Onegin – Tiefe und Schärfe

BallettGeschichteOnegin

Mit der hochemotionalen Vorstellung vom vergangenen Freitag verabschiedet sich Onegin – vielbeschworener Klassiker des 20. Jahrhunderts, das Ballettdrama schlechthin – für längere Zeit vom Spielplan des Bayerischen Staatsballetts.

Für die Interpreten gerät jede Vorstellung zum Fest ihrer Darstellungskunst: Sowohl der Titelheld als auch seine Antagonistin Tatjana sind Musterfälle großer Tragik, dem unschuldig Schuldigwerden: Den Dandy verblenden die Krankheiten seiner Epoche, Nihilismus und Ennui. Die naive, aber ehrliche Liebeserklärung eines Mädchens vom Lande nimmt er als Mann von Welt nicht ernst, in Liebesdingen desillusioniert, und weist Tatjana verächtlich zurück. Klassisch der Hochmut vor dem Fall – ein Charakterfehler setzt eine unaufhaltsame Entwicklung in Gang: Unangenehm berührt von seiner eigenen Grausamkeit, flüchtet sich Onegin in einen Flirt mit der Verlobten des besten Freundes. Der, vollkommen außer sich, fordert ihn zum Duell. Onegin lenkt ein, scheitert mit seinem Versuch, den Rasenden zu beschwichtigen: Er muss die eigene Ehre wahren, erscheint und schießt. Ein tödlicher Schuss. Nach Jahren erkennt er den Fehler, erträgt die selbst gewählte Kälte der Einsamkeit nicht länger und bittet Tatjana nun seinerseits, ihm ihre Liebe zu schenken. Sie jedoch kann ihm nicht mehr folgen: Als Fürstengattin scheut sie Skandal und Entehrung. Aus Furcht, den neu erworbenen Reiz einer Dame von Stand zu verlieren und wiederum zurückgestoßen zu werden, weist nun sie eine ehrliche Liebe ab. Und zerbricht.

Beide Figuren sind ambivalent: Ihre Handlungsweise wird verständlich, ihre Entscheidungen spielen sich vor unseren Augen ab, verzeihlich durch die beschränkte Sichtweise. Zugleich werden die (Anti-)Helden schuldig in existenzieller Weise, vernichten – real oder metaphorisch – das Leben eines anderen durch Blindheit, durch Angst vor der übermächtigen Gesellschaft, gegen die sie sich nicht zu handeln trauen – zum Preis der Zerstörung letztlich des eigenen Lebens. Auf dem Höhepunkt von Akt zwei und drei stehen erst Onegin und dann Tatjana vor einer unentscheidbaren Entscheidung. Atemlos stürzt die Szene einer der möglichen Katastrophen entgegen, mit ihr Musik und Tanz: Panisch flatternd flieht man vor dem fatalen Moment, rast zugleich darauf zu. Ratlos und rastlos verdichten sich leitmotivisch in Musik und Szene Erinnerung und Affekt. Sekunden jagen sich, dem Dilemma ist nicht zu entkommen: Onegin steht auf der Lichtung, Entehrung droht, dann konkret der Tod. Tatjana fürchtet die Heimkehr des Gatten, Entdeckung der ehebrecherischen Situation. Und die Entscheidung fällt gesellschaftskonform: Der Freund wird erschossen, die Liebe verjagt. Am Ende steht tiefes Leid, ein brennendes Gewissen. Die Moral liegt beim Betrachter. Auch nach der hundertsten Vorstellung geht man grübelnd nach Hause. Diese unaufhebbare innere Spannung auf existenzieller Ebene ist die Droge des Dramas für Publikum und Solisten. An unvergessliche Augenblicke erinnern sich beim Bayerischen Staatsballett Generationen…

Kommentare

  • Am 31.05.2011 um 19:33 Uhr schrieb Martin

    Meine "all-time-favourite" Besetzung sind Evelyn Hart und Oliver Matz, seit 20 Jahren habe ich keine bessere Besetzung mehr gesehen....

  • Am 31.05.2011 um 21:49 Uhr schrieb Marius

    "Onegin"-Abschied mit Lucia Lacarra und Marlon Dino... dankbar froh, erschöpft und blass... woher nur nehmen die beiden die Kraft, solche Extremzustände immer wieder ganz schutzlos zu leben? In der spiralen Stringenz der getanzten Bezüge, im Spiegel des in sich gespürt dann gewärtig Bekannten, ach, ich hätte wohl Angst, dass diese für den Moment so reale Erfahrung irgendwann, scheinbar verwandt, ins Private hineindriften könnte.

    Für beide, eine nicht zu überschreitende Grenze, die es ja gar nicht gibt...

  • Am 03.06.2011 um 00:22 Uhr schrieb Ingrid

    Hoffe sehr, dieses wunderbare Ballett doch noch einmal zu erleben, auch wenn es dann vielleicht wieder eine andere Traumbesetzung geben wird.
    Die Rückschau in Bild und Schrift hat ich mich sehr gefreut und berührt.
    Vielen Dank
    Ingrid

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