbuch.
André Callegaro, Korrepetitor des Opernstudios

Im Dezember und Januar starteten wir mit den Soloproben. Dabei gehe ich als Korrepetitor mit den jeweiligen Sängern ihre Partien durch und singe die anderen Rollen, damit sie sich die Einsätze merken können. Einfach gesagt passe ich darauf auf, dass meine Kollegen immer den richtigen Text im richtigen Rhythmus auf die richtigen Noten singen. Alles andere was noch dazugehört, wie Tempo und die musikalische Gestaltung, muss noch im Hintergrund bleiben, weil wir die endgültige Lesart des Dirigenten abwarten müssen. Gerade bei selten gespielten Werken wie dem Consul gibt weder Traditionen oder übliche Lesarten und auch kaum gute Referenzaufnahmen, so dass die Überraschung erst beim musikalischen Durchlauf mit dem Dirigenten gelüftet wird. Hier müssen Korrepetitoren und Sänger dann sehr flexibel sein, um seine Tempi sofort übernehmen zu können.

Am 13. Februar ging es dann zum sogenannten Konzeptionsgespräch, bei dem wir das Regieteam unter Christiane Lutz, ihre Deutungsweise der Geschichte, das Bühnenbild und die Kostüme kennenlernten. Obwohl wir uns schon wochenlang mit der Musik beschäftigt haben, erweiterte diese Vorstellung unser bisheriges Verständnis des Stückes enorm und die Vorfreude auf die szenischen Proben stieg weiter an. In den nun folgenden sechs Wochen bis zur Premiere wird es spannend, Tag für Tag feilt die Regisseurin mit den Sängern an den einzelnen Szenen, erklärt alle Aktionen und Wege auf der Bühne und die emotionalen Entwicklungen der Figuren. Hier sind wir Korrepetitoren immer als Ein-Mann-Orchester dabei und spielen die Szene solange bis alles passt. Dabei achten wir mit dem Dirigenten zusammen darauf, dass die Sänger richtig singen und sich keine Fehler mehr einschleichen. Denn für alle ist es zu Beginn eine große Herausforderung, sich gleichzeitig aufs Singen und auf all die vielen szenischen Handlungen zu konzentrieren. Wenn der Dirigent nicht da sein kann, vertrete ich ihn am Pult. Dabei ist das Wichtigste für einen reibungslosen Probenverlauf, dass ich immer am szenischen Prozess dabei bin, also in der Partitur nach einer Unterbrechung den musikalischen Einstieg schnell wieder finde, immer genau die Tempi und Übergänge des Dirigenten treffe und den Sängern die Einsätze gebe. Aber ich muss als Vertreter der Partitur zum Beispiel auch der Regie sagen, wo die Musik zeitliche und interpretatorische Freiheiten für die Szene erlaubt und wo das nicht geht.

Das Schönste bei diesem Prozess der szenischen Proben ist, täglich mitzuerleben, wie dieses zunächst noch abstrakte Stück, das wir über die Noten erst allmählich kennengelernt haben, immer mehr zu einer ganz konkreten Geschichte wird, die immer mehr Eigendynamik erhält. Ich bin wie wir alle sehr gespannt, wie diese Geschichte am Ende unseres gemeinsamen Weges mit The Consul in den nächsten Wochen aussehen wird. Dann, wenn alle Szenen angelegt sind und die letzten Bausteine dazukommen: der Orchesterklang, die fertige Bühne mit der Beleuchtung, die Kostüme und alle Requisiten.

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